Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1910)
- Article
- Im alten Haus
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 25 - 26 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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25 Vicki Baum: Im alten Haus. 26 Diese Nacht war im Herbst gewesen und seitdem waren die beiden anderen grossen Ereignisse im Leben der Familie Blum: das Rauchfangfeuer vor zehn Jahren und der Tod des alten Herrn Blum vor zweiundzwanzig Jahren, ganz in den Hintergrund getreten. Die alte Frau war — selbstverständlich auf Kosten des jungen Herrn — operiert worden, und der Doktor hatte in munterem Ton erklären können, dass die Operation ganz gegen Erwarten auf dem einen Auge sogar geglückt sei; es hatte sich nämlich nach einer genauen Untersuchung herausgestellt gehabt, dass man den richtigen Zeitpunkt zur Operation verpasst, und das Aergste zu befürchten hatte. Aber wie gesagt, auf einem Auge konnte die alte Frau sehen, und sie sass jetzt, eine schwarze Binde über dem erblindeten Auge, wieder in der Kasse und war recht glücklich. Denn die feinen Kundschaften, die Damen, .die besonders frommen, reichen Jüdinnen und Rabbinersfrauen, waren jetzt so ausserordentlich liebenswürdig gegen die alte Frau Blum, fast als wäre sie durch dieses schwarze Stückchen Tuch beinahe ihresgleichen geworden; und die alten Hausierer machten keine lauten Szenen mehr, wenn sie zahlen sollten. Allerdings gaben sie jetzt meist im Vertrauen auf die geschwächte Sehkraft — unberufen — von Madame Blum, Kupferkreuzer statt Silberzehnern; und gleichzeitig erkundigten sie sich höflich und voll Achtung nach dem Befinden. „Gott wass, wos er tut; de Welt is nix e so sehen, Madam Blum; me seht se auf an Aug genug," pflegte Herr Goldstaub zu sagen. Aber das eine Auge wurde schlechter und schlechter; und eines Tages musste der Doktor, eine beunruhigende Mischung von Hoffnungsfreudigkeit und Bedauern in der Stimme, zugeben, dass ,,wie befürchtet" der grüne Star das glücklich operierte Auge befallen habe. „0, ein äusserst häufiger Fall!" Es wurde also nochmals operiert; auch das andere %; '.}■• \? ( 3'v,- - :-t ---tr ~~ * , ' v \ -, «ft f' *i v-^l--*! 4.i * T "* .r^uSLw _ ^s^^Fw -■-•'-f.••" ^^jsmm^ ■ - Ä HÄr<§&«s-V mfm^ w&v* pfeifet ® . Illustration aus dem Buche Adler, „Von Ghetto zu Ghetto". Illustration aus dem Buche Adler, „Von Ghetto zu Ghettos Auge, „damit es nicht angesteckt würde", was der alten Frau ziemlich gleichgültig gewesen wäre, weil sie damit ohnedies nichts sali. Es wurde aber trotzdem angesteckt und ein zweitesmal operiert. Und als wieder der Herbst die braunen zusammengerollten Blätter des Nussbaumes durch den Hof fegte, war die alte Frau Blum vollständig erblindet. Sie kauerte jetzt, in ihr blaues Tuch gehüllt, ewig frierend in einer Sofaecke beim Ofen, und in der Kassa focht die magere Rose erregte Kämpfe mit den Hausierern aus. Die alte Frau war ganz apathisch geworden. Sie klagte nie, nicht einmal über ihre Schmerzen; sie wollte keinen Besuch, und den Tratsch, den man ihr zur Erheiterung zutrug, hörte sie so schweigend und gleichgültig an,, dass die Nachbarinnen sich ganz verlegen zurückzogen. Sogar den kleinen Leo schob sie mit einer matten Bewegung beiseite, wenn er zu ihr aufs Sofa klettern und schmeicheln wollte. Ihre Kinder sahen dem besorgt und ratlos zu und konnten sie nicht verstehen. Die alte Frau schämte sich. Sie, die auf jeden kleinsten Schmerz so stolz gewesen war, schämte sich entsetzlich ihrer Blindheit. Sie bewegte sich nicht, um nicht durch ihre Ungeschicklichkeit merken zu lassen, dass sie sich im Zimmer nicht auskannte; denn es war furchtbar beschämend, sich zum Ofen zu tappen, sich nach alter Gewohnheit mit dem Rücken daran zu lehnen, und dann zu finden, dass man beim Kasten im entgegengesetzten Winkel des Zimmers stand. Es war traurig und lächerlich zugleich, nicht zu wissen, was draussen für Wetter sei; nicht zu wissen, ob es noch hell sei, oder ob das Mädchen schon die Lampe anzünden müsse. Ganz unmöglich aber war es zu fragen, wer denn eigentlich im Zimmer sei. Darum sass die alte Frau schweigend und unbeweglich in der Ecke des Sofas; manchmal murmelte sie: „warum hat Gott mech eso gestroft? Worum losst er mech net sterben?!"