Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1910)
- Article
- Im alten Haus
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 17 - 18 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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17 Vicki Baum: Im alten Haus. 18 anderes Leben führen, und dass der langsame"gelbgraue Fluss ein besonderes Stückehen Welt abgrenzt. In der Luft liegt ständig ein schwerer Geruch von Zwiebeln und Fett; die Geschäfte sind schmutzig und auf den Schildern stehen merkwürdige, prächtige und farbensatte Namen, die ihren Trägern gar nicht komisch, vielmehr äusserst schön, edel und vielsagend scheinen. Denn Herr Isaak Goldstaub, der mit koscheren Gänsen handelt, Herr Leb Schmetterling, der den Ein- und Verkauf abgelegter Kleider besorgt, — ja, selbst der bucklige Jainkef Weichselblüh, der tagsüber in der Stadt drüben mit Schuhriemen und Bleistiften hausiert und ärger behandelt wird als ein Hund, — sie alle sind hier zu Haus und die Herren; allen Neubauten zu Trotz! Und sie stehen in den dumpfen, grauen Gassen herum, mit einem Schein von Würde in den verkniffenen, gedrückten Gesichtern, grüssen mit umständlicher Höflichkeit die schmierigen gelben Jüdinnen, die in den Türen der Läden lehnen, und tauschen schlechte Waren und schwerfällige Philosophien untereinander aus. Tagsüber handeln sie mit allem möglichen und unmöglichen, am Freitag baden sie vorschriftsmässig in der „Mikwe", und am Samstag stehen sie mit fettglänzenden Haaren und Röcken in dem engen dunkeln Bethaus und singen mechanisch die alten Gebete, die voll sind von Verzweiflung und hysterischem Fanatismus. Und all diese alten Juden gehenein bisschen gebückt; sie lachen selten und streiten oft und erregt. Den frühreifen Kindern, mit den dunkeln, wissenden Augen aber, die in den Gassen spielen, streicheln sie freundlich und lächelnd die zerrauften Köpfe.-- Zwischen zwei hohen Neubauten steht ein niedriges altes Haus; von weitem scheint es, als würde es sich beschämt verkrochen haben und jetzt verlegen neben der grossen, kahlen Feuermauer kauern; erst wenn man näherkommt, sieht man, dass ihm ein kleiner, windverdrehter Balkon gleich einer schiefen kleinen Nase in der Mitte klebt, und am Dach ein sehr hob er, merkwürdig schmaler Rauchfang steht, der unter seiner schwarzen Kappe lustige, runde Rauchklumpen in die blaue Luft bläst. Ueber dem Haustor verkündet ein Schild selbstbewusst und vielversprechend: Fluss-Bad zum Weissen Wolfen. Kurz, aus der Nähe betrachtet, sieht das kleine Haus ganz trotzig und vergnügt drein. Man versteht dann auch, warum es von weitem so gedrückt ausschaut: um zu seinem Haustor zu gelangen, muss man vierzehn Stufen hinuntersteigen; alte ausgetretene Stufen, in deren Höhlungen kleine graue Pfützen stehen, und freche, laute Spatzen baden. Hier unten, fast ein Stockwerk unter dem Strassenniveau hat sich sogar Platz für einen kleinen, efeugrünen Gasthausgarten an der Seite des Tores gefunden. Durch eine finstere Einfahrt und eine bunte lustige Glastür kommt man in einen dämmerigen Hof, reich an unerwarteten und überraschenden Winkeln und Ecken. Einem Kanalgitter entsteigen weisslichgrüne Nebel und heftiger Zwiebel- und Spülichtgeruch. Zerbrochene Handwagen, Katzen, eine Hausmeisterin, ein paar Hausierer, Weiber und aller mögliche Schmutz stehen im Hof durcheinander. Vor einer kleinen Hütte .mit der Aufschrift „Kassa" kreischt ein Weib und beteuert, dass sie keinen Kreuzer Geld im Sack hat, bis die alte Kassierin drinnen ärgerlich das Fenster zuklappt; dann werden unter Seufzen und Jammern aus dem Aermel, der Schürze, dem Unterrock, ein paar Kreuzer zum Vorschein gebracht, die alte Frau in der Hütte macht das Fenster wieder auf, nimmt das Geld in Empfang und steckt ein Billett heraus; und das Weib trollt sich in eine finstere kleine Türe. Die alte Frau kommt aus ihrer Hütte, setzt sich auf die grüngestrichene Bank daneben und beginnt zu stricken. * * * Seit dreissig Jahren spielt sich das ganze Leben der alten Frau Blum in diesem kleinen Haus, in diesem seltsamen, tiefgelegenen, winkligen und weltfernen Hof, -zwischen der Hütte mit der Aufschrift Kassa und der grünen Bank ab. Damals, als die Familie Blum, durch einen Brand gänzlich verarmt, aus einem winzigen jüdischen Provinznest nach der Stadt, kam, hatte der älteste Sohn, der schon längere Zeit dort ALFRED GRAETZER. Porträt Prof. Werner Sombart. (Angekauft vom Museum Breslau.)