Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1910)
- Article
- Im alten Haus
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 27 - 28 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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27 Vicki Baum: Im alten Haus. 28 Und es schien, als wäre nur dieser einzige Gedanke in. dem stumpfen alten Hirn nach all den Schmerzen und Aufregungen des letzten Jahres zurückgeblieben. Aber es war nicht so. Die alte Frau hatte viel zu denken und zu lernen. Sie lernte nach den sorgfältig gezählten Schlägen der heiseren alten Uhr beurteilen, ob es noch hell oder schon Abend war; sie lernte die Schritte ihrer Kinder unterscheiden, und ihre verschiedene Art die Türe zu schliessen. Sie hörte den Regen ans Fenster fallen, und sie merkte an dem schwächeren Knistern des Ofens, dass man nachlegen musste. Sie horchte auf die verworrenen Geräusche der Strasse unten, die sie seit Jahren nicht mehr betreten hatte, — der „Schmerzen" wegen, — wie sie sagte; und sie suchte sich ein Bild von der Grossstadt dort jenseits des Flusses zu machen. Ein Bild, das grell, missfarben und unbestimmt war, wie das Läuten der Strassenbahn, die Signalpfiffe und knirschenden Bremsen einer neuen Untergrundbahn, von der man ihr Merkwürdiges erzählt hatte, und das laute Schreien und Hämmern an einem Neubau. Sie hörte in den langen schlaflosen Nächten, wie die alten Möbel zu leben begannen, knackten, pochten, und einander seltsame Geschichten zu erzählen schienen; wie das Nachtlicht knisterte und erlöschend verzischte, wie im Nebenzimmer ein Polster geschoben wurde. Und sie wusste, dass jetzt draussen der Wind, strich, dass unruhige Schatten die Wände entlang glitten und im Dunkel ertranken, und dass ihr Sohn schlaflos lag, wie sie. Wenn die alte Frau allein im Zimmer war, dann ging sie mit kurzen unsicheren Schritten hin und her, tastete an den alten Möbeln herum, — gespannte Aufmerksamkeit um den zusammengepressten Mund — und erkannte jede der längstvertrauten und dochnie bemerkten Schnitzereien wieder. Eines Tages war der kleine Leo zu ihr aufs Sofa geklettert, hatte ein weniges geplaudert und war dann still geworden. Und als die Grossmutter an seinem regelmässigen Atem merkte, dass er, müde vom Spielen, eingeschlafen war, da tastete sie mit zärtlichen, leichten und hastigen Bewegungen über seinen Körper hin. Er war grösser und knochiger geworden, trug keinen Matrosenanzug mehr, und statt seiner kurzen; borstigen Löckchen hatte er einen flotten, aus der . Stirne gekämmten Schopf. Diesen Schopf streichelte die alte Frau ein paarmal, indes ein beschämtes, verstohlenes Lächeln auf ihrem Gesichte lag. Und als der Kleine erwachte, fragte sie ihn leise und verlegen: „herste, Leo, wos fir e Ferb hat dei Gewand?" Dann sass sie lange und nachdenklich da, und suchte sich ein Bild von diesem veränderten, gewachsenen Leo zu machen, der ein graues Gewand wie die Erwachsenen und einen flotten Studentenschopf trug. An diesem Abend klagte die alte Frau zum erstenmal wieder über Schmerzen; in der Brust, da gegen den Arm zu, ein Krampf — etwas ganz schrecklich Schmerzhaftes. Als der junge Herr nach Hause kam, fand er die Mutter stöhnend und ihn beschwörend, nach ihrem Tod die Schwester nicht zu verlassen. Die ganze Familie lebte auf, als sie diese lange und schwer entbehrten Worte wieder hörte; und das „noch arbeiten gehen! Küss die Hand, Madam Blum l" klang heute munterer und scherzhafter als. je und gar nicht gedrückt und schuldbewusst, wie das ganze lange letzte Jahr hindurch. — „Schö swi, tü ä, il ä---", murmelte Leo vor sich hin; dann kam eine ratlose Pause. „Nous," half ärgerlich die Grossmutter ein; „nusawong, wusawee, ilsong," schnurrte Leo erleichtert herunter. „Leo," bemerkte die alte Frau eindringlich, — „ech bin nix gegangen in der Realschul un hab nix stediert; ech hab gelernt f ranz eisen wie ech woor vierzehn Joahr alt ün bin gewesen ze Besuch bei de Tant in de Stadt. Aber ech wass noch heit mehr wie du." Leo war erstaunt; „aber — nusawong?" — begann er nochmals schüchtern. „Mir sein jetzten bei ,äter' nix bei ,awong\" unterbrach ihn schroff die Grossmutter, „ün du bist e Chammer!" „Schö zwi," fing Leo eilig wieder an, und jetzt klappte es so schön wie bei einer Spieluhr. „Hern se, Madam Blum, jetzt erfahrt mer erseht solchene Sachen?" sagte Herr Goldstaub, der verwundert neben der grünen Bank stand. „Klanigkeit!? ä Bildung wie ä Prinzess!" Und die alte Frau lächelte glücklich und geschmeichelt, und begann von der Pracht und dem Reichtum, in dem sie ihre Jugend verbracht hatte, zu erzählen. — Seit die dicke schwarze Mauer zwischen ihr und der Gegenwart stand, nur von den Stimmen ihrer Umgebung unterbrochen, und das Leben um sie her wie in weiter Entfernung geschah, sprach Madam Blum oft von ihrer Jugend. Mit ihrer Blindheit hatte sie sich in den fünf Jahren, die seither durch den winkligen kleinen Hof und die grosse Welt jenseits des Flusses gegangen waren, vollständig abgefunden. Sie sass im Sommer auf der grünen Bank und im Winter in der Sofaecke beim Ofen, und hatte Sommer und Winter das wohlige Gefühl, ganz besonders vornehm zu sein; was ihr anfangs als harte Strafe aus Gottes Hand erschienen war, das empfand sie nach und nach wie eine Auszeichnung, die sie aus der Menge der anderen erhob. Die alte Frau bewegte sich jetzt in der seit vierzig Jahren vertrauten Wohnung ganz sicher; sie kannte im. Hof jeden Stein des holprigen Pflasters und wusste geschickt den grünen Pfützen auzsuweichen, die immer ihre trüben Spiegel um das Ausgussloch des Kanals breiteten. Sie ging oft im Hof spazieren, mit suchend vorgestreckten Händen und zornig jede Hilfe abwehrend, und liess ihre Geschicklichkeit zum tausendsten Male von dem tauben Karl, der schmutzigen Hausmeisterin und den Nebenparteien bewundern. Die grösste Freude aber machte es ihr, die alten Hausierer, die seit vierzig Jahren im Bad Stammgäste waren, dadurch zu verblüffen, dass sie sie an der Stimme