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Ost und West · 1910-01-01 · Heft 1 (Januar 1910) · p. Seite 7 - 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 1 (Januar 1910)
Article
Das Jahr 1909
Date
1910-01-01
Page
Seite 7 - 8 (sequence 4)
Language
German
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7 M. A. Klausner: Das Jahr 1909. einen Protest gegen die vom Unterhaus votierten Finanzgesetze überreichte. — Unmöglich, das Märchen von der unüberwindlichen Neigung der Jaden zur politischen Linken besser zu illustrieren. In Frankreich, wo die staatliche Gesetzgebung die alte Verbindung mit den Kirchengemeinschaften gelöst hatte, sind unsere Glaubensgenossen vor der Notwendigkeit gewesen, freiwillige Veranstaltungen an Stelle derer zu setzen, die nicht mehr durch staatliche Anerkennung und Beihilfe gehalten waren. In stiller Arbeit ist der Ersatz geschaffen worden. Er hat sich im vergangenen Jahre erprobt. Kein Zwang ist mehr vorhanden, und noch nirgend hat sich eine Lücke gezeigt. Im Deutschen Reich und in Preussen haben sich innerhalb unserer Glaubensgemeinschaft im abgelaufenen Jahr weitere erfreuliche Bekundungen lebendiger und strebender Regsamkeit offenbart. Der Verbandstag der deutschen Juden, ALFRED GRAETZER. Am Rosenstrauch. seiner Organisation nach in der Hauptsache auf demonstrierende Betätigung zugeschnitten, hat in Breslau durch zwei, vor imposanter Versammlung gehaltene Vorträge die Gleichberechtigungsansprüche der Juden auf wissenschaftlich-religiösem und auf politischem Gebiet proklamiert. Die Ausführungen des Herrn Rabbiner Dr. Guttmann-Breslau bildeten eine programmatische Forderung der deutschen Judenheit, in der Wissenschaft von der Bibel als ebenbürtig angesehen zu werden, und traten der fable convenue von der Ueberwindung und Ueberholung der jüdischen Ethik kräftig entgegen. Die Darlegungen des Herrn Justizrat Wolff-Lissa galten den Leistungen der Juden für den preussischen Staat und dem Dank, den sie dafür gefunden haben» — Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund beschäftigte sich in einer voraufgegangenen Tagung mit einem Gesetzentwurf zur Schaffung einer Gesamtorganisation für die Juden des preussischen Staates. Die Arbeit ist nicht abgeschlossen, aber klärende Vorarbeit ist geleistet. Es mag zweifelhaft sein, ob die Arbeit zu dem gewünschten Ziel führt. Vergeblich ist sie unter keinen Umständen. Die gemeinsamen Beratungen nähern einander die getrennten Teile, die in der Gefahr der Absonderung waren. Die Gewohnheit, in einer einzigen bestimmten Richtung zu denken, von einem einzigen Standpunkt aus die Dinge zu sehen, barg für viele unter uns die Versuchung, nur das Selbstgedachte und das Selbstgesehene für richtig zu halten. So erhoben sich Missverständnisse in den eigenen Reihen, und es kam dahin, dass der Bruder den Bruder* nicht mehr verstand. Der blosse Versuch, ein Haus für uns alle zu hauen, hat befreiend gewirkt, hat manches Vorurteil verscheucht, hat die Möglichkeit friedlichen Mit- und Nebeneinanderseins neu erwiesen. Diese köstliche Frucht bleibt uns, selbst wenn wir für unser eigentliches Streben auf Erfolg verzichten müssen, weil bureaukratisches Misswollen unser Recht auf Organisation nicht anerkennen mag. Und wieder einmal bewährt sich das Bibelwort: „Ihr dachtet übles für mich, der Herr aber dachte meiner zum guten." BRESLAU.

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