Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1906)
- Article
- Deutschland und die Alliance Israélite in Marokko
- Date
- 1906-12-01
- Page
- Seite 841 - 842 (sequence 5)
- Language
- German
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841 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Deutschland und die Alliance Israelite in Marokko. 842 Goldschmidtschen Stiftung, die von der Alliance verwaltet wird. 1000 fr kommen ferner aus einer Stiftung der Baronin Hirsch zur Beköstigung armer Schulkinder. Aus den Mitteln der Alliance sind also nur 300C fr bewilligt, ausserdem zahlt die Alliance 360 fr von dem Gehalt für den französischen Lehrer. Die Unterstützung der Alliance ist seit 10 Jahren von 7115 auf 3360 fr zurückgegangen, obwohl die Schule in dieser Zeit keine neuen Einnahmequellen gefunden oder die Ausgaben eingeschränkt hat. Die Schule weist vielmehr Fehlbeträge von rund 2000 fr auf. Infolge des Zuwachses durch russische mittellose Flüchtlinge — bis März 1906 schon 270 — steht ein grösserer Fehlbetrag bevor, so dass schon erwogen wurde, ob nicht die Schliessung der Schule unvermeidlich wird. Eine Möglichkeit durch Erhöhung des Schulgeldes das Gleichgewicht zu finden, ist ausgeschlossen, denn die meisten Schüler gehören bedürftigen Familien an. Zum Schluss ein Wort des zweiten spanischen Vertreters auf der Konferenz in Algeciras, der vor kurzem bei Besprechung der Stellung Spaniens in Marokko die Gründung spanischer Schulen für die Juden Marokkos forderte und dabei sagte, die maurischen Juden seien immer Herolde des spanischen Handels gewesen. Wolle man jetzt zulassen, dass diese Juden aus Mangel an geeigneten Schulen fortfahren, die iranzösischen der Alliance Israelite zu besuchen? Sei das nicht geradezu schmachvoll? Was sagen C. Fidel und die Alliance zu diesen Worten des edeln Don Perez Caballero, der sich in Algeciras französischer als die Franzosen gebärdete?" Hierauf richtete Herr Goldberger ein Schreiben an die „Kölnische Zeitung", das daselbst am 20. November teilweise zum Abdruck gelangt ist. Das Schreiben hat in seinem vollen Inhalt folgenden Wortlaut: Gestatten Sie mir, nachstehende Antwort auf den Artikel in No. 1170 Ihres geschätzten Blattes vom 3. November »Nochmals Deutschland und die Alliance Iaraelite in Marokko". Das von der Alliance Israelite Universelle angesammelte und für Kulturzwecke verwendete Geld stammt in der Hauptsache von französischen Juden. Das muss um so deutlicher betont werden, als sich die Mitgliedschaft der Alliance israelite Universelle und die Zugehörigkeit zu ihr seit der Begründung auf die Israeliten aller Nationalitäten erstreckt hat Demgemäss konnte andererseits in der Zentralleitung der Alliance Israelite Universelle niemals die Absicht prädominieren, die für die Wohlfahrts- und Wohltätigkeitszwecke von Zugehörigen aller Nationen beigesteuerten Mittel im Dienst irgend einer anderen Politik zu verwenden, als jener Menschlichkeits-Politik, deren vornehmste Aufgabe es allezeit war, die intellektuelle, moralische und wirtschaftliche Hebung unserer bedrängten, künstlich zurückgehaltenen, aus sich heraus nicht zurückgebliebenen Glaubensgenossen, namentlich in den osteuropäischen, in den asiatischen und afrikanischen Ländern, sich angelegen sein zu lassen. Selbstverständlich aber — weil unvermeidlich — ist, dass das grosszügig angelegte und grossherzig durchgeführte Werk der Alliance den Stempel seines Ursprungs und seiner Ursprungszeit trug. Sollten im übrigen die Allianceschulen im Orient den Zöglingen gleichsam ein Fenster nach der Kulturwelt Europas ötfnen — das mussten sie wollen — so war der Unterricht in einer europäischen Sprache unabweisbar. Es entsprach der Genesis, es entsprach den Verhältnissen, dass damals die französische Sprache hierbei nur in Betracht kommen konnte. Aber auch sonst wäre die Aufnahme der deutschen Sprache in den Lehrplan der Allianceschulen Niemandem in den Sinn gekommen. Das wäre in den 60er Jahren wahrer Anachronismus gewesen! — Was hätten die Schüler mit der deutschen Sprache anfangen sollen? Niemand hätte ernsthaft meinen können, dass damit den Schülern etwas Nützliches erwiesen würde. Freilich haben sich seitdem die