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Ost und West · 1910-01-01 · Heft 1 (Januar 1910) · p. Seite 5 - 6

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 1 (Januar 1910)
Article
Das Jahr 1909
Date
1910-01-01
Page
Seite 5 - 6 (sequence 3)
Language
German
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5 M. A. Klausner: Das Jahr 1909. 6 und zu registrieren, ohne dass zuvor eine Orientkonferenz berufen wurde. . Damit war die Möglichkeit geschwunden, den rumänischen Rechtsbruch gegenüber unseren Glaubensgenossen vor das Forum des versammelten Europa zu bringen. Von Rumänien wendet sich unser Blick zu dem Reich, dessen Herrscher bis zum Jahre 1878 die Oberhoheit über Rumänien besass, zu der Türkei. Es ist selbstverständlich, dass wir des islamitischen Hauptreichs gezeitigte Verwandlung mit herzlichster Sympathie begrüssen — ohne uns deswegen des Undanks schuldig zu machen gegenüber dem gestürzten Sultan Abdul Hamid, dem wir nicht vergessen werden, dass er seinen israelitischen Untertanen gegenüber immer ein wohlwollender und gütiger Herrscher gewesen ist. Wir heissen überall den Portschritt und die Entwickelung zur Freiheit willkommen. — Unter der neuen türkischen Regierung. ist den Juden der Türkei ein neues geistliches Oberhaupt in der Person Nahoums gegeben worden, der theologische Gelehrsamkeit mit moderner Bildung vereinigt. Der weiland Lehrer an dem Rabbinerseminar der Alliance Israelite Universelle in Konstantinopel ist. durch last einstimmige Wahl der türkischen Gemeindedelegierten zu dem hohen und verantwortungsvollen Amt des Chacham Baschi berufen und darin von der Pforte bestätigt worden. Er wird als ein Mann von Takt und Klugheit gerühmt, und Takt wie Klugheit wird er in ungewöhnlichem Masse nötig haben, um der Schwierigkeiten Herr zu werden, die sich ihm unter den geänderten Verhältnissen mehr denn je entgegenstellen. Bereits ist ihm gelungen, das Interesse der Regierung für die Einführung des türkischen Sprachunterrichts in den Allianceschulen des Landes zu gewinnen und die Zusage der Abordnung geeigneter Lehrkräfte zu erlangen. Kraft und Geschicklichkeit wird er darauf verwenden müssen, unter Wahrung der Autonomie der Gemeinden Streitigkeiten beizulegen und zu verhüten, ohne zwangsweise Uniformierung den Gemeinsamkeitswillen lebendig zu erhalten. Seine vornehmste Sorge ist die Pflege und der Ausbau der Schulen auf der von der Alliance geschaffenen Grundlage und in dem von der Alliance grossgezogenen Geist. Hat er auf diesem Gebiet Erfolg, so wird seine Amtsfülming dem türkischen Reich und den türkischen; Juden zum Segen gereichen. Die politischen. Wirren; im Gebiet von Jemen, ein altes; ErbteiL der . Türkei,; .haben , unter dem neuen Regime nicht aufgehört. Sie bleiben für unsere Glaubensgenossen dort eine Quelle ^arger Bedrückung, Bedrohung, Verängstigung. Schon in vergangenen Zeiten haben die Juden von Jemen sich zur Auswanderung gedrängt, die oft den Charakter einer Flucht annahm. Eben jetzt ist wieder eine solche Periode eingetreten, so dass die Alliance sich veranlasst gesehen hat, eine Expedition auszuschicken, die an Ort und Stelle die Zustände prüfen soll mit dem Endziel, dauernde Besserung zu schaffen oder die Abwanderung schützend zu regeln. Der Thron- und Verfassungswechsel, der in der Türkei mit verhältnismässig sanftem Uebergang sich vollzogen hat, ist in Persien von anhaltenden schweren Erschütterungen begleitet gewesen. Auswärtige Einflüsse haben dabei ebenso mitgewirkt, wie die Lockerheit der inneren Verhältnisse. Die Zentralgewalt ist ohnmächtig gegenüber den Oberhäuptern der verschiedenen Stämme, die in den einzelnen Landesteilen tatsächlich Sonderregierungen eingerichtet haben und, statt von Teheran Befehle entgegenzunehmen, befehlende Vorstellungen dorthin richten. Der anarchische Zustand ist von übelstem Einfluss auf die Lage unserer Glaubensgenossen in mehr als einer persischen Provinz. Zur Erleichterung geschieht von den Vertretern der Alliance aus das Mögliche, aber das Mögliche ist leider lange nicht genug. In Marokko ist des Scherif Muley Hafid Regierung noch nicht so weit gefestigt, dass man seine Absichten genau zu erkennen vermöchte. Sein Grossvezier zeigt den Juden gegenüber guten Willen zur Gerechtigkeit — sein Kämmerer verrät zum mindesten die Neigung zu Rückfällen in die frühere Gewohnheit der Willkür und Bedrückung. Die Hoffnung ist gestattet, dass die volle Herstellung geordneter Beziehungen zu den europäischen Mächten den von mancher kundigen Seite gerühmten Sinn Muley Hafids für Recht und Gesetz auch zugunsten unserer Glaubensgenossen deutlich hervortreten lassen wird. In zwei europäischen Ländern haben bei po-, litischem Tagesstreit Juden in vorderer Reihe gestanden: in Dänemark und in England. Das ist aus doppeltem Grund bemerkenswert: einmal; weil in diesen beiden Ländern die Zahl der jüdischen* Bevölkerung verhältnismässig gering ist; sodann: weil es Juden waren, die dgrtauf der demokratischen,; hier auf der konservativen Seite eine bedeutungsvolle Rolle spielten. In Dänemark ist der demokratische Premierminister Zahle ein Jude; in England war es Lord Rothschild, der im Oberhaus im -Namen—von 12000 Bewohnern der City von London

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