Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1906)
- Article
- Deutschland und die Alliance Israélite in Marokko
- Date
- 1906-12-01
- Page
- Seite 837 - 838 (sequence 3)
- Language
- German
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837 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Deutschland und die Alliance Israelite in Marokko. 838 reit ist, sich auf die Stufe der Juden West-Europas zu erheben ... .In dem Augenblick, da die Gedanken der Zivilisation und des Fortschritts endlich in Marokko eindringen werden, müssen sie die Ibraeliten dort bereit finden, sie aufzunehmen und zur Tat werden zu lassen." Hierauf veröffentlichte Herr Geh. Kommerzienrat Goldberger; der Präsident der Deutschen Conferenzgemeinschaft, am 24. Januar 1906 in No. 84 der „Köln. Ztg." folgende Erwiderung: „In No. 57 Ihres geschätzten Blattes vom 17. Januar spricht Ihr Mitarbeiter von Tanger aus über „Deutschland und die Alliance Israelite in Marokko". Er nennt die Alliance rühmend eine ,,Kulturträgerin" und erwähnt zustimmend eine Reihe anerkennender Aeusserungen über das „schöne Werk" der Alliance Israelite Universelle speziell in den von ihr eingerichteten und teilweise unterhaltenen Schulen in Marokko. Er betont, dass die französische Sprache die Unterrichtssprache in diesen Schulen sei, und bemerkt mit Missfallen, dass die hierin liegende Förderung französischer Interessen in Marokko aus Beiträgen der Alliance Israelite Universelle betrieben werde, von denen „ein sehr grosser Prozentsatz" aus Deutschland, von deutschen Juden alljährlich stamme. In Sperrdruck wird hervorgehoben, dass deutsche Interessen durch deutsches Geld geradezu geschädigt würden und dass es eine einseitige Bevorzugung französischer Interessen sei, ,,wenn derjenigen Bevölkerungsklasse Marokkos, die auf Jahrhunderte hinaus das kaufmännische Vermittlungsglied bilden wird, den Juden, mit deutscher Hilfe der Weg in andere Länder gewiesen, wenn den jüdischen Kaufleuten Marokkos eine Brücke zu nichtdeutschen Ländern geschlagen wird, wo wir nach dem Grundsatz der Gleichberechtigung eine solche nach Deutschland führende Brücke ebenfalls beanspruchen können und müssen." Als Vorsitzender der deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliance Israelite Universelle bitte ich um die Erlaubnis, die Ausführungen Ihres Herrn Mitarbeiters in einigen Punkten zu berichtigen und zu ergänzen: Die Alliance Israelite Universelle hat in Marokko wie überall in der Welt zum Zweck, für die Gleichstellung und den moralischen Fortschritt der Juden zu wirken und denjenigen, die in ihrer Eigenschaft als Juden leiden, eine wirksame Hilfe angedeihen zu lassen. Das Mittel zu diesem Zweck wird in der Hauptsache in der Organisierung eines guten Schul-, Handwerks- und Landwirtschafts-Unterrichts und in der Bereitstellung der hierfür benötigten Subventionen gefunden. Das ist so sehr der Fall, dass man der Alliance schon den Namen eines grossen Schulvereins beigelegt hat, auf welchen Namen sie stolz ist. Selbstverständlich hat die Alliance Israelite Universelle bei der Einrichtung von Schulen in fremden Ländern die Förderung der Bevölkerungsteile im Auge, für die sie die Schulen einrichtet und unterhält Diesem Ziel passt sich der Schul- und Unterrichtsplan an. Ebenso selbstverständlich ist, dass der beteiligten Bevölkerung, der eine Erleichterung der Schullasten seitens der Alliance zugewendet wird, hinsichtlich der Unterrichtssprache ein Mitbestimmungsrecht zusteht. Im Orient wird deutscher Unterricht in einer Reihe von Schulen der Alliance erteilt, nämlich in den 6 Knaben- und 2 Mädchenschulen in Konstantinopel, in den Knaben- und Mädchenschulen von Salonik und Adrianopel, in den Schulen von Rustschuk und in der Knabenschule von Jerusalem. Seit geraumer Zeit ist die Alliance bemüht, diesen Unterricht allmählich auch nach anderen Zentren des Schulwerks, namentlich in Bulgarien (von der bulgarischen Regierung wurde das Französische für den fremdsprachlichen Unterricht für obligatorisch erklärt) und in der europäischen Türkei auszudehnen, und die Alliance hofft, die>en Plan mit Hilfe der beteiligten Gemeinden zu verwirklichen. Die Unterrichtssprache in den marokkanischen Alliance-Schulen ist französisch. Der deutsche