Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1906)
- Article
- Deutschland und die Alliance Israélite in Marokko
- Date
- 1906-12-01
- Page
- Seite 835 - 836 (sequence 2)
- Language
- German
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835 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Deutschland und die Alliance Israelite in Marokko. 836 Marokko sich gutschreibt. Bedeutete dies weiter nichts, als dass Frankreich sich mit fremden Federn schmückte, ohne die Interessen anderer zu schädigen, so wären wir Deutsche sicher die letzten, uns darüber aufzuhalten. Wir können aber nicht dulden, dass Frankreich uns im Hinblick auf die Konferenz in den Schatten zu stellen sucht, indem es sich auf eine Arbeit stützt, die nicht französisches Werk ist. Lange genug haben wir geschwiegen. Der Augenblick ist gekommen, die Dinge zu zeigen, wie sie wirklich sind, abgesehen von der materiellen Schädigung der deutschen Interessen in Marokko, die ein stillschweigendes Billigen der Tendenz, die Alliance Israelite gegen uns ins Feld zu führen und im rein französischen Interesse zu verwenden, bedeuten würde. Indem ich diesen notwendig gewordenen Hinweis mache, betone ich ausdrücklich, dass mir nichts ferner liegt, als der von mir oben gewürdigten Tätigkeit der Alliance Israelite als Kulturträgerin Hindernisse in den Weg zu legen. Im Gegenteil, dieses schöne Werk verdient nach wie vor auch von Deutschland aus Unterstützung und Förderung jeglicher Art. Man scheint aber in Frankreich übersehen zu haben, dass ein sehr grosser Prozentsatz der Beiträge für die Alliance alljährlich aus Deutschland kommt. Die Berichte der Alliance belehren uns über diese Beiträge. Die ganzen Einkünfte des Breslauer Komitees für 1904 im Betrage von 3300 Mk. des Köb er Komitees im Betrage von 9753 Mk., des Dürkheimer Komitees im Betrage von 6542 Mk., des Mannheimer Komitees im Betrage von 4787 Mk., des Nürnberger Komitees im Betrage von 6027 Mk., des Posener Komitees im Betrage von lb8l Mk. wurden an das Pariser Komitee abgeführt. Dazu kommen noch die bedeuteud höhern Stiftungen, Vermächtnisse, Jahresbeiträge deutscher Israeliten, über die die Berichte der Alliance ebenfalls Auskunft geben und die für die Wohltätigkeit der Juden Deutschlands ein ehrenvolles Zeugnis ablegen Es hat der ernstlichen Bedrohung unserer Interessen in Marokko bedurft, um die Tatsache, dass deutsche Interessen durch deutsches Geld geradezu geschädigt werden, in recht helles Licht zu rücken. Ich glaube, dass den Gebern diese Möglichkeit nicht in den Sinn gekommen ist. Wir stehen aber heute vor dieser Tatsache, und die Judenschaft Deutschlands hat mit ihr zu rechnen. Man hält vielleicht die oben angeführten französischen Stimmen nicht für eine hinreichende Grundlage meiner Behauptung Ich will daher noch einen Fall anführen, der mir zu Gehör gekommen ist. In Casablanca führte der Hauptlehrer der dortigm Schule der Alliance Israelite, ein Israelit aus Gibraltar und englischer Untertan, englischeu Unterricht für seine Schüler ein. Der französische Konsul in Casablanca sandte darauf eine Beschwerde an den Pariser Vorstand der Alliance des Inhalts, der erwähnte Hauptlehrer suche in seine Schule englische Ideen einzuführen; die Alliance antwortete, sie müsse unparteiisch sein. Jedenfalls leitet heute ein Franzose die Anstalt in Casablanca. Auch sonst sind mir Fälle von ähnlicher Beeinflussung der Lehrer der Alliance durch die französische Gesandschaft in Tanger oder ihrer Organe im Sinne französischer politischer Propaganda erzählt worden. Dass aber diese Propaganda — wenn sie sich sogar gegen „englische Ideen" feindselig verhält — uns nicht freundlich sein kann, ist nach den sattsam bekannten Ereignissen einleuchtend. Was cen englischen Unterricht an den Schulen der Alliance in Marokko anbetrifft, so werden die Lehrer des Englischen aus dem ,Marokko Relief fund" bezahlt. Dieser Fonds wurde nach dem spanisch-marokkanischen Kriege des Jahres 1860 zugunsten der notleidenden Juden Marokkos in England aufgebracht. Das Geld wird verwaltet von dem Komitee of Deputies of British Jews. Im Jahre 1871 trennte sich die Anglo-Jewish Association als fille cadette von der Alliance Israelite universelle. Bede gelten jetzt als Schwester-Gesellschaften, insbesondere in Tanger unterstützt die Anglo-Jewish Association die Schule der Alliance Israelite mit einem Jahresbeitrag von 50 Pf St. als Zuschuss zu dem englischen Unterricht. Der Vlarrocco Relief fund zahlt für denselben Zweck jährlich 80 Pf. St. Den erforderlichen