Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1906)
- Article
- Beim ersten Lichtlein
- Date
- 1906-12-01
- Page
- Seite 807 - 808 (sequence 3)
- Language
- German
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'807 Ben-Ami;■ Beiüi ersten Lichtlein. 808 mir vor die Seele, so oft ich dem Sohn des Müllers Wakola, Wanka mit Namen, begegnete, von dem ich stets Rippenstösse und Schläge auf den Kopf mit nach Hause brachte. Das ereignete sich fast täglich. Mit bitterem Weinen kam ich nach Hause und klagte über das Leid, das mir dieser junge Raufbold zufügte. Er war ein mit Aussatz an Gesicht nnd Händen behafteter, Widerwillen und Abscheu einflössender Bauernjunge. Auf alle meine Klagen antwortete man mir: „Wir sind im Golus und müssen leiden." Das wollte mir nicht recht in den Kopf. Warum muss ich Wankas Schläge demütig hinnehmen? Könnte ich ihm denn nicht getrost die Knochen zerbrechen? Und warum überfallt er mich immer, wenn ich ins Cheder gehe? Warum fange ich mit ihm niemals Händel an? Ist er vornehmer als ich? Sein Vater wälzt sich den ganzen Tag wahnsinnig betrunken im Kot, und wenn das Weib sich einmal ein Herz fasst und ihn nach Hause bringen will, schlägt er sie halb tot und schleift sie bei den Haaren durch die Strassen. Hat etwa mein seliger Vater dies auch jemals getan? Und Wanka selber, in eigener Person? Treibt er sich nicht den ganzen Tag mit Hunden und Schweinen in den Strassen herum, schmutzig und ungewaschen, mit zerzausten ungekämmten Haaren, während ich den ganzen Tag, vom Morgen bis zum Abend, im Cheder sitze und in der heiligen Thora studiere? Solche Gedanken wälzte ich in meinem Kopfe und ich kam zu dem Schluss, dass ich wol ganz gut im Stande und auch im Recht wäre, Wanka, wenn er mich angreift, gehörig zuzurichten. Zunächst aber wollte ich ihn einmal offen fragen, warum er mich zur Zielscheibe seiner Verfolgungen machte. Als ich Tags darauf wie gewöhnlich aus dem Cheder ging, erwartete er mich in seinem Hemde, das ihm bis zu den Knöcheln reichte, mit seinem borstigen Kopf, während ihm der Speichel über das ungewaschene Gesicht kam. Sobald er mich erblickte, warf er mit Steinen nach mir, während JULES ADLER Mutter. PARIS. er schrie: „Du aussätziger Jude! Du aussätziger Jude!" Dann, als ich mich nicht wehrte, kam .er auf mich zu, zauste mich bei den Ohrenloeken und versetzte mir erbarmungslose Püffe und Schläge, wo immer er konnte. Ein anderesmal versuchte ich, ihn zur Rede zu stellen: „Habe ich Dir jemals etwas zu Leide getan? Warum schlägst Du mich?" Weiter kam ich nicht. Wanka antwortete mir in gewohnter Weise mit Steinwürfen, Püffen und dem heuleuden „aussätziger Jude!" wozu er noch andere edle Ausdrücke fügte, deren Bedeutung ich aber erst nach vielen Jahren, als erwachsener Mann verstand. Endlich kam der Tag der Rache. An einem Erew-Sabbat sass ich vor der Tür mit meiner Schwester und putzte die Leuchter für den Abend. Plötzlich blickte ich auf und sah Wanka vor mir, der sein gewöhnliches Liedchen sang. Noch ehe ich überlegen konnte, stand ich bei ihm und hatte den Strick, der ihm als Gürtel diente, erfasst. Es drängte mich, einmal an ihm