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Ost und West · 1906-12-01 · Heft 12 (Dezember 1906) · p. Seite 809 - 810

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 12 (Dezember 1906)
Article
Beim ersten Lichtlein
Date
1906-12-01
Page
Seite 809 - 810 (sequence 4)
Language
German
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809 Ben-Ami: Beim ersten Lichtlein. 810 für all die Unl)ill, die er mir zugefügt, Rache zu nehmen. Er aber wurde bleich wie Kalk und fing an, am ganzen Leihe an zu zittern. Ich liess ihn gleich los und suchte das Weite Damals dämmerte in mir dunkel eine Ahnung davon auf, wie wahr mein Vater gesprochen hatte, als er sagte, dass wir Juden dazu geschaffen sind, schweigend zu dulden .... V. Die Mahlzeit war zu Ende, wir aher sassen noch immer um den Tisch herum und lausehten dem Gesänge meines Bruders, der alle von unserem seligen Vater, der auch Chasan war, stammenden Melodien vortrug. Wir verhielten uns mäuschenstill, sassen aneinander gedrängt, ganz Ohr. Draussen heulte und klagte der Wind. Die Türe tat sich auf, und herein trat unsere Nachbarin Lea. Sie war eine herzensgute, lustige Frau, von sprichwörtlicher Sanftmut und stiller Mildtätigkeit. „Guten Abend, Malka, guten Abend, Kinder!" rief sie schon auf der Schwelle. „Gott möge Euch und uns allen mit ganz Israel alles Gute schenken und uns übers Jahr die Lichter von Chanukka in seinem heiligen Bethamikdosch anzünden lassen." Dabei holte sie unter dem grossen Shawl eine Schüssel mit fleischgefüllten Kräpfchen hervor, die einen wohligen berauschenden Duft über das ganze Zimmer ausströmten. „Hier bring ich Euch etwas von dem Leckergericht, das wir heute gekocht haben," sagte sie mit herzgewinnendem Lächeln. „Hier, liebe Kinder,'' fuhr sie fort und steckte die Hand in die Tasche. „Ich bin Euch ja Chanukka-Geld schuldig." Sie reichte mir einen Silbergroschen und meiner Schwester einige Kupfermünzen. Gewiss gibt es keinen König und keinen Finanzminister in der Welt, die mit Millionen so beglückt gewesen wären, wie ich mit meinem Silbergroschen. Denkt Euch! Einen ganzen Silbergrosehen! Drei Kopeken! Sechs Heller! Ist das eine Kleinigkeit? Und wenn ich erst morgen ins Oheder komme und den Kollegen meinen Schatz vorweise, wie werden sie alle staunen! Selbst Selig, dessen Vater der Magnat unserer Stadt ist — man schätzt sein Vermögen auf volle dreihundert Rubel! - selbst dieser Selig wird ja kaum ein grösseres Chanukka-Geld erhalten haben. Ich besah meinen Groschen von allen Seiten, während mir die Mutter, meinen Teil von den Kräpfchen reichte. Ich konnte mich nicht entschliessen, ihn aut einmal zu verzehren, wie das erste beste Stück Brod, sondern ass bissenweise in langen Pausen, lange kauend und mein Auge daran weidend. Wann hatte ich Aussicht, wieder eine so seltene Speise zu gemessen? Dann fing ich an, den Groschen zu putzen, bis er ganz blank und glänzend aussah. Dasselbe tat meine kleine Schwester mit ihren Kupfermünzen, die bald wie Gold blinkten. Sie suchte mich zu überzeugen, dass sie ein grösseres Vermögen besass, und ich war nahe daran, auf ihren Vorschlag einzugehen und ein Tauschgeschäft zu machen. Doch die ältere Schwester hielt mich zurück. Lea war gegangen, um später mit ihren Kindern wieder zu kommen. Nur Süsje ging aufgeregt im Zimmer her und hin und wollte die. Speise nicht berühren. Mir war das unbegreiflich. ,,Warum isstDu nicht?" fragte ihn die Mutter wiederholt. Er schien nicht länger an sich halten zu können. „Wenn Du in mich dringst, will ich es Dir rund heraussagen," antwortete er endlich mit bebender Stimme, fast atemlos vor Erregung. „Es widerstrebt mir, ein Almosen anzunehmen," Meine Mutter sprang von ihrem Sessel empor, wie von einem Pfeil getroffen. „Gott mit Dir, Süsje, wie kannst Du nur so schwer sündigen? Pflegte ich nicht früher von allen wohlschmeckenden Gerichten, die ich bereitete, Anderen zu schicken? Nun soll ich es zurückweisen, wenn unsere Nachbarin etwas schickt? Welche reiche Hausfrau würde sich schämen, von der Nachbarin solch eine Kleinigkeit anzunehmen? Warum beschämst Du mich so herzlos?..... Vater im Himmel! Warum strafst Du mich so hart! .... Sie sprach nicht weiter. Tränen erstickten ihre Stimme. Ich stand ratlos da und wusste nicht, was da vorging. So viel verstand ich, dass der Bruder meine Mutter beleidigt hatte. Ihr Weinen erpresste mir Tränen. „Du schlechter Mensch! Was schiltst Du die Mutter? Hast Du gar keine Furcht vor Gott? Gott wird Dich in der zukünftigen Welt hart strafen." Dann eilte ich zur Mutter und versteckte mich unter ihrer Schürze. Sie aber nahm mich auf die Arme, drückte mich ans Herz und wischte uns beiden die Tränen aus den Augen. Aber mein Bruder war seltsamerweise gar nicht böse aut mich. Im Gegenteil, er rief mich zu sich und versprach, mir ein hübsches „Drehdel"*) aus Holz zu schnitzen. Ich war aber unversöhnlich und drohte ihm, diese Nacht das Lager mit ihm nicht zu teilen. VI. Endlich kam Lea mit allen ihren sechs Kindern, wie sie versprochen hatte. Ihr Jüngster, mein Cheder-College, beeilte sich, mir seinen Reichtum zu zeigen: fünf Silbergroschen und acht Kopeken, die er von seinen Eltern und einem Onkel als Chanukka-Gabe bekommen hatte. Ich war starr vor Bewunderung beim Anblick dieses Vermögens und sank sehr tief in meinen eigenen Augen; nun hatte ich nichts mehr, womit ich *) Ein Chnnukka-Spielzeiig für Kinder.

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