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Ost und West · 1910-01-01 · Heft 1 (Januar 1910) · p. Seite 29 - 30

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 1 (Januar 1910)
Article
Im alten Haus
Date
1910-01-01
Page
Seite 29 - 30 (sequence 8)
Language
German
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29 Vicki Baum: Im alten Haus. 30 erkannte. Und seit sie den kleinen Leo einmal Französisch lernen gehört hatte, und ihre seit sechzig Jahren eingefrorenen, bescheidenen Kenntnisse dieser Sprache aufgetaut waren, hatte ihr Glück seinen Höhepunkt erreicht. Der kleine Leo war zwar inzwischen ein grosser Bursch mit seltsam aus den Fugen gegangenen Fuss- und Handgelenken geworden; — selbst wenn man dies der Grossmutter nicht erzählt hätte, würde sie es an seiner Stimme, die kühne Sprünge vom tiefsten Bass in einen grellen Diskant zu machen liebte, erkannt haben. Aber die alte Frau konnte sich den Burschen nicht anders vorstellen als klein und drollig und mit einem lustigen, stumpfnasigen, kindlichen Struwelkopf; so wie er am Tag vor ihrer Erblindung ausgesehen hatte. Der kleine Leo war das einzige, was sich seither in dem alten Haus verändert hatte, und die Grossmutter war verlegen und wusste nicht recht, mit ihm umzugehen. Aber keinesfalls konnte es schaden, ungefähr vierzigmal täglich zu sagen: „geh dei franzeische lesson machen; hast eh ä Dreier auf der letzten gekriegt." Und wenn sie ihn dann prüfte und ihm Fehler ausbesserte, während die anderen in schweigender Bewunderung dabeistanden, dann sagte sie stolz: „ech bin alt ün blind ün bin noch immer mehr wert als Ets." Und das Leben war ruhig und schön, trotz aller „Schmerzen" und „Anfälle", die jetzt ganz wirklich und Folgen einer Arterienverkalkung waren. — Aber eines Tages geschah etwas, das kein Besucher oder Bewohner des Hauses „zum Weissen Wolfen" je für möglich gehalten hätte; es sollte etwas zur Tatsache werden, was man nicht ausdenken, nicht glauben, nicht träumen, sich überhaupt nicht vorstellen konnte. Ein junger und so eleganter Herr, wie noch niemals einer das alte Haus betreten hatte, war durch die klirrende bunte Glastüre gekommen, — ganz wie jeder andere Mensch, — war ärgerlich dem Kanalloch ausgewichen und hatte die Hausmeisterwohnung erfragt. Und hatte alle Parteien des Hauses in diese Wohnung berufen lassen; was ganz überflüssig war, weil ohnedies alle Bewohner bei dem Mittelpunkt des Hauses, der grünen Bank zusammenliefen. Und nachlässig an diese Bank gelehnt, hatte der junge Herr erklärt: „dass er das Haus geerbt habe, dass er es niederreissen und — er umfasste mit einem verächtlichen Blick das schmutzige dumpfe Winkelwerk — in anderer und schönerer Form wieder aufbauen lassen werde; dass auch die Mikwe laut Beschluss der Kultusgemeinde neuerbaut und mit allem Komfort der Neuzeit ausgestattet werden sollte. Und dass er daher die p. t. Parteien ersuchen müsse, innerhalb eines Vierteljahres die Wohnungen räumen zu wollen." Und dann machte der junge, elegante Herr eine kurze, eckige Verbeugung und ging, einen ärgerlichen Umweg um das Kanalloch, machend, durch die bunte, klirrende Glastüre hinaus. Es schien, dass keine der p. t. Parteien den Sinn der Rede verstanden hatte; noch als der Hausherr die -oberste der ausgetretenen Stufen erreicht hatte, noch als er in den Wagen stieg und der eleganten lauten Grossstadt jenseits des Flusses entgegenfuhr, lag über dem dumpfen Hof ein verlegenes, ängstliches Schweigen. Aber es lässt sich durchaus nicht schildern, was dann, als der erste Schreck überwunden war, für massloses Schreien und Lärmen alle Winkel des Hauses erfüllte. Am lautesten schrie der alte Karl, wahrscheinlich weil er taub war, und der Besitzer des kleinen Gasthausgarten vor dem Tor, wahrscheinlich weil er ohnedies den nächsten Mietzins nicht gehabt hätte. Die alte Frau Blum aber hatte kein einziges Wort gesprochen. Sie bekam auch, allen Befürchtungen des jungen Herrn zu Trotz, keinen „Anfall" an diesem Abend. Ein merkwürdiger Abend übrigens! Seit dem Rauchfangfeuer vor nunmehr achtzehn Jahren war es das erstemal, dass der junge Herr nicht „noch arbeiten gehen" musste, sondern zu Hause blieb und mit den anderen Pläne machte und Vermutungen anstellte; dahingehend, dass eine neue, helle und mit allem Komfort der Neuzeit ausgestattete Mikwe nicht das richtige sein dürfte, und sowohl •dem Pächter als auch den Kundschaften nur Nachteil bringen könne. Die alte Frau hörte schweigend zu, und fingerte unruhig an dem Schnitzwerk ihres Sessels herum. Einmal sagte sie: „was, ets sehts!" was schadt eich das Ganze? Aber ech? Was fang ech an in e neien Haus?" Es war etwas so Hoffnungsloses in ihrer Stimme, dass die anderen für einen Augenblick verstummten; aber dann sprachen alle zugleich auf die alte Frau ein und ihr mattes: „no was, wie lang werds denn noch dauern," ertrank in dem erregten Gewühl von Worten und Stimmen. Wie lächerlich unbedeutend war gegen dieses das Rauchfangfeuer vor achtzehn Jahren, wie selbstverständlich der Tod des alten Herrn Blum vor dreissig Jahren. Ja, es war eigentlich unverständlich, weshalb man sich über die Erblindung der alten Frau so aufgeregt hatte; denn wie klein und nebensächlich waren diese Ereignisse diesem unerwarteten, ganz undenkbaren und eigentlich unmöglichen Fall gegenüber! Die heisere, alte Uhr schlug Mitternacht, als die Familie Blum sich zur Ruhe begab. Der Wind strich in schweren Stössen vom Fluss her und machte die Fenster ängstlich klirren, das Nachtlicht zuckte und die alte Uhr räusperte sich und sagte eine Viertelstunde nach der andern in die Stille; alle lagen ganz ruhig, aber niemand konnte schlafen. Und so kam es, dass alle erschreckt und mit leisem Grauen hörten, wie die alte Frau so einsam und hilflos weinte, wie sie seit dem Tod des alten Herrn Blum nicht mehr geweint hatte. — :— Als die alte Frau am nächsten Morgen zum allgemeinen Frühstück in die Küche kam, sali sie seltsam verändert aus. „Madam Blum, Innere Toilett weist Mängel auf," scherzte in munterem Tone der junge Herr; „Se ham en Scheitel vergessen."

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