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Ost und West · 1906-12-01 · Heft 12 (Dezember 1906) · p. Seite 839 - 840

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 12 (Dezember 1906)
Article
Deutschland und die Alliance Israélite in Marokko
Date
1906-12-01
Page
Seite 839 - 840 (sequence 4)
Language
German
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839 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle; Deutschland und die Alliance Israelite in Marokko. 840 stellt, ob sie dieses Werkzeug gegen unser und ihr Vaterland weiter schärfen helfen wollen. Gewiss hat Geheimrat Goldberger recht, wenn er sagt: „Der deutsche Unterricht konnte bei der vor länger denn 40 Jahren erfolgten Einrichtung der Schulen kaum in Betracht kommen." Ich glaube nicht, dassheute noch ein deutscher Israelit glaubt, die Interessen seiner Glaubensgenossen in Marokko, der Türkei usw. seien am besten durch Frankreich vertreten, oder dass er der Depeche Marocaine (Tanger) zustimmt, die (18. Februar 1906) behauptete, Frankreich werde von der jüdischen Welt als Beschützerin der Israeliten in mohammedanischen Ländern angesehen. Dieselbe Zeitung sagte, dass die Alliance keinen politischen Interessen und Bestrebungen zu dienen habe; die französische Abteilung beklagt, dass das Werk der Alliance mit politischen Fragen verquickt werde. Die französische Abteilung der Alliance möge sich bei denen beschweren, die zugelassen haben, dass französische Politiker die Alliance zu einem politischen Werkzeug in ihren Händen gemacht haben und die sich dessen öffentlich wieder und wieder gerühmt haben. Im Januar d. J., kurz vor dem Zusammentritt der Konferenz, veröffentlichte die Liberte ganz offen die Behauptung, die dann in die ganze französisch-spanische und die übrige von Paris aus bediente Presse überging, der deutsche Kaiser habe eine Bittschrift der Berliner Israeliten, die Konferenz von Algeciras möge sich um Besserung des Loses der unterdrückten Juden Marokkos bemühen, zurückgewiesen. Dieser schnöde Versuch, unsere Politik bei den Juden Marokkos und der ganzen Welt zu verdächtigen, ging Hand in Hand mit Anpreisungen des humanitären Werkes der französischen Alliance Israelite. Bekanntlich hat sich der erste deutsche Vertreter auf der Konferenz den vom ersten amerikanischen Vertreter formulierten Wünschen der Konferenz um gerechte Behandlung der jüdischen Untertanen des Sultans von Marokko im Namen der deutschen Regierung ganz angeschlossen. In No. 6 der Renseignements Coloniaux, einer Beilage zu dem Organ des Comite du Maroc, der Zweiggesellschaft des Comite de l'Afnque francaise, befasst sich Camille Fidel, der Verfasser der im vorigen Jahre erschienenen Schrift: Les interets frangais et les interets allmands au Maroc ausführlich mit meinen oben erwähnten Aufsätzen in der „Kölnischen Zeitung." Er führt u. a. den Brief des Geheimrats Goldberger an, den er sich bei der Zentralstelle der Alliance Israelite hat erläutern lassen. Den Angaben des Herrn Goldberger über deutschen Unterricht an einer Reihe von Alliance-Schulen im Orient stellte diese Zentralstelle in Paris die folgenden von Fidel durch den Druck hervorgehobenen Erklärungen gegenüber: »In allen Schulen der Alliance ist die allgemeine Unterrichtssprache das Französische. Ein sehr grosser Raum wird natürlich der Sprache des betreffenden Landes eingeräumt. In denjenigen Schulen, in denen eine andere Sprache gelehrt wird, geschieht das im Nebenfach. Nur in den Schulen Bulgariens ist die Landessprache die Unterrichtssprache und Französisch ist Nebenfach. In einer einzigen Schule, der Goldschmidtschen Schule in Konstantinopel, ist die Unterrichtssprache Deutsch und Französisch wird als Nebenfach gelehrt." Fidel zitiert dann aus dem Univers Israelite einen unter dem Titel „Une mauvaise querelle" gegen meine Ansichten veröffentlichten Artikel, der, wie betont wird, die Ansichten der Zentrale der Alliance genau wiedergibt. Das Univers meint, es sei Sache der deutschen Juden, dafür zu sorgen, dass die Alliance die Interessen der Juden Marokkos den Sonderinteressen der einen oder andern Nation nicht unterordne. Ganz recht: Die Interessen der Juden Marokkos sind den national-französ;schen Interessen untergeordnet worden, zahlreiche deutsche Juden haben bisher nur mit Unwillen die von