Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1906)
- Article
- Deutschland und die Alliance Israélite in Marokko
- Date
- 1906-12-01
- Page
- Seite 833 - 834 (sequence 1)
- Language
- German
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833 834 MITTEILUNGEN AUS DEM DEUTSCHEN BUREAU l DER ALLIANCE ISRAELITE UNIVERSELLE. I -1 (Berlin N. 24, Oranienburgerstr. 42/43 I). ■ - DEUTSCHLAND UND DIE ALLIANCE ISRAELITE IN MAROKKO. Am 17. Januar d. J. erschien in No. 57 der »Kölnischen Zeitung" — als Bruchteil einer „Die deutschen Interessen in Marokko" behandelnden Artikelserie — unter dem Sondertitel »Deutschland und die Alliance Israelite in Marokko" nachstehende aus Tanger datierte Betrachtung: „Camille Fidel in Les interets francais et les interets allemands au Maroc und mit ihm fast alle französischen Schriftsteller, die sich mit Marokko beschäftigt haben, rechnen zu den Hauptförderern des französischen Einflusses in Marokko die Arbeit, welche die Alliance Israelite universelle in diesem Lande durch ihre Schulen leistet. Fidel schreibt: »Ein mächtiges Hilfsmittel für Frankreich bildet die Verbreitung der französischen Sprache, die in Marokko — zumal dank dem Werk der Alliance Israelite universelle — mehr und mehr verstanden und gesprochen wird. Der Unterricht wird den Juden der bedeutendsten Städte Marokkos in den Schulen der Alliance auf Französisch durch Lehrer erteilt, von denen manche ihre sämtlichen Grade in Paris erhalten haben ... In diesen Schulen werden die Hilfskräfte für unser wirtschaftliches Vordringen herangebildet. Des Französischen bedienen sich die Israeliten im Geschäft, und da der Handel zum grossen Teil in ihren Händen ist, kann man sagen, dass das Französische die Handelssprache ist." In Fes sowie in den meisten Küstenstädten, wo die Alliance Schulen besitzt, habe ich mit Interesse die Klassen besucht und ich habe für den Eifer und die Aufopferung der Lehrer sowie für die unter oft schwierigen Verhältnissen erreichten Ergebnisse nur das höchste Lob. In den meisten Städten, selbst in Fes, das seiner mohammedanischen Hochschulen wegen im Mittelalter berühmt war und es noch ist, bildet die Schule der Alliance den einzigen geistigen Lichtpunkt in der sonstigen Oede, die einzige Stelle, wo eine Berührung mit unserer Kultur besteht. Was die Alliance in Marokko für die elende, in übervölkerten Mellahs zusammengepferchte Judenschaft tut, kann nicht hoch genug anerkannt werden. Man muss durch die trostlosen Judenviertel mit ihrem Schmutz und Elend gewandert sein — nachdem man vorher im Araberviertel in den Knabenschulen dem öden Herplappern von Koranversen mit Bedauern um so viel verkümmernde Intelligenz gelauscht hat — man muss in die Talmud-Thora, die Rabbinerschulen geschaut haben, die meist eine Stätte ebenso krassen Fanatismus sind wie die Moscheen der Mohammedaner und ihre Schüler weder zur moralischen noch physischen Hygiene anhalten, worauf die Schulen der Alliance solchen Wert legen: dann wird man beim Eintritt in die Schule der Alliance angesichts der reinlich gekleideten eifrigen Schüler, angesichts der erstaunlichen Kenninisse einiger dieser Knirpse, angesichts des gespannten Interesses, mit dem die Augen dieser Mellahkinder am Munde des Lehrers hängen, angesichts der gut eingerichteten Schulräume und der im allgemeinen guten Zucht erst die ganze Bedeutung dieser Arbeit verstehen. Leider hat sich dieser Arbeit in aufdringlicher, von den Juden selbst gar nicht gewünschter Weise die tendenziöse Mache europäischer Politiker bemächtigt. Ich will noch einige französische Stimmen hier anführen. Augustin Bernard schreibt in einem Bericht über das Schulwesen Marokkos an den Generalgouverneur von Algerien: „Die Haltung der Alliance schien mir vom französischen Standpunkt aus