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Ost und West · 1906-12-01 · Heft 12 (Dezember 1906) · p. Seite 799 - 800

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 12 (Dezember 1906)
Article
Salomon Munk
Date
1906-12-01
Page
Seite 799 - 800 (sequence 8)
Language
German
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799 A. Benesra: Salomon Münk. 800 Verhältnissen zu machen, und hätte es mir nie träumen lassen, dass es wegen einer mittelalterlichen Judenverfolgung geschehen würde. Doch da die Vorsehung es so will, so betrachte ich es als eine göttliche Fügung, dass auch ich etwas zur Rettung der Unterdrückten beitragen soll, und ich fühle mich schon im voraus durch dieses Bewusstsein belohnt, zumal da alles, wie es jetzt steht, einen günstigen Erfolg unserer Sendung erwarten lässt. Ich bin überzeugt, liebe Mutter, dein frommer Sinn wird dich diese Reise unter den heitersten Farben sehen lassen, und wenn ich Zeit gehabt hätte, dich um deine Meinung zu fragen, so .würdest du mir selbst [dazu geraten haben. Nach drei Monaten Avirst du, so Gott will, dich meiner glücklichen Rückkehr freuen und dir sagen können, dass ich zur Verrichtung eines grossen und guten Werkes einiges beigetragen habe." Regelmässig erstattete er der Mutter Bericht von jedem Erlebnis und jeder Wahrnehmung, und diese Briefe bieten ein hohes historisches Interesse. Er schildert die ökonomische Lage, die Sitten und den geistigen Zustand der Juden in Aegypten in sehr eindrucksvoller und anschaulicher Weise. Die Bemühungen der europäischen Delegaten waren zunächst darauf gerichtet, den ägyptischen Vizekönig dahin zu bringen, dass eine Revision des Prozesses, in dem das Urteil noch nicht gefällt war, eingeleitet, und dass der Prozess ohne Anwendung der Folter, öffentlich und nach ^europäischen Grundsätzen geführt werde. Die Delegation war schon nahe am Ziele, aber die Ränke des* französischen Konsuls machten ihre Anstrengungen zu nichte. Der Vizekönig wählte daher einen Mittelweg. Er erliess 'an den Pascha von Syrien einen Befehl, .die Eingekerkerten freizulassen, „den Handwerkern sei gestattet, ihrem Handwerk nachzugehen, den Kaufleuten ihrem Handel, und es sei streng darauf zu achten, dass keinem von irgendwelcher Seite eine Unbill zugefügt werde." Jegliche Begründung dieses Befehles mangelte, aber sein bündiger und kategorischer Ton machte auf die Bevölkerung tiefen Eindruck und zerstörte alle Wühlarbeit der Mönche. Das Lamm war also gerettet, aber der Wolf war nicht satt, denn der französische Konsul setzte alle Hebel in Bewegung, dass der Erlass so stilisiert würde, dass er den Charakter eines Begnadigungsaktes hätte: dass der Vizekönig die Angeklagten für schuldig hielt, und nur auf Grund seines Begnadigungsrechtes sie in Freiheit setzte. Der Konsul rechnete darauf, dass Cremieux, der arabisch nicht verstand, diesen Trick nicht bemerken würde. Münk jedoch, dem dies nicht entgehen konnte, beharrte darauf, dass der Ausdruck Gnade entfernt würde, was denn auch geschah, so dass dadurch der Sache eine ganz andere Wendung gegeben wurde. Er hatte reichlich Gelegenheit, die Lage der Juden im Orient zu studieren, und er war es, der zuerst den Gedanken fasste, in Kairo eine Schule für die jüdischen Kinder nach europäischem Muster zu gründen und eine grosse Gesellschaft ins Leben zu rufen, die an der Hebung der geistigen und materiellen Lage der orientalischen Juden arbeiten sollte. So wurde mit der Zeit die Alliance Israelite Universelle gegründet, die diese Pläne in grossem Masstabe durchzuführen unternahm. Er erliess an die dortigen Juden einen Aufruf in hebräischer und arabischer Sprache, organisierte darauf die Schule, und legte somit den ersten Grundstein zu dem grandiosen Schulwesen der nachmaligen Alliance, deren Zentralkomitee er bis an sein Lebensende angehörte und deren eifrigster und tätigster Organisator er war. Er, der im Grunde der spiritus agens der ganzen Expedition war, alle Schritte vorbereitete, und alle Memoranda ausarbeitete, hielt sich im Schatten, so dass die Zeitungen ihn nicht einmal erwähnten. Der darüber ungehaltenen Schwester schreibt er, ihm komme es darauf an, etwas zu wirken, das Ausposaunen in den Zeitungen überlasse er anderen. Die Journale erwähnen nur diejenigen, die sich darum bemühen oder es selber besorgen; ihm aber liege daran so wenig, dass er es nicht der Mühe wert halte, einen Schritt oder einen Federzug deswegen zu machen. Wieder in Paris angelangt, kehrte Münk zu seinen geliebten wissenschaftlichen Arbeiten zurück. Er veröffentlichte jetzt der Reihe nach grosse Abhandlungen über die arabischen und jüdischen Philosophen des Mittelalters, wie' z. B. Alfarabi, Ibn Sina, Älgazali, Ibn Badja, lbn Tofail, Ibn Roschd, Josef ben Jehuda, Ibn Aknin u. a. wie auch eine grosse Abhandlung „La philosophie chez les juifs'', die in grossen Linien die Entwickelung des philosophischen Gedankens unter den Juden zeichnete. Alle diese Abhandlungen hatten eine weittragende Bedeutung nicht nur für die jüdische, sondern für die allgemein europäische Wissenschaft, da sie neue Gesichtskreise erschlossen, die Entwickelung der Kultur in neuem Lichte zeigten, und den Faden spannen, der die Gedanken der antiken denen der neuen Zeit verband. Diese Abhandlungen erschienen nachher unter dem Gesamttitel „Melanges de Philosophie juive et arabe". Das grösste Aufsehen jedoch erregte eine von Münk im Jahre 1846 gemachte Entdeckung, die den grossen jüdischen Dichter und Philosophen Salomon ibn Gabirol betraf. Die Philosophen des Mittelalters kannten einen verschollenen Denker, den die einen Avicebron, die andern Avicebrol, wieder andere Avencebron nannten. Es war dies eine rätselhafte Gestalt, ein Mann, dessen Herkunft und Religionsbekenntnis niemand kannte, obgleich sein Buch „Fons vitae" den Scholastikern die wichtigsten Grundgedanken und Ideen ihrer Philosophie lieferte. Münk entdeckte nun in der Pariser Bibliothek das Fragment einer hebräischen Skizze, deren Verfasser, Schemtob ibn Falaquera, den Hauptinhalt und den Gedankengang eines arabisch geschriebenen Werkes von Salomon ibn Gabirol wiedergab, das sich „Mekor chajim" betitelte. Den Inhalt dieser Skizze verglich nun Münk mit den zahlreichen Zitaten aus „Fons vitae", die sich

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