Restbetrag bringt die jüdische Gemeinde Tangers auf. Vor dem Absenluss des englisch-französischen Abkommens forderte Sir Arthur Nicholson, früher britischer Gesandter in Tanger, die reichen englischen Juden zu Beiträgen für die Gründung einer besonderen Schule der „Anglo-Jewish Association'' in Tanger auf. Von einer Verfolgung dieses Planes scheint es einstweilen still geworden zu sein. Der englische Unterricht an der Schule der Alliance in Tanger liegt in den Händen eines sehr fähigen jungen englischen Lehrers, der wirklich vorzügliche Erfolge erzielt hat. Ich wohnte vor einiger Zeit einer"von Schülern der Alliance in Tanger veranstalteten Liebhabervorstellung bei; es wurden klassische französische und englische Dramen und Lustspiele aufgefürt. Die Leistungen der jugendlichen Darsteller waren ausgezeichnet. Ein kleiner Knirps spielte die Hauptrolle zunächst in dem französischen, dann in dem englischen Stück und entledigte sich seiner Aufgabe vorzüglich. Damals fragte ich mich: Weshalb werden deutsche Klassiker hier nicht aufgeführt und weshalb sollte nicht auch Bekanntschaft mit unserer Literatur und Verständnis für ihre Schönheiten in Marokko Eingang finden können? Webhalb soll deutsches Geld dazu dienen, dass ein grosser Teil der Bevölkerung Marokkos in den Stand gesetzt wird, Zeitungen und Werke zu lesen, die — was unsere Ziele in Marokko und im allgemeinen anbetrifft - ein Zerrbild liefern? Weshalb sollen diese Leute nicht aus deutschen Quellen ihre Belehrung holen? Die — ausser französischen und englischen - hier vielgelesenen spanischen Zeitungen werden über deutsche Angelegenheiten lediglich über Paris unterrichtet. Weshalb endlich soll Deutschland, wie es seinem Ansehen und seiner Grösse entspricht, nicht darauf bestehen ued darfür wirken, dass auch die deutsche Sprache endlich neben der englischen und französischen ihren Platz als Weltsprache erhält, den sie verdient? Dann würden viele der Verleumdungen, die in englischer und französischer Sprache ihre Reise um die Erde antreten, nur einen kurzen Laut haben. Viel Missverstehen und „Verkennung deutscher Sinnesart und Vorurteile gegen die Fortschritte deutschen Fleisses" würden vermieden werden, wenn die Völker der Welt daran gewönt würden — und zwar durch uns gewöhnt würden - die deutsche Sprache zu sich reden zu lassen. Unsere wirtschaftlichen Interessen werden zum mindesten nicht gefördert, wenn derjenigen Bevölkerungsklasse Marokkos, die auf Jahrhunderte hinaus das kaufmännische Vermittelungsglied bilden wird, den Juden, mit deutscher Hilfe der Weg in andere Länder gewiesen, wenn den jüdischen Kaufleuten Marokkos eine Brücke zu nichtdeutschen Ländern geschlagen wird, wo wir nach dem Grundsatz der Gleichberechtigung eine solche nach Deutschland führende Brücke ebenfalls beanspruchen können und müssen. Ich denke, die deutschen Israeliten werden hier ihre Pflicht tun. Vor allen Dingen sollten sie fich dagegen verwahren, dass französische Politiker sich vor der Konferenz mit dem unter Mithilfe deutscher Juden geschaffenen Werk der Alliance Israelite universelle in Marokko brüsten. Oder war etwa dies Werk eingeleitet worden zum Zweck emer einseitigen politischen Propaganda? Ist nicht vielmehr der Zweck der Alliance in Marokko die Hebung der jüdischen Massen? Wird dieses Ziel nicht in erhöhtem Masse erreicht, wenn der Kreis der durch die Alliance geleisteten Arbeit ausgedehnt wird, wenn die reiche deutsche Kultur den Israeliten Marokkos zugänglich gemacht wird? Diese Fragen haben die deutschen Israeliten sich zu beantworten; sie sind auch berufen, die Folgerungen aus ihrer Antwort — die, ob nun nationale oder jüdische Interessen berücksichtidt werden, doch nur eine einzige sein kann — zuziehen. Ich möchte mir nun erlauben, einige Anregungen zu geben: ohne den hohen Wert des vortrefflichen Unterrichts, der den jüdischen Kindern durch die Alliance zuteil wird und der ihre körperlichen, geistigen und sittlichen Fähigkeiten gleichermassen hebt, zu verkennen, ist doch zu betonen, dass dieser Unterricht nicht für alle ludenkinder Marokkos geeignet oder hinreichend zu sein braucht. Das Bulletin der Alliance für 1904 spricht sich über die allgemeinen Ziele in Marokko folgendermassen aus: „Welches Schicksal Marokko auch vorbehalten sein mag, so haben uusere Schulen die Israeliten derart vorbereitet, und bereiten sie ständig darauf vor, bei der wirtschaftlichen Aufschliessung des Landes eine wichtige Rolle zu spielen. Mann wird dort eine kenntnisreiche, arbeitsame Jugend finden, die be-