Unterricht konnte bei der vor länger denn 40 Jahren erfolgten Einrichtung der Schulen kaum in Betracht kommen. Der in der jüngsten Zeit eingetretenen Veränderung der allgemeinen Situation — darin stimme ich mit ihrem Herrn Mitarbeiter überein wird Rechnung getragen werden müssen. Nimmt der marokkanische Handel in Zukunft seine Orientierung mehr nach Deutschland, so wird das in dem Unterrichtsplan der Alliance-Schulen in Marokko selbstverständlich zu berücksichtigen sein. Die Politik hat damit nichts zu tun. Wir werden uns zu Dienern eines einseitigen französischen Interesses niemals machen und unsere französischen Glaubensgenossen werden uns das niemals zumuten. Wer das Gegenteil behauptet, leistet einer bedauerlichen Legendenbildung Vorschub. Die Alliance Israelite Universelle nimmt Beiträge von den Israeliten aller Länder entgegen und lässt ihr Hilfswerk den Israeliten aller Länder nach Maßgabe des Bedarfs und der vorhandenen Mittel zugute kommen. Nicht die Wünsche der Helfenden, sondern die Interessen der zu Unterstützenden geben hierbei den Ausschlag. Für ein deutsch-nationales Hilfswerk sind die deutschen Juden gleich ihren chrisilichen Mitbürgern jederzeit opferwillig bereit; die Alliance Israelite Universelle darf dafür weder von Paris noch von Tanger aus in Anspruch genommen werden. Zum Schluss muss ich noch mit einiger Beschämung feststellen, dass Ihr Herr Mitarbeiter den Anteil der deutschen Juden an den Wohlfahrtsausgaben der Alliance Israelite Universelle ausserordentlich überschätzt. Die deutschen Beiträge zur Alliance haben im Jahre 1904 noch nicht 70 000 Franken betragen, während sich die Aufwendungen der Alliance für ihr Kultlirwerk in dem gleichen Zeitraum auf 1416 0S6,76 Franken beliefen. Ich hoffe, dass sich dieses Verhältnis durch Erhöhung des deutschen Beitrages ändern wird." Bei Wiedergabe dieser Zuschrift behielt sich die Kölnische Zeitung" vor, auf die Frage noch gelegentlich zurückzukommen. Das tat sie am 3. November durch folgende Publikation ihres Correspondenten: „Zu Beginn dieses Jahres, kurz vor der Konferenz in Algeciras, wies ich in No 57 und 74 der „Köln. Ztg." auf die Pflicht der deutschen Israeliten hin, die auf der Hand liegenden Folgerungen aus dem immer deutlicher sich offenbarenden französischen Bestreben zu ziehen, die zu einem grossen Prozentsatz durch Beihilfen deutscher Juden unterhaltenen Schulen der Alliance Israelite Universelle dem französischen politischen Interesse dienstbar zu machen. In No. S4 der „Köln. Ztg." wurde eine Zuschrift des Geheimrats Goldberger in Beilin veröffentlicht, worin sich folgende Sätze finden: „Nimmt der marokkanische Handel in Zukunft seine Orientierung mehr nach Deutschland, so wird das in dem Unterrichtsplan der Alliance-Schulen in Marokko selbstverständlich zu berücksichtigen sein. Die Politik hat damit nichts zu tun. Wir werden uns zu Dienern eines einseitigen französischen Interesses niemals machen und unsere französischen Glaubensgenossen werden uns das niemals zumuten. Wer das Gegenteil behauptet, leistet einer bedauerlichen Legendenbildung Vorschub." Meine zwei Aufsätze waren nun aber vor allen Dingen der wohl erfolgreiche Versuch, nachzuweisen, dass tatsächlich die Schulen der Alliance Israelite von französischen Politikern „zu Dienern eines einseitigen französischen Interesses" gemacht worden sind. Da Herr Goldberger jedoch in Aussicht stellte, dass eine grössere Orientierung des marokkanischen Handels nach Deutschland im Unterrichtsplan der Alliance-Schulen berücksichtigt werden solle, und da anzunehmen war, dass Herr Goldberger sich an massgebender Steile davon überzeugen würde, wie sehr der marokkanische Handel „seine Orientierung nach Deutschland" genommen hat, so musste man baldiges Handeln erwarten. Inzwischen sind in Frankreich zwei Antworten auf meine damaligen Autsätze erschienen, die mich veranlassen, noch einmal auf diese wichtige Frage zurückzukommen, und die jedem, der Ohren hat zu hören, keinen Zweifel darüber lassen, dass die Alliance Israelite Universelle, so viel sie auch zur Hebung der jüdischen Bevölkerung Marokkos und anderer Länder getan hat, in erster Linie ein französisches politisches Werkzeug ist. Die Juden Deutschlands sehen sich damit vor die Frage ge-