Dinge geändert. Der nach dem deutsch-französischen Kriege einsetzenden mäligen glücklichen Wandlung in der Bedeutung und in dem Ansehen des Deutschtums in der Welt, — dem friedlichen Siegeszug .des deutschen Handels und der deulschen Industrie hat sich auch die Alliance Israelite Universelle nicht entziehen können. Den Anforderungen einer neuen Zeit musste man gerecht werden. Deutscher Sprachunterricht hatte, da er für die Schüler notwendig wurde, nach und nach zur Einführung zu gelangen. Wo das seither noch nicht geschehen ist wird es in Angriff genommen werden müssen. Wir in Deutschland durften nicht verkennen, das unsere französischen Glaubensgenossen mit gemischten und zumeist peinlichen Empfindungen auf die Notwendigkeiten der neuen Zeit blicken mochten, wenn sie sich ihnen auch nicht widersetzten. Wir gewannen anfangs dieses Jahres in Paris die Zustimmung zu einer Neuordnung für Deutschland, die den deutschen Mitgliedern des Zentral-Komitees entsprechenden Einfluss auf die gesamte Gestion und in mancher Beziehung volle Selbständigkeit sichert. Wir in Deutschland werden nichts tun, was deutschem Patriotismus entgegen ist, und wir werden uns in den Werken der Alliance nur von den Interessen derer leiten lassen, denen das Werk der Ahiance Israelite Universelle gewidmet ist. Dass zwischen heute und morgen nichtumgestossen oder umgewandelt werden kann, was während eines halben Jahrhunderts unter Mühen und Sorgen geschaffen worden, ist selbstverständlich. Ein Schulplan ist leicht geändert, aber die Ausführung erfordert Zeit; es handelt sich; doch um Anstalten, für die die Lehrer erst erzogen werden müssen. Es geht nicht an, irgend einen deutschen Lehrer nach Tanger oder Marakesch zu schicken, sondern der betreffende Lehrer muss für Tanger oder Marakesch erzogen und ausgebildet sein. Die Lehrerbildungsschule der Alliance Israelite Universelle - die Ecole Normale in Auteuil bei Paris — liefert seither das Lehrermaterial. Das Central-Comitee in Paris hat auf unsere Anregung neuerdings beschlossen, dass ein Teil der in der Ecole Normale zu Lehrern ausgebildeten Zöglinge vcr der Rückkehr nach dem Orient und vor Beginn ihrer Lehrtätigkeit an den Allianceschulen nach Deutschland geschickt werden soll, um hier an geeigneten Lehrstätten sich in der Kenntnis und Wissenschaft der deutschen Sprache zu vervollkommnen. Wenn aber der Eindruck hervorgerufen sein soll, dass die Alliance Israelite Universelle ganz und gar ein Organ französischer Propaganda geworden sei, so dürfte dieser Eindruck zu einem Teil unbegründet, zu dem Teil aber, zu dem er zutrifft, nicht durch die Alliance, sondern durch ein ganz anderes Moment verschuldet sein. Ich berufe mich dabei auf die jedermann zugänglichen, in zehntausenden Exemplaren verbreiteten Jahresberichte der Alliance Israelite Universelle, aus denen zu ersehen ist, dass die Allianceschulen, man darf sagen, überall, wo sie bestehen, durch gedeihliches und vorbildliches Wirken Würdigung finden, und dass ihre Leiter als Vertreter für die Interessen der jüdischen Bevölkerung anerkannt werden und in hohem Ansehen stehen. Diese Anerkennung verdanken sie dem nie versagenden Entgegenkommen, der steten Hilfsbereitschaft der diplomatischen oder konsularischen Repräsentation Englands und namentlich Frankreichs. Dass von deutscher Seite je nur ein ähnlicher humanitärer Dienst geleistet worden wäre, davon hat in mehr denn 40 Jahren nichts verlanget! Wir würden uns unserer Glaubensgenossen, wo immer sie weilen, schämen, wenn sie Gutes nicht in aufrichtiger Dankbarkeit vergolten hätten oder vergelten würden. Von deutscher Seite ist bisher, um ein solches Erkenntlichkeitsgefühl durch Anteil an Taten der Menschlichkeit zu wecken, nichts geschehen. Es ist nur die natürliche Folge des verständnisvollen Verhaltens, der nie ermüdenden und offensichtlichen Schutzbereitschaft, besonders von Seiten der Vertreter Frankreichs, die das Herz der Juden in den Ländern des Orients mit Dankbarkeit und Liebe für Frankreich erfüllt haben. Wir können nur wünschen, dass Deutschlands Vertreter durch gleiche Aussaat die gleiche Ernte gewinnen.. Die Alliance Israelite Universelle selbst kann daran nichts mehren noch mindern.