Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1910)
- Article
- Im alten Haus
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 21 - 22 (sequence 4)
- Language
- German
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21 Yicki Baum: Im: alten Haus. 22 W/:^ Herbst zum Versöhnungsfest weinte sie; heftige, erleichternde und tieferlebte Tränen, weil dies das letzte Fest sei, das sie erlebe; und ihre vier Kinder standen hilflos herum und suchten nach irgendeinem Trost, der noch nicht allzu verbraucht und abgenützt war; aber sie fanden nichts, das stark genug gewesen wäre, der alten Frau Blum den Genuss dieser festtäglichen Leiden zu nehmen. . Des öfteren bekam sie des Nachts einen „Anfall"; dann stöhnte und weinte sie, liess die Kinder zusammenrufen und nahm — die alten Hände in die Bettdecke gekrampft — mit angstdurchrüttelter Stimme Abschied; ihr Kopf sank zurück, ihr Atem wurde schwächer und schwächer; nach einer halben Stunde schlief sie ruhig und tief. Aber noch eine Woche lang hatte sie die Freude, ihren „Kundschaften" erzählen zu können, wie nah der Tod an ihr vorbeigegangen war. „Was — Gott gibt es lieben, Gott gibt es Sterben; mir sein alte Leit, Frau Blum," sagte Herr Goldstaub soeben, „uns kenn sein eins wie's andere. Gut Nachtun gut Schabbes". — Denn es war Freitag abend; aus dem Bethaus im zweiten Stock kam näselnd und psalmudierend die Stimme des Vorbeters, stieg in Intervallen, die ururalt und seltsam waren, in den winkligen Hof hinab und hob sich wieder, um in dem lichtgrünen Nussbaum drüben zu zerflattern. — Die alte Frau Blum packte die Einnahme des Tages in die alte grüne Schachtel und stieg langsam die Treppen zu ihrer Wohnung hinauf. „Heit san de Schmerzen gor arg," sagte sie noch, bei der Hausmeisterwohnung einen Moment rastend; „no was, wie lang werds denn noch dauern?" — & ALFRED GRAETZER. Bauernmädchen. In der kleinen Wohnung lebte ausser der alten Frau noch die dürre, lebhafte, kleine Rose mit ihrem Mann, einem verlumpten, hageren, lungenkranken Agenten, der kleine Leo und der ,jjunge Herr"; so wurde nämlich seit vielen Jahren der jüngste, noch ledige Sohn genannt. Er war jetzt vierzig Jahre alt und hatte es durch einige schwindelhafte Bankrotte zu einem kleinen Vermögen gebracht, das ihn befähigte, als Ellegant und Lebemann der Stolz und Repräsentator, und zugleich die Melkkuh der Familie zu sein. Wenn die grasgrünen, fröhlichen Teppiche mit den höhnisch lächelnden roten Löwen in den Badekabinen zerrissen waren, wenn an einer Wanne oder an dem kühnen schmalen Rauchfang, der zum Dampfbetrieb gehörte, ein Defekt geschah, wenn zur Ueberraschung der Familie, die Kohlenrechnung einkassiert wurde, wenn der magere Agent Schulden machte: immer war es der „junge Herr", der mit angenehmer Selbstverständlichkeit die Sache ordnete. Hierfür und gegen eine ziemlich hohe Wohnungsmiete bewohnte er ein winziges, fensterloses Kabinett, das sein armseliges. bisschen Licht durch eine Glastüre vom hellen Wohnzimmer stehlen musste; der junge Herr bekam sein Essen, wurde ausgezankt, wenn er zu spät zur Mahlzeit kam, was ziemlich selten geschah, zankte seinerseits mit gütiger bescheidener Stimme, wenn seine Schuhe nicht geputzt waren, — was ziemlich oft geschah, — und ging im übrigen seine eigenen Wege; wobei leider gesagt werden muss, dass diese Wege nicht immer die allertugendhaftesten und saubersten waren, dass er diese eigenen Wege immer bei Nacht ging, und dass eben sie es waren, denen er seinen Ruf als Lebemann verdankte. Nach dem Essen erhob er sich mit wichtiger und zerstreuter Miene, murmelte etwas wie: — „noch arbeiten gehen!" tätschelte die graue Perücke der alten Frau, sagte in munterem und zugleich würdevollem Ton: „Küss die Hand, Madam Blum," und ging pfeifend fort. Nach Mitternacht kam er dann nach Hause und brachte den fremden Geruch schmutziger und lustiger Nachtlokale in sein winziges Kabinett. Er ärgerte sich ein wenig über das trockene Krachen seines Bettes, horchte einige Minuten auf den regelmässigen Atem der alten Frau, der in leichten Stössen durch die offene Tür des Nebenzimmers hereinkam, und schlief ein. — Die alte Frau hatte das Kommen des jungen Herrn gehört. Sie war vor einer Stunde mit einem unangenehmen Stechen in den Augen erwacht, das sie jetzt gespannt und mit wachsender Aufmerksamkeit beobachtete. Sie seufzte leise, wie die Schmerzen gleichsam wirklicher wurden, so, als würde eine harte und immer härtere Nadel da über den Augen hineingestossen; „vom Schnupfen" besann sie sich dann und legte sich leise auf die andere Seite. Die holleren Konturen der Fenster schnitten nicht so scharf in das schwarze Zimmer wie .in den anderen schlaflosen Nächten; und die Dunkelheit war nicht so tief und dicht wie. sonst. Seltsam graue Nebel stiegen auf — die alte Frau sah ihnen angestrengt nach — sanken wieder; tiefer und tiefer und zerflossen, indes oben am Plafond ein neuer, grauer Schleier sich bildete und in schwankenden Streifen anwuchs. Dazwischen fühlte sie „wieder das scharfe Stechen, — oder nein, es war kein Stich. — Es war der winzige hellgrüne Punkt, der da. die Wand entlang glitt; — jetzt zerstob er unten in viele glänzende- BRESLAU.