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Ost und West · 1906-12-01 · Heft 12 (Dezember 1906) · p. Seite 805 - 806

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 12 (Dezember 1906)
Article
Beim ersten Lichtlein
Date
1906-12-01
Page
Seite 805 - 806 (sequence 2)
Language
German
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805 Ben Ami: Beim ersten Lichtlein. 806 gekränkt zu. haben, und ich war betrübt über das Misslingen meiner guten Absicht. Als Süsje mein bitteres "Weinen vernahm, wurde er gerührt; er nahm mich auf die Arme und trug mich, nach Haus. IL Wir traten in unsere Küche. Es war dies ein niedriges Gelass, dessen Decke längst schon die Absicht hatte, auf den Boden zu sinken, aber an der Ausführung der Absicht von einigen aufgerichteten Stangen gehindert wurde. Die Mutter stand beim Ofen gebückt und blies aus voller Brust auf einige zerbrochene Schindeln, die am Herde aufgehäuft waren und zwischen denen eine Handvoll angebrannten Strohs hervorblickte. Je mehr sie blies, desto stärker drang der Rauch aus dem Herde in ihre Augen und erpresste ihr bittere Tränen, die über das vorzeitig verwelkte Gesicht rannen. Von Zeit zu Zeit erfasste sie ein heftiger Husten, der ihren ganzen Körper erschütterte, aber sie blies in einem fort. Das Feuer wollte nicht aufflackern. Schon war das Zimmer voll Rauch. Plötzlich ertönte ein Krachen, der Topf glitt aus dem Herde und stürzte zu Boden, wo das Wasser die Tümpel vergrösserte, die der schmelzende Schnee, von draussen eindringend, gebildet hatte. Es war zum Verzweifeln. Aber mein Bruder und ich nahmen uns zusammen, eilten auf den Dachboden, suchten lange und fanden das Hinderniss. Es war ein Bündel alter Schindeln und der geschnitzte Fuss einesSessels, von dem es schwer war zu sagen, wie er hierher kam, da es weder bei uns noch in der ganzen Stadt Sessel mit geschnitzten Füssen gab. Unsere Mutter war glücklich, als wir ihr diesen Schatz überbrachten. „Gott segne Euch meine lieben Kinder und erfreue Euch, wie Ihr mich erfreut habt." Aber jenes Krachen, das uns so erschreckt hatte, war zu unserm Heil. Eine quer am Rauchfang liegende Ziegel hatte dem Rauch den Weg in die Luft versperrt. Als sie mit Getöse herniederfiel, hatte es zwar den Topf gekostet, aber nun konnte das Herdfeuer lustig aufflackern. „Da soll man sehen," bemerkte die Mutter, „dass der Mensch niemals sündigen darf, indem er sich über Gottes Fügungen beklagt. Was Er tut ist immer wohlgetan, obgleich es uns zuweilen hart und drohend erscheint." Dies bewies sie uns aus der heiligen Schrift, indem sie unzählige Verse anführte, die in ihrem Gedächtniss wohl verwahrt waren. Meine ältere Schwester lief indess zur Nachbarin, um etwas Pfeffer zu borgen, während die jüngere den Teig knetete. Ich und mein Bruder brachten einen Eimer voll frischgefallenen Schnees, der zu Wasser schmolz, bis endlich unserere Mutter triumphierend verkündete, dass die Nudeln fertig seien. „Nun, Süsje, mein Sohn, zünde das Chanuka- Lichtlein an, dann werden wir zu Tische gehen." III. Im anstossenden Zimmer stand am Fenster ein blitzblank geputzter, glänzender Chanukka- Leuohter. Die Mutter schnitt von einem Wachsfaden ein Kerzlein für den Si-hames. Mein Bruder sprach den Segen und zündete das erste Liclitlein an. Dann klebte er den Scliames an dem Fensterrahmen fest, und plötzlich war es, als wäre wie durch die Berührung eines Zauberstäbchens das ganze kleine, ärmliche Zimmer umgewandelt und hätte sich in ein Festgewand gehüllt. Von diesen kleinen Flämtnclien strömte eine gar wunderbare Wärme in die Herzen und ein erheiterndes, fröhliches Licht aus. Meine Kinderseele schwamm in Wonne, ohne dass ich damals imstande war, die hohe Bedeutung dieses Festes auch nur zu ahnen. Meine Mutter allein stand gebeugt vor dem klaren Lichte, hielt den Kopf auf den Arm gestützt, und stille Tränen rannen ihr über die Wangen . . . Sie gedachte wohl der Tage, da unser Vater noch lebte und selber die Lichter anzuzünden pflegte, der Helle und der frommen Festlichkeit, die in unserem Hause damals zu herrschen pflegte, als sich eine frohe Menge versammelte, um bei uns Chanukka zu feiern und die herrliclisten Geschichten von den Wundern, die Gott im Laufe der Zeiten an seinem Volke gewirkt hatte, zu hören, bis der Morgen graute. Nun versammeln sie sich beim neuen Schochet, der an die Stelle meines Vater gekommen war, wir aber sind einsam und verlassen, alle haben uns vergessen. „Süsje, mein Herz," bat die Mutter, „singe doch Haneraus halolu mit derselben Melodie, mit der es Dein Vater zu singen pflegte.44 Süsje war sonst nicht besonders folgsam. Aber diesmal lies er sich nicht lan^e bitten. Er sang mit Wärme und Kraft, meine Schwestern sangen leise nach, und die Mutter stand noch immer den Kopf auf den Arm gestützt, und Tränen quollen unablässig aus ihren Augen und fielen auf die kalte, feuchte Erde. Der Gesang war zu Ende. Wir wuschen uns die Hände und gingen zu Tische. Bald erschienen die sehnsüchtig erwarteten Nudeln in einer gesprungenen, schartigen Schüssel. Bei Tische gedachten wir wieder unseres verstorbenen Vaters. Die Mutter wusste unendlich viel über ihn zu erzählen. Wir hatten alle diese Geschichten unzählige Male gehört, aber stets lauschten wir ihnen mit neuem Interesse. Besonders ergreifend wirkte auf uns die Schilderung der letzten Augenblicke seines Lebens. „Wir müssen hienieden leiden," sagte er, „um desto reiner vor dem Schöpfer dazustehen. „Wer sich gegen die irdischen Leiden empört und murrt, der hat aufgehört, Jude zu sein!" . . . IV. Diese Worte meines Vaters hatten mir immer zu denken gegeben. Besonders lebendig traten sie

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