französischer Seite an ihren Patriotismus gestellten Zumutungen ertragen. Von französischer Seite sind die Herausforderungen gekommen, ist die Politik hereingetragen worden. Wer das bezweifelt, lese noch einmal die in meinen frühern Aufsätzen angeführten Beispiele und höre, was C. Fidel zum Schluss seiner Entgegnung klipp und klar ausspricht: „Wenn die Alliance Israelite auch aus allen Ländern Beiträge erhält, so muss der französische Charakter ihres Unterrichts doch jedem Unparteiischen und Vorurteilsfreien klar sein. Dieser Eindruck, den wir schon hatten, ist nun beim Zentral- Komitee der Alliance vollauf bestätigt worden: »Ihr Werk", sagte man uns dort, „ist französisch der Sprache, den Büchern, den auf der Ecole Normale israelite in Auteuil herangebildeten Lehrern und endlich und vor allem dem Geiste nach." Stolz ruft Fidel aus: „Marokkanische Juden sind dank der Schulen der Alliance der französischen Sache gewonnen worden. Dieser Umstand ist bei der Schätzung der französischen Interessen in Marokko von hervorragender Bedeutung; und wenn man der bedeutenden Rolle gedenkt, welche die Juden als Vermittler zwischen Mohammedanern und Europäern beim marokkanischen Handel spielen, wird man sich überzeugen, dass Frankreich ein Mittel tur seinen Emfluss besitzt, dessen Wirksamkeit man nicht genug einschätzen kann." Den deutschen Juden ist hiermit klarer Wein ein- ■ geschenkt worden. Es handelt sich unseres Erachtens jetzt nicht mehr darum, die Alliance Israelite zur Berücksichtigung unserer frühern Wünsche zu veranlassen, es dürfte sich vielmehr darum handeln, dass die deutschen Juden wie bisher für ihre Glaubensgenossen in Marokko arbeiten, aber unabhängig von der Alliance Israelite. Den Juden Marokkos soll nichts von den Vorteilen, die sie bisher genossen haben, verkümmert werden. Im Gegenteil, ich bin überzeugt, dass sie seitens der deutschen Judenheit, die sich das Ziel setzen sollte, das Werk der französischen Alliance durch das Werk eines unabhängigen deutschen Vereins zu übertreffen, nur grösserer Unterstützung teilhaftig werden, wenn die deutschen Juden wissen, dass sie, indem sie ihre Glaubensgenossen unterslützen, nicht zugleich ein national-französisches und unter Ums änden antideutsches Werk fördern. Wenn die Alliance Israelite französische, unter Umständen chauvinistische Politik betreibt, so begeht sie damit ein Unrecht gegen diejenigen ihrer Geldgeber, die keine Franzosen sind, und ebenso gegen die Juden, die ohne Rücksicht auf ihre besondern Verhältnisse und Bedürfnisse im französischen Geiste erzogen werden. Von einem deutschen Verein würde keine Politik des Chauvinismus gefördert werden, und die von uns gedachte jüdische Vereinigung würde nach unserer Auffassung sich vielmehr von dem Grundsatze leiten lassen müssen, dass sie nur dort mit ihren Kräften für deutsche Schulen eintritt, wo sich im Interesse der Juden selbst das Bedürfnis für deutsche Schulen ergeben sollte. Die Anglo- Jewisch Association ist seinerzeit ebenfalls lediglich aus der Alliance ausgetreten, weil diese lediglich französische und in besondern Fällen anti-englische Geschäfte besorgte. Nicht nur für Marokko, nein für alle Länder mit ähnlichen Verhältnissen trifft das oben Gesagte zu: Mehr als 20 % der Gesamtbeiträge für 1904 flössen der Alliance aus Deutschland zu. Dieser Betrag ist gegen 1903 um die Hälfte zurückgeblieben, ein Anzeichen, dass man in den Kreisen der deutschen Israeliten in den letzten Jahren aufmerksam geworden ist. Mehr als 20% der Beiträge flössen aus Deutschland, und nur in einer Schule des Orients, der Goldschmidtschen, ist Deutsch als Vortragssprache, nur an 4 Schulen als Lehrgegenstand eingeführt. Die geringe Stundenzahl schliesst bei letzterm gute Erfolge aus. Nur an der Mädchenschule in Galata werden wöchentlich fünf Stunden auf Deutsch verwendet, in der ersten Klasse acht. An allen andern Schulen wird Deutsch überhaupt nicht gelehrt. In dem Bulletin der Alliance ist S. 114 gesagt, dass die Goldschmidtsche Schule 8000 fr Unterstützung von der Alliance jährlich erhält. Nach Mitteilungen des Konstantinopler Vertreters der „Kölnischen Zeitung" ist das in Wirklichkeit nicht der Fall. 4000 fr sind vielmehr eine Rente der zur Erhaltung der Schule besonders errichteten

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