im allgemeinen ausgezeichnet . . . mit ihrer üblichen Findigkeit haben die Juden sich ürigens sofort die Folgen des englisch-französischen Abkommens klargemacht; durch die Macht der Umstände werden sie sich künftig mehr und mehr uns zuwenden/' In dem Buche E. Fallots La Solution trancaise de la question du Maroc wird unter der Ueberschrift: »Die französischen Interessen" neben den französischen Dampferlinien und Handelsinteressen als gleichwertig die Arbeit der Alliance aufgeführt: „Die 14 Schulen der Alliance" heisst es, »leisten, wenn sie auch nicht ausschliesslich französisches Werk sind, nichtsdestoweniger der Sache unseres Landes die grössten Dienste." In einem Bericht des „Moniteur Industriel" in Paris vom 9. September 1905 über die deutschen Interessen in Marokko wird ebenfalls die Arbeit der Alliance den Franzosen gutgeschrieben und daraus die Folgerung gezogen, dass „auf zivilisatorischem Gebiet auf deutscher Seite nichts geleistet sei gegenüber bedeutenden Ergebnissen auf französischer Seite." Gelegentlich eines ähnlichen Versuchs in der ,.Grande Revue" (Paris) vom 15. August 1905, die deutschen Interessen in Marokko als nichtig hinzustellen, schreibt Marcel Mirtil in dem Aufsatze: La question marocaine: „Die Schulen der Alliance Israelite lehren 500 Knaben und 240 Mädchen unsere Sprache und unsere Geschichte" Im Journal des Debats vom 3. Juni 1903 hiess es bei einer Beschreibung der verschiedenen Mellahs: „Ein Franzose kann die Schulen der Alliance Israelite in Marokko nicht besuchen, ohne Vergnügen und Dankbarkeit zu empfinden. Die allgemeine Unterrichtssprache ist das Französische und das genügt, um diese Schulen zu wirklichen französischen Schulen zu machen; die Wandkarten stammen aus Frankreich, die Lehrbücher sind französisch, in Kons'antinopel zum Gebrauch für die Schulen der Levante herausgegeben; in allen Klassen sind in grossen Buchstaben die zehn Gebote in französischer Sprache angeschlagen; die Bibliotheken enthalten fast nur französische Bücher. Die jungen Israeliten Marokkos eignen sich also in den Schulen Marokkos unsere Sprache und unsere Ideen an. Infolgedessen verbreitet sich das Französische schon in bemerkenswerter Weise in allen Hafenstädten und sogar ein wenig im Innern; unter dem Einfluss der ehemaligen Schüler der Alliance, die sich als Kaufleute niedergelassen haben, wird das Französische in ganz Marokko immer mehr für die Handelskorrespondenz benutzt. Die Alliance Israelite ist auf dem besten Wege, uns in Marokko — in Ermangelung katholischer Schulen, die spanisch sind, und französisch-arabischer Schulen, deren Werk kaum begonnen hat — ähnliche Dienste zu leisten, wie wir sie im Orient den katholischen Missionen verdanken." Der erwänte Bericht Bernards weist, ebenso wie das Buch von Fallot, noch besonders auf den Umstand hin, dass die Lehrer der Alliance in Paris, auf der „Ecole normale israelite", die zu dem Zwecke in Aut-uil gegründet worden ist, ausgebildet werden. In einem Bericht, den ein französischer Diplomat, Edmond Bapst, im Auftrage seiner Regierung über das französische Unterrichtswesen im Orient verfasst hat, wird auch der Alliance Israelite rühmend gedacht. Das Pariser Journal vom 20. November 1905 fasst die Bemerkungen von Bapst über diesen Gegenstand folgendermassen zusammen: „Bapst zollt der Alliance Israelite, deren intelligente Arbeit die denkbar französischste ist, gerechte Anerkennung. Die Schulen der Alliance haben keinen konfessionellen Charakter und geben einen nach Sprache und Tendenz durchaus französischen Unterricht." Der Bericht empfiehlt reichlichere Unterstützung dieser Schulen in der Türkei durch die französische Regierung. Man sieht,' dass Frankreich die Arbeit der Alliance Israelite bei der Abwägung der verschiedenen Interessen in