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Ost und West · 1910-01-01 · Heft 1 (Januar 1910) · p. Seite 31 - 32

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 1 (Januar 1910)
Article
Im alten Haus
Date
1910-01-01
Page
Seite 31 - 32 (sequence 9)
Language
German
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31 Vicki Baum: Im alten Haus. 32 Der junge Herr hatte sofort herausgefunden, dass die Mutter so schlecht und verfallen aussah, weil statt der grauen Perücke heute die vergilbten, weissgebleichten Strähnen das alte Gesicht umrahmten. Die alte Frau antwortete gar nicht; und als der kleine Leo ihr die Perücke aufsetzte, schien sie es gar nicht zu bemerken. Uebrigens behielt ihr Gesicht trotz dieser Verschönerung den unheimlich verfallenen Ausdruck. Es lag wahrscheinlich an dem seltsamen gelben Licht, das ein nebliger Morgen widerwillig ans Fenster warf. „Mutter ham' Se Schmerzen?" versuchte der junge Herr sich angenehm zu machen. Aber er bekam keine Antwort. „Küss die Hand, Madam Blum," sagte er kleinlaut und ging kopfschüttelnd fort. Madame Blum horchte gespannt, wie er die Türe zuschlug und die Stiege hinabpolterte; dann hörte sie ihn über den Hof gehen und pfeifen: „Margarete — Mädchen ohnegleichen, Mar—ga—rete--" Das Zufallen der bunten Glastüre im Hofe schnitt die Melodie entzwei und es war ganz still. Die alte Frau fingerte an den Fransen des Tischtuches herum, flocht kleine Zöpfchen daraus — jene kleinen Zöpfchen, die das Leinzeug so sehr ruinierten, und die dem kleinen Leo so oft einen Klaps auf die Hände eingetragen hatten. Dann zählte sie die Zöpfchen; es waren ihrer siebzehn. „Dixsept," murmelte Madam Blum und ging mit vorsichtigen Schritten ins Zimmer. Die magere Rose sah ihr kopfschüttelnd nach und sagte: „Herste Leo, geh erein zu der Grossmutter in Zimmer! ech muss am Markt gehen, einkafen!" Sie nahm den alten bauchigen Korb vom Nagel und warf noch einen besorgten Blick ins Zimmer. Die alte Frau hatte den alten Silberbecher von der Kredenz auf den Tisch gestellt und tastete jetzt unruhig auf dem alten Tischtuch herum, ohne den Becher wiederfinden zu können. Da schüttelte die magere Rose nochmals den Kopf und ging. „Der Mutter geht es g o a r nah," sagte sie zu der Hausmeisteriii, „das mit den Haus"; und sie stieg nachdenklich die vierzehn ausgetretenen Stufen, in deren Höhlungen kleine Pfützen standen und laute Spatzen badeten, hinauf. „Leo," sagte die Grossmutter, als sie die Schritte des Buben im Zimmer hörte, „geh Franzeisch lernen, hast eh af der letzten Aufgab wieder e Dreier---" „Leo," begann sie gleich darauf, wie sie ihn unter seinen Büchern rumoren hörte; „Leo, mer sollen da ausziehen und solln ereinziehen in a neien Haus."--Es war viel Qual und Angst in ihrer Stimme. „Ich frei mich eh scho," sagte Leo. „Du? Du freist dich? Du kennst dich freien; aber iach?"-- Es lag ein tiefes Schweigen über dem Zimmer, und das hastige Ticken der alten Uhr stach ängstlich in die Stille. Dann stiess der Pfiff der Untergrundbahn mit hartem grellen Ton an die Fenster, und die alte Frau zuckte zusammen. „E so is es draussen — in a neien Haus," — sagte sie. „Leo, stell emal den Tisch zum Fenster," verlangte sie dann; „ün de Sesel stell aach wohin, wohin de willst; so, ün jetzt geh in de Kich. Herste, gehn sollste!" Leo schlich sich scheu hinaus; es war alles so merkwürdig beute. Was nur die Grossmutter wollte? Er ging leise zur Zimmertür zurück und sah hinein. Madam Blum tastete an den Wänden herum, stiess sich an den verschobenen Möbeln an, fand sich nicht zurecht, murmelte vor sich hin, und in dem gelben alten Gesicht war irgend etwas Schreckliches. „Ech kenn mich net aus — Leo, — ech kenn mech net aus — ech find nix, Leo — komm zu mer!" Der Bub schmiegte sich an sie, und sie strich mit zitternden Händen über seinen Schopf und die knochigen, aus den Gelenken geratenen Händen. „Geh — lernen," sagte sie dann; „geh Franzeisch lernen. Leo! — bleib! — na, geh nur!f' — Sie hielt ihn mit der einen Hand und mit der anderen schob sie ihn von sich. Dann stand sie schwerfällig auf und ging mit vorsichtigen Schritten und unsicherer als sonst durch die Küche, dem Gang zu. Bis zur Stiege war sie oft allein gegangen; bei der obersten Stufe blieb sie stehen und atmete tief. „Was, Gott gibt es Leben, Gott gibt es Sterben-," murmelte sie. Und ängstlich an das glitschige Geländer geklammert, tastete sie sich die Stufen hinunter . Im Hof stand der alte Karl und zog tief die Mütze; aber das konnte die alte Frau nicht sehen. Sie spürte an ^dem dicken grünlichen Zwiebbigeruch, dass sie über das Kanalloch ging; dann kam der ausgehöhlte grosse Pflasterstein, an dem der kleine Leo sich einmal die grosse Beule geschlagen hatte; jetzt kam eine Vertiefung, in der das graue Regenwasser abzulaufen pflegte. Dann drei Stufen aufwärts, und die nasse, fad riechende Luft des Badehauses umfing die alte Frau. Aus einer Kabine klang es: ping, ping, ping; — das Wasser tropfte in eine leere Blechwahne. Im Hof klirrte die Glastüre und dann drängte sich das Schreien eines Werkels bei den Fenstern herein: „Mar—ga—rete — Mädchen ohneglei—chen" — — „Gott gibt es Leben, Gott gibt es Sterben," sagte Madame Blum, als sie die feuchte Türe zu dem muffigen^Bassinraum öffnete. „Wie lang kanns denn noch dauern---?" Eine Stunde später fand man sie ertrunken in dem seichten Bassin.

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