Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1910)
- Article
- Im alten Haus
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 19 - 20 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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19 Vicki Baum: Im alten Haus. 20 war, es durch vieles Betteln und Jammern, durch Protektion und Schwindel zustande gebracht, dass seine Mutter das rituelle Bad, die einträgliche „Mikwe" in Pacht bekam. Ein paar dumpfige kleine Kabinen mit Wannen, zwei stockfinstere Zimmer, die mit Steinen ausgemauert und mit gewärmtem Flusswasser gefüllt waren — die sogenannten Bassins — das war das „Fluss-Bad zum Weissen Wolfen". Zur Bedienung war Jenny, die Badefrau, die auch das vorgeschriebene Gebet über jede Badende zu sprechen hatte, und Karl, der in einem kohlschwarzen Maschinenraum das Wasser wärmte; — ausserdem gab's da noch eine gescheckte Katze, die aber nach einigen Jahren starb und überhaupt nebensächlich war. — Sonst war alles geblieben, wie die Blum es als vierzigjährige Frau übernommen hatte. Sie hatte nichts anderes von der lauten Gross - stadt kennen gelernt, sie wusste nicht, dass dieser Winkel hier etwas Absonderliches war, dass die Menschen, die hierher kamen,. abgeschnitten waren von dem Leben und der Welt jenseits des Flusses; ihr war all dies selbstverständlich. In diesem schmutzigen, winkligen Hof hatten ihre Kinder gespielt; waren herangewachsen, hatten eins nach dem andern geheiratet und das alte Haus verlassen. Dann, als es ihrer ältesten Tochter, der dürren, kleinen, lebhaften Rose, die wie eine Parodie auf ihren blühenden Namen durch das Leben lief, schlecht ging, war sie samt Mann und Kind wieder zur Mutter, in das kleine Haus zurückgezogen; jetzt spielte der Enkel im Hof. Die alten Hausierer, die früher gesagt hatten: „Eier Sohn? Unberufen! E schenes Kind!" sagten jetzt: „Eier Enkel? Unberufen! E gescheites Kind!" Und die alte Frau machte ein missvergnügtes Gesicht zu solchem Lob; denn sie wusste, dass Herr Goldstaub gleich darauf beteuern würde: „Sö soll Gott mich strofen, wann ech hab mehr als nein Kreizer bei mer." — Der Preis des Bades betrug 15 Kreuzer. — Denn trotzdem die alten Hausierer diese Komödie seit dreissig Jahren ohne jeden Erfolg spielten, hofften sie doch am Freitag immer wieder, vielleicht einen oder zwei Kreuzer abhandeln zu können. Wenn einer der alten Herren es gar zu arg trieb und absolut nicht zahlen wollte, dann wurde Karl aus dem kohlenschwarzen Maschinenraum gerufen; er war zwar alt, lungenkrank, taub und versoffen, aber die Stammgäste des „Flussbades" ergriffen noch ebenso bestürzt wie vor dreissig Jahren die Flucht; die Glastüre klirrte, die Hausmeisterin keifte, die alten Juden jammerten und alle seltsamen Winkel und E.cken waren erfüllt von grellem Lärm, der an- und abschwoll, noch schwächer wurde und in einem letzten gläsernen Klirren der bunten Türe verklang. Nach jedem solchen Streit war die Stille im Hof doppelt so tief und schwer; der kleine Leo — „unberufen, e gescheites Kind" — kletterte wieder auf einen der alten Handwagen im letzten schmälsten Winkel des Hofes und träumte. Der Wagen war ein Schiff, das über weite fremde Meere fuhr, durch wilde Stürme und Abenteuer und an märchenschönen blühenden Inseln vorbei. Er erkletterte starre Raubritterburgen, — ein zerbrochenes Bett der Hausmeisterin — er ritt durch graue Wüsten und sali ferne, grüne, ewig unerreichbare Oasen; denn die Mauer des Nachbarhofes trennte ihn von dem Nussbaum, dessen frische, lichte Blätter wirklich wie eine Oase in die Trübseligkeit dieses dumpfen Hofes hineinleuchtete. Manchmal riss die kalte Stimme der Grossmutter den Kleinen aus seinen Träumen: „Leo, ruf um de Jausen!" Dann zog er mit Aufbietung aller Kräfte an dem verbogenen, rostgelben Klingelzug, der zu der Wohnung im ersten Stock führte; und erwartete gespannt den merkwürdig bauchigen und verkrümmten Korb, der an einem blauen Strick herabgeschwankt kam, gefüllt mit Brot und Obst; 'und er entleerte den Korb, schon wieder tief in seine Träume verwühlt: eine Prinzessin hatte ihm, der im tiefsten Burgverliess schmachtete, die wunderbarsten Speisen gesendet; dafür sammelte er hier unten die kostbarsten Schätze für sie: kleine Glassplitter, Nägel, bunte Fäden — sogar eine kleine Muschel hatte er einmal gefunden, in deren winzig verschnörkelte Rundung ein böser Zauberer das Brausen eines weiten Meeres gehext hatte. Die Grossmutter aber sagte ärgerlich: „Als tragt er Mist in die Taschen; wenn mer den Buben beitelt, klappert er, wie mei alte Kaffemiehl!" Aber sie beutelte ihn selten und Hess ihn seine seltsamen Traumwege gehen, ohne sie zu kennen. Sie sass, strickte, und sah mit stumpfem Ausdruck in den kalten, grauen Augen vor sich hin. Wenn die Hausmeisterin oder eine der „Damen", — denn es kamen auch „Damen" in die Mikwe: Rabbinersfrauen oder ganz besonders fromme reiche Jüdinnen, — sich zu der alten Frau Blum setzte, dann seufzte sie, machte ein verdriessliches Gesicht und erzählte auf dringende und besorgte Fragen zum vieltausendsten Male von ihren „Schmerzer". Diese „Schmerzen", die je nach Laune in der Brust, im Arm, im Rücken oder sonst irgendwo sassen, die kein Doktor heilen oder auch nur auffinden konnte, waren seit vielen Jahren die einzige Freude und der grösste Stolz der alten Frau Blum; ihrer Meinung nach machten diese „Krämpf" sie zu etwas viel Vornehmerem als die anderen Frauen, die im Hause wohnten; fast so.vornehm wie die „Damen", die lue und da in's Bad kamen. Mit diesen Schmerzen tyrannisierte sie ihre Kinder, so wie sie früher ihren Mann damit tyrannisiert hatte. Sie hatte sich so tief in die vorteilhafte Rolle der ewigkranken Frau vergraben, dass sie manchmal wirklich die „Schmerzen" und „Krampf" zu fühlen begann; und selten war sie so empört gewesen, wie damals, als der alte Doktor ihr freundlich auf die Schulter geklopft und gesagt hatte: „unberufen, ■ so eine kerngesunde Frau wie Sie? mit siebzig Jahren! Sie wem noch dreissig Jahre leben! Mindestens!" Das war unangenehm; denn so zäh die alte Frau Blum auch am Leben hing: es war so angenehm und nobel, den Leuten von seinem nahe bevorstehenden Tod reden zu können. Immer zu Ostern und im