Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1906)
- Article
- Beim ersten Lichtlein
- Date
- 1906-12-01
- Page
- Seite 813 - 814 (sequence 6)
- Language
- German
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813 Ben-Arni: Beim ersten Lichtlein. 814 wir nicht willig gehen wollten, uns in Ketten dahin zu schleifen. „Na, und Du, Kleiner," sagte Reb Saul, als er mich bei der Schürze der Mutter. bemerkte. „Wie gelit's Dir? Man sagt, Du lernst sehr gut. Der Lehrer lobt Dich. Aber auch ein :Wildfang bist Du, ein richtiger Gassenjunge. Die Kälber und Ziegen in der ganzen Stadt haben keine Ruhe vor Dir . . . Na, schon gut, schon gut, mein Kind, wenn Du nur tleissig bist. Willst Du mir nicht den Schiur von dieser Woche aufsagen? Ich Hess mich nicht lange bitten, den Schiur kannte ich auswendig „Hachaufer bor birschuss hajochid," fing ich an, jeden Satz betonend und dann übersetzend. „Wenn einer einen Graben gräbt auf seinem eigenen Grund und Boden . . ." und so ging es weiter in dem üblichen Singsang bis an das Ende der Mischna. Alle hielten den Atem an, als vernähmen sie eine Offenbarung. Die Frauen konnten die Ausdrücke der Bewunderung nicht zurückhalten und seufzten jedesmal, meine Mutter weinte vor Wonne. „Ein Prachtjunge, ein goldiges Kind!" Die Männer spendeten mir reichlich Beifall, kniffen mir die Wangen, zogen mich beim Ohrläppchen und klopften mir auf die Schultern. Die Frauen küssten und herzten mich. „Ganz sein seliger Vater, wie aus dem Auge geschnitten! Gib ihm nur ein längeres Leben, Vater im Himmel!" Nur meine Mutter stand regungslos abseits und ihre betränten Augen waren unverwandt, auf mich gerichtet. Kein Wort vermag auszudrücken, was mir ihr Blick sagte, aber tief unten im Herzen ist mir dieser Blick haften geblieben, und heute noch, nach so vielen Jahren, in Trübsal, Dunkelheit und Kälte, wärmt er mich und erhellt mein Dasein . . . Reb Saul rief seine Gäste, alle Männer gingen fort. Nur meine Mutter beharrte dabei, zu Hause zu bleiben. Die Arme konnte niemals ihres Lebens froh werden und sie wollte anderen die Freude nicht trüben . . . VIII. Endlich verliess uns auch unsere Schwägerin mit ihrem Kinde, und unsere Stube wurde mit einem Male leer und öde. Auch das Ohanukka- Kerzlein war längst niedergebrannt. Die Kälte nahm von unserer ärmlichen Behausung wieder Besitz. Meine Mutter und die Schwestern setzten sich, ganz wie an gewöhnlichen Tagen, hin, um Federn zu sehleissen und Strümpfe zu stricken. Es war, als wäre über unserem Horizont ein Komet aufgeblitzt, der unser Dasein einige Augenblicke mit seinem Licht begoss, um uns wieder in tiefe Dunkelheit zu versenken. Ich übergab mein Geld der Mutter zum Aufbewahren. „Morgen, so Gott will, kaufe ich Holz dafür, um die Sabbatbrote dabei zu backen.. Nicht wahr, mein Kind?" „Gut, gut." Ich betete das „Schema" und schlummerte auf dem Schosse meiner Mutter ein. Und ich träumte, dass ich ins Cheder ging. In der einen Hand hielt ich eine leuchtende Papierlaterne, in der anderen mein Abendessen, "ein Stück Schwarzbrot mit einer entzweigeschnittenen und. mit Salz bestreuten Zwiebel. Die Nacht war dunkel, ringsum flackerten an den Fenstern der entfernten Häuser vereinzelte Lichter auf. Ich schleppte mit Mühe meine geschwollenen und erstarrten. Füsse nach über die hartgefrorenen Erdschollen. Der Frost machte mich steif, dass ich kein Glied bewegen konnte. Unter den Nägeln fühlte ich etwas wie Nadelstiche, bald wie den Druck einer Zange. Ich hauchte' mit allen Kräften auf meine Finger, um sie zu erwärmen. Aber da war schon das Haus des Müllers Wakola und der Misthaufen, auf dem mich sein Sohn Wanka mit Schimpfworten und Steinwürfen zu erwarten pflegte. Doch Wanka war nicht zu sehen! Gott sei gelobt und gepriesen! Ich war toll vor Freude. Wanka ist nicht da! Nun bekomme ich heute keine Schläge, keine Steinwürfe, und mein Haar wird nicht gezaust werden. Aber nun kommt mir Lea entgegen, mit einer mächtigen Schüssel dampfender Kräpfchen in der Hand. Ich greife danach, da plötzlich steht vor mir Wakolas grosser, brauner Hund und schnappt nach der Beute. Lea ist verschwunden, und an ihrer Stelle taucht Wanka auf und fasst mich bei den Seitenlocken an. „Du hier!" donnert er. „Mutter! Mutter!" stosse ich schreiend aus und . . . erwache. Ich triefe vor Schweiss, sehe mich verweint um und finde mich auf den Armen meines Bruders, der mich zum Bette hinträgt. „Süsje," sagte ich mit erstickter Stimme, „nicht wahr, heute ist doch Chanukka?" „Ja, mein Liebling. Warum hast Du geschrieen?" „Heute geht man doch nicht ins Cheder?" „Nein, mein Herz." „Und heute schlägt mich auch Wanka nicht?" „Nein, nein!" „Warum schlägt er mich immer so stark; ich habe ihm ja nie was zu leid getan?" „Dafür ist es Wanka, er muss schlagen." Mit diesem Gedanken beschäftigt, schlief ich endlich ein . . .