Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1906)
- Article
- Beim ersten Lichtlein
- Date
- 1906-12-01
- Page
- Seite 811 - 812 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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811 Ben-Ami: Beim ersten Lichtlein. 812 meinen Kollegen im Cheder imponieren konnte, alle Träume waren zu nichte geworden. Während ich rechnete, kam mein ältester Bruder Dawid mit seiner Frau und ihrem kleinen dritthalbjährigen Mädchen, das der Täter in ein Tuch eingepackt auf dem Arm trug. Meiner Mutter Freude kannte keine Grenze. Sie nahm ihre kleine Enkelin auf den Schoss, hätschelte und koste sie und gab ihr die zärtlichsten Namen. „Es ist grimmig kalt bei Dir, Mutter!" bemerkte mein älterer Bruder. „Ah, darum also kommst Du nur einmal in zwei Monaten zu Deiner Mutter," bekam er zur Antwort. Er erwiderte nichts. Er war immer gewöhnt, die Vorwürfe der Mutter ohne Murren hinzunehmen, und auch jetzt, obgleich schon selbständiger Familienvater, senkte er den Blick schweigend, wie ein unmündiges Kind. Beim Anblick seiner Verwirrung wurde meine Mutter weich und begütigte: „Straf mich Gott, lieber Sohn, wenn ich Dich beschuldige. Ich weis ja, dass Du, gottlob, ein Gatte und Vater bist, bis hundertzwanzig Jahren, und dass Deine eigenen Familiensorgen alles andere in den Hintergrund drängen . . . Ach, was könntest Du auch im Hause Deiner Mutter anderes finden, als Kummer und Tränen ... Nicht so war es, so lange Dein Vater lebte . . ." Tränen erstickten ihre Stimme, sie konnte kaum zehn Worte sprechen, ohne des Unglücks zu gedenken, das so grausam ihr Leben zerstört hatte. „Gott mit Dir, Malka!" nahm Lea das Wort. „Gott mit Dir, was tust Du? Du sündigst ja schwer; da kommen Deine Kinder, um bei Dir das schöne Fest zu feiern, und Du hegiesst sie mit Tränen und verstörst die Freude. Offenbar war es ja Gottes heiliger Wille so . . . Malka!" Meine Mutter sah ein, dass Lea Recht hatte, und beherrschte sich, obgleich ihr das gar nicht leicht fiel . . . Ja, offenbar war es Gottes heiliger Wille so. VIT. Wir Kinder hatten inzwischen ein Spielehen arrangiert. Ich hatte schon zwei von meinen Kupfermünzen verloren, war aber voll guten Glaubens. Inzwischen pochte es heftig und geräuschvoll an der Tür. Alles wurde still. „Ist Dawid hier?" fragte eine Stimme von aussen. „Ja, ja! Kommt nur herein!" Der Eintretende war unser Stadt-Schammes, Heb Meii-, ein Greis mit langem Bart, breiten Seitenlocken und buschigen Brauen. In der Rechteu hielt er einen mächtigen Stock und in der Linken eine Laterne. „Dawid! Keb Saul, der Schochet, lässt Dich bitten, sofort zu ihm zu kommen. Alle sind schon versammelt. Hast Du verstanden oder nicht?" Reb Meir wandte sich zum Gehen. Er war ein selbstbewusster, stolzer Mann, der sich aus keinem etwas machte, obgleich er in äusserst abhängiger Stellung lebte. Seine Vorgesetzten, die Gabboim der Synagoge, hatten vor ihm einen höllischen Respekt, während er, strenge in der Ausübung seiner Pflicht, ihnen die geringsten Ehrenbezeugungen verweigerte. Aber mein Bruder beeilte sich nichtsehr, der Einladung des Schochet, die im Munde Reb Mei'rs wie ein Befehl lautete, Folge zu leisten. Ohne dass man sich's versah, erschien auf dem Tisch eine alte abgegriffene Gemara, meine Brüder und Leas ältester Sohn, gerieten unversehens in eine eifrige, gelehrte Polemik, während sie sich abwechselnd über das Buch bückten und zurückneigten. Unsere Mütter standen in der Ferne und lauschten mit Wonne den unverstandenen Worten ihrer Söhne, die wie Cascaden hervorsprudelten. Aber auch wir Kinder hielten nicht still; der eine schrie, dass es beim Spiel nicht mit rechten Dingen zugehe, meine Schwester forderte, dass man mit ihrem „Drehdel" spiele, da sie sich sonst beleidigt fühlen müsste, bald wieder stritt man sich über die Bedeutung des Buchstabens, der zum Vorschein kam. In unserer Stube, wo sonst nur Schweigen und Kälte herrschten, war es hell und lebendig, ein wirklicher Feiertag. Die Falten im Antlitz meiner Mutter glätteten sich, ihr stets gesenktes Haupt hob sich, als wäre sie mit einem Male unendlich beglückt. Ein solches Leben hatten diese Wände seit dem Hinscheiden meines seligen Vaters nicht gesehen. „Was?" rief mein Bruder hitzig. „Versteht Ihr den einfachen Wortsinn nicht? So sehet doch mal im Raschi nach!" Die beiden anderen vertiefen sich in das heilige Buch, lesen die Worte mit Flüsterstimme ein und das andere mal und richten sich dann plötzlich kampfgerüstet empor, die Daumen fahren in der Luft hin und her, der Streit „leschem schomajim" wächst, um bald in friedlichem Einvernehmen auszuklingen. Mein ältester Bruder geht in der Stube auf und ab, im Vorbeigehen streichelt er mir den Nacken, und ich lasse schämig die Augen sinken, dann versenkt er die Hand in seine Manteltasche, kramt lange herum, und reicht mir am Ende eine Silbermünze, ein ganzes Zehn-Kopekenstück. Eine solche Gabe war mir in meinen kühnsten Träumen nicht erschienen. Ganz wirr vor Freude eile ich zu meiner Mutter, um ihr den Schatz zu zeigen. Inzwischen öffnet sich die Türe geräuschvoll, viele Männer und eine Frau dazwischen stürmen herein, ein donnerndes „Gut Chanukka" macht die Wände erbeben. Es waren der Schochet Reb Saul mit seiner Frau und noch mehrere von den dort Versammelten. „Wir kommen, um Euch mit Kind und Kegel zu mir zu bringen. Ich feiere nämlich heute ein doppeltes Fest, einmal ist Chanukka, und dann vollende ich heute, mit Gottes Hilfe, Schass."*) Auch die Frau drängt und bittet, ihr Fest nicht zu verschmähen. Die anderen drohen, wenn *) Zum Abscliluss des Studiums der sechs Talmud- Traktate wurde ein feierliches Mahl veranstaltet.