Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1906-12-01 · Heft 12 (Dezember 1906) · p. Seite 797 - 798

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 12 (Dezember 1906)
Article
Salomon Munk
Date
1906-12-01
Page
Seite 797 - 798 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2583943-2583953-2594185--06650-2594249
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

797 A. Benesra: Salomon Münk. 798 einmal so viel, um eine Heise nach, der Heimat zu unternehmen und die Seinigen, nach denen er sich sehnte, wiederzusehen. Meyerbeer empfahl ihn der Redaktion des „Temps", wo er von Zeit, zu Zeit kleine Aufsätze gegen massiges Honorar veröffentlichen konnte. Er erachtete es als ein grosses Glück, dass es ihm 1835 möglich wurde, eine Reise nach:England zn machen, um in der Oxforder und der Londoner Bibliothek wenigstens kurze Zeit zu arbeiten und Auszüge aus den dortigen Exemplaren des arabischen „Moreh,J und anderen Handschriften zu machen. Erst 1838 erhielt er die obenerwähnte kleine Stellung an der Bibliothek, die ihn wenigstens vor der allerdrückendsten Not schützte. Bald darauf aber fiel auf seine Schultern die volle Last der Erhaltung seiner greifen Mutter, eine süsse Last, die er mit kindlicher Liebe und stiller Selbstverleugnung bis an das Lebensende der alten Frau trug. Sein Ruhm in der wissenschaftlichen Welt stieg immer höher. Bald erachteten die Pariser Orientalisten den bescheidenen Bibliothekarsgehilfen für einen der bedeutenden Kenner der arabischen Sprache, Literatur, des Rechtes und der Sitten. Die Pariser Blätter und Zeitschrilten brachten allemal Notizen und Artikel iD schmeichelhaftem Tone über ihn und seine Leistungen. Als er einmal der Schwester einen solchen Ausschnitt schickte, schrieb er ihr, er tue dies nur, um ihr eine Annehmlichkeit zu bereiten, nicht aber, damit sie fremden Leuten das über ihn Gedruckte zeige. Er wisse, dass man in der Heimat auf derlei Dinge mehr Gewicht lege, als sie wert seien, und nur das halte ihn davon zurück, ihr häufiger die Blätter zu schicken, wo seine Arbeiten lobend erwähnt würden, denn was man Eltern und Geschwistern ruhig vorweisen könne, gewinne Fremden gegenüber leicht den Charakter der Prahlerei. Er hoffe, die Schwester würde s;ch nach dieser Einsicht richten. Jetzt begann für Münk eine Epoche intensiver, sehr fruchtbarer, erfolg- und ruhmreicher wissenschaftlicher Arbeit. Vorher jedoch sollte er noch die Gelegenheit haben, einen seiner heissesten Wünsche zu verwirklichen, nämlich den Orient zu besuchen. Es geschah dies freilich unter sehr traurigen Umständen, Münk jedoch war es vergönnt, hierbei dem Gesamtjudentum einen grossen Dienst zu erweisen. Es war im Jahre 1840. Die Gesamtjudenheit wurde von einem Vorfall überrascht, der die Gemüter um so tieter aufregte, als er mitten im Enthusiasmus und in dem freudigen Rausch, den der damals jugendkräftig sich regende Liberalismus allenthalben erzeugte, das Gespenst des düstersten Mittelalters heraufbeschwor. Aus einem französischen Kloster zu Damaskus verschwand ein Mönch, Pater Thomas, zusammen mit seinem eingeborenen Diener Ibrahim. Die Mönche sprengten das Gerücht aus, dass der Verschollene ein Opfer der Juden geworden wäre, die ihn getötet hätten, um sein Blut für die Osterbrote zu gebrauchen. Unter den Muhammedanern, wie im allgemeinen im Orient war das Märchen vom Ritualmord so gut wie ganz unbekannt, aber die Mönche verbreiteten es durch eine energische rm:ksicln>lo*e, kein Mittel verschmähende Agitation. Das Kloster war französisch, Frankreich übte das Protektorat über die Christen im Orient aus, und sein Einfiuss war dazumal unvergleichlich grösser als heutzutage. Die ägyptische Regierung, der damals Damaskus unterstand, erwartete von Frankreich Beistand für den Fall eines Krieges mit der Türkei. Im Interesse der Klöster, die im Grunde nichts als politische Agenturen im Dienste des französischen Königtums waren, lag es, den Fanatismus der Muhammedan er gegen die Juden aufzuhetzen, um dadurch von sich selber die wachsende Unzufriedenheit und den Hass abzulenken. So verwickelte sich diese jüdische Frage mit den allgemeinen politischen Intrigen aut eine immer kompliziertere Weise. Der französische Konsul Graf Ratti-Menton forderte eine grausame Bestratung der Juden; da man aber nicht wusste, welche Juden zu bestrafen wären, so wurden die ältesten und angesehenen Mitglieder der Gemeinde eingekerkert und der Folter unterworfen. Vier von ihnen starben nach langen Qualen, ohne sich zu einer falschen Zeusrenaussage bewegen zu lassen. Andere bekannten auf der Folterbank ein Verbrechen, das sie nicht begangen. Da aber ihre Geständnisse einander in den wichtigsten Punkten widersprachen, weil ein jeder, sich in Schmerzen windend, etwas anderes ersann, um nur loszukommen, so wurde der Prozess immer verwickelter. Ganz Europa verfolgte mit gespanntem Interesse den Gang der Angelegenheit. Noch heute lesenswert sind die Stimmunffsberichte, die Heine darüber aus Paris an die „ Au2r.>burger AUg. Zeitung" schickte. Das intellektuelle Frankreich stand auf Seiten der Juden, die politischen Machthaber jedoch, mit Thiers, dem Wolf im Schafspelz, an der Spitze, standen auf Seiten der Mönche. Thiers, „ein Mann ohne jede moralische Empfindung für Wahrheit und Gerechtigkeit", ersann, gleich seinem viel kleineren Nachfolger Meline, die raison d'etat. Metternich dagegen, der reaktionäre österreichische Kanzler, nahm sich der eingekerkerten und gefolterten Juden, unter denen sich zwei österreichische Untertanen befanden, an. Metternichs Stellungnahme war wahrscheinlich ebenfalls von einer raison d'etat, und weniger von Wahrheitsliebe und Menschenfreundlichkeit diktiert. Da beschlossen die englischen und französischen Juden.ihren Glaubensgenossen im Orient zu Hilfe zu eilen. Moses Montefiore und Adolphe Cremieux m achten sich auf nachÄgypten. Letztern begleitete Salomon Münk als ausgezeichneter Kenner des arabischen R«chts, der Sprache und der Einrichtungen. Die Mutter war über diese weite und, wie ihr dünkte, gefährliche Reise des Sohnes sehr beunruhigt. Münk schiieb an sie folgendes: „Eine Reise nach dem Orient kommt mir in vieler Beziehung zu statten. Ich hätte freilich gewünscht, sie in anderen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.