Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1910)
- Article
- Im alten Haus
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 23 - 24 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2583875-2583993-2583995-2594311--09980-2594381- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
23 Vicki Baum: Im alten Haus. 24 kleine Raketen, die sich mit heissen Spitzen in die Augen der alten Frau bohrten und brannten, während wieder ein heller grüner Punkt die Wand hinabglitt. Die Uhr schlug vier langsame tiefe Schläge und dann zweimal hell und kurz. Die alte Frau strich zusammenzuckend mit der fieberheissen Hand über die Stirne; die Schmerzen dort waren unerträglich geworden. „Mutterl, was is?" fragte der Sohn, durch ihr Stöhnen erwacht; „is Ihne schlecht?" Er zündete eine Kerze an, fuhr in die Pantoffel, ergriff die Kognakflasche, die er immer für die nächtlichen Anfälle der Mutter bereithielt, und ging leise an ihr Bett! Die alte Frau schrie gellend auf, wie sie die Kerze sah und deckte dann wimmernd die Hand über die Augen. Aus dem Nebenzimmer kam verstört und lärmend die magere kleine Rose gelaufen. „Mutterl, haste Krämpf? Geb'n Kognak, was stehste so da!" schrie sie den Bruder an. „Na, kane Krämpf," stöhnte die alte Frau; „de Augen un der Kop; de Augen, — weh — de Augen" — und sie schrie wieder auf, als der junge Herr sich ratlos mit der Kerze über sie beugte; eine Weile wimmerte sie leise und dann begann sie zu schreien. „Es zerreisst mer en Kop, es brennt — es brennt <— holt's en Dokter — ech sterb •— ech sterb--" Die mageren Hände hielt sie zitternd in die Decke gekrampft, die Augen geschlossen; und so schrie sie heiser, — grell — ununterbrochen: „Den Dokter — weh — den Dokter — ech sterb — ech sterb —• —" Der junge Herr zog sich eilig mit zitternden Händen an; „ech geh scho, Mutterl — ech geh um en Dokter; — sein Se ruhig — ech bitt Ihne, sein Se ruhig —" Sie wimmerte wieder leiser und ermüdet vor sich hin; „den Dokter, — mei Kop, ■— ech sterb —" „Küss die Hand, Madam Blum," versuchte der junge Herr verzweifelt zu scherzen und stürzte hinaus. Die magere Rose kniete neben dem Bett und streichelte hilflos die unruhig suchenden welken Hände der Mutter; aus dem Nebenzimmer kam knarrend und hüstelnd die verschlafene Stimme des Mannes, der den kleinen Leo beruhigte. Das Stöhnen der alten Frau hörte nicht auf; es wurde stärker und stärker und quoll auf zu einem formlosen tierischen Schreien; der alte Körper zitterte vor Schmerz und Anstrengung und das Schreien durchdrang das ganze alte Haus. Die Nachbarn krochen erschreckt aus ihren Betten und kamen in merkwürdigen Negliges daher, um die Ursache des qualvollen Lärmens zu erfragen. Es war ein abenteuerliches Hin und Her in dem kleinen Zimmer; ein Drängen und Stossen von Menschen, die, in Tücher gehüllt, mit verstörten Gesichtern, verzerrt und durchgerüttelt von der Seltsamkeit des Geschehnisses und der Stunde, wie Gespenster im Schein der zuckenden Kerze auftauchten und wieder im Schatten der Wände vergingen. Ein Gewühl von Stimmen wogte auf und ab, flüsternd, ängstlich, fragend, aufsteigend, jammernd, beruhigend; Und über allen das schneidende Schreien der alten Frau. ' Der junge Herr drängte sich mit dem Doktor durch das überfüllte Zimmer; das Durcheinander klärte sich, die alten Weiber zogen sich schnell ins Vorzimmer zurück; Rose zündete die Lampe an, und das gleichmässige Licht verwischte die unheimlichen Winkel und Schatten des Raumes; der junge Herr versuchte trotz seiner zitternden Stimme dem Doktor mit der siegesgewissen Eleganz des Commis voyageur die Honneurs zu machen. Die alte Frau aber war jetzt still; sie hatte beim Aufflammen der Lampe den Kopf in die Polster vergraben und stöhnte nur mehr leise vor sich hin. Der Doktor setzte sich mit einer liebenswürdigen Bewegung an das Bett, stellte in munterem Ton Fragen, tastete mit seinen weichen, vergnügt aussehenden Händen an dem alten Kopf herum, Hess seinen Zwicker lustig blitzend von der Nase fallen und wurde immer liebenswürdiger und munterer; schliesslich manipulierte er mit irgendwelchem Gerät an den Augen der alten Frau herum und die Schmerzen Hessen nach, ohne dass sie deshalb aufgehört hätte, zu wimmern. „Na also, Grossmutter, jetzt ruhig sein und schlafen," sagte der Doktor; „es ist gar nichts — ein kleiner'Augenkatarrh — nicht der Rede wert! Bitt Sie, ein Augenkatarrh, so eine Kleinigkeit." — Der junge Herr und die magere Rose bekamen den Eindruck, dass ein Augenkatarrh eigentlich etwas Angenehmes und Wünschenswertes sein müsse; so freundlich klang das Wort im Mund des Doktors. Sie waren sehr froh und erleichtert. Denn nicht wahr — ein Augenkatarrh — das war doch fast gar nichts.? — Im Vorzimmer sagte der Doktor mit besänftigendem Lächeln: „Mutter hat den grauen Star — muss operiert werden; ganz eine leichte Sache — werden wir bald haben. Mein Gott — eine Kleinigkeit — grauer Star —--" Und. wieder konnte man glauben, dass der Star eigentlich gar keine Krankheit sei: „ja — wenns der grüne gewesen wäre — aber nur der graue."-- Die alte Frau lag jetzt — eine schwarze Binde über den Augen — ruhig da; manchmal strich sie stolz und zärtlich über den schwarzen Stoff; denn sie fühlte, dass dies alles noch viel merkwürdiger und vornehmer war als sonst die „Schmerzen". „Güt Nacht, Mutter," sagte die kleine Rose; es schien, als wäre sie noch magerer geworden durch all die Aufregung. Der junge Herr löschte die Lampe aus und entzündete das aufzischende, gelbe, kleine Nachtlichtchen. Dann wickelte er sich fröstelnd in seinen Havelock und setzte sich ans Bett der Mutter. So war es nach jedem „Anfall" gewesen; nur die schwarze Binde sah unheimHch aus in dem zuckenden Schein. Der junge Herr schloss die Augen, und vor ihm tanzten die bunten Gestalten der Dirnen, mit denen er noch vor so kurzer Zeit gewesen war. Manchmal knisterte das Nachtlicht, dann seufzte die alte Frau: „Gott gibt es Leben, Gott gibt es Sterben; wie lang werds denn noch dauern--?"