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Ost und West · 1906-12-01 · Heft 12 (Dezember 1906) · p. Seite 795 - 796

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 12 (Dezember 1906)
Article
Salomon Munk
Date
1906-12-01
Page
Seite 795 - 796 (sequence 6)
Language
German
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795 A. Benesra: Salomon Münk. 796 Trotz des unablässigen und peinigenden Kampfes ums alltägliche Brot — im trockensten Sinne dieses Wortes, — setzte Münk seine wissenschaftlichen Arbeiten fort. Die damalige Zeit war ungemein fruchtbar an Entdeckungen und Grosstaten auf dem Gebiete der langsam aus dem Chaos emporsteigenden jungen "Wissenschaft des Judentums. Eine ganze Reihe hervorragender Forscher arbeitete daran, die Denkmäler der jüdischen Vergangenheit aus dem Schutt der Jahrhunderte auszugraben, und plötzlich wurden ganze Epochen der sozialen, politischen und geistigen Geschichte des Judentums wie mit einem Schlage aufgehellt. Nicht lange zuvor hatte Zunz sein monumentales Werk „Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden" veröffentlicht, eine Frucht 10jähriger, tiefeingreifender und mühseliger Arbeit. Das Werk machte auf die Zeitgenossen einen ungeheuren Eindruck, indem es den Horizont der nachtalmudischen Epoche weithin erleuchtete und ungeahnte Zusammenhänge zwischen entlegenen Zeitläufen nachwies. Die glänzenden und scharfsinnigen Monographien Rappoports zogen die ungemein interessanten Individualitäten der Gaonen und die Geschichte ihrer Zeit ans Tageslicht. Luzatto widmete sich der Erforschung der spanisch-jüdischen Poesie und der Lebensschicksale ihrer Schöpfer. Auf allen Gebieten herrschte ein emsiges, rastloses, unaufhörlich vorwärts schreitendes Treiben. Damals trat auch Münk auf die Arena. Seine gründliche Kenntnis der arabischen Sprache, in der die meisten Schriften der jüdischen Denker und Forscher des Mittelalters abgefasst sind, seine Vertrautheit mit der Philosophie des Altertums und des Mittelalters, sein Aufenthalt in einer Stadt, in deren Bibliotheken viele Handschriften ruhten, die jene Werke enthielten, all das zusammen bewirkte, dass seinem scharfen kritischen Geiste ein weites Gebiet der Tätigkeit sich erschloss. Ausser den oben erwähnten Schriften veröffentlichte er zu jener Zeit eine Reihe von bedeutenden Studien über die Anfänge der wissenschaftlichen Exegese und^ Sprachforschung, bei den Juden, die ursprünglich in der Cahenschen Bibel erschienen und nachher gesondert herauskamen, so z. B. seine Arbeiten über Saadia Gaon und Thanchum von Jerusalem, die durch die Schärfe der Analyse und den Reichtum des gesammelten und kritisch gesichteten wissenschaftlichen Materials die Gelehrtenwelt überraschten und entzückten und auch christliche Forscher zur Arbeit in derselben Richtung anfeuerten. Um dieselbe Zeit machte er sich an die Arbeit an dem grundlegenden, noch heute wertvollen Werk über Palästina in geographischer, historischer und archäologischer Beziehung, das als Sondeiband des Sammelwerkes: „L'Univers pittoresque, histoire et description des tous les peuples", herausgegeben von Didot, erschien. Trotz des grossen Fortschrittes auf allen diesen Gebieten behält Münks Werk heute noeh hohen Wert. Seinerzeit aber lenkte es die Aufmerksamkeit der Gelehrtenwelt in hohem Grade auf sich durch den Glanz der Darstellung, die exact wissenschaftliche Behandlung der altisraelitischen Geschichte, vor allem aber durch die streng objektive, von jeglicher Engherzigkeit freien Darstellung der Anfänge des Christentums, dessen Wurzeln in Palästina ruhen. Der Verfasser bemerkt am Eingang mit Nachdruck, dass er Jude sei und darum natürlicherweise das Christentum mit anderen Augen betrachte, als ein Christ. Er eignete sich aber die freisinnige Anschauung des Maimonides an, der da lehrte, dass das Christentum in dem göttlichen Weltenplane eines der wichtigsten Mittel sei, die Menschheit zu einer höhern, idealen Auffassung der Gottheit zu führen. Und so erzählt er nach den Quellen des Neuen Testaments denjenigen Teil der Urgeschichte des Christentums, der auf palästinensischem Boden spielt. Aus bis dahin unbekannten Quellen schöpfend, schildert er darauf ausführlich die mittelalterliche Geschichte des Heiligen Landes, und hier zeigte erzürn erstenmal auf allgemeinhistorischem Hintergrunde den europäischen Lesern die edle, von der Aureole der Romantik und des Martyriums umflossene Gestalt des Jehuda Halewi, gleichsam eine Inkarnation des ganzen jüdischen Volkes — den Sänger der Wehmut und der Sehnsucht. Die .bekannte Zionide dieses Dichters, die Münk in französcher Uebersetzung bot, machte auf die französischen Leser grossen Eindruck und weckte Sympathie nicht nur für den Dichter, sondern für das ganze mittelalterliche Judentum, dessen Leiden und Kämpfe und Geistesarbeit. Um jene Zeit fasste Münk den Plan zu einem Werk, das den grössten Teil seines Lebens und seiner Arbeit in Anspruch nehmen und das er mit dem Verlust seines Augenlichtes bezahlen, das aber sein Standard work werden sollte, ein Denkmal, dauernder als Erz, das ihm ein unvergängliches Verdienst nicht nur um die jüdische, sondern um die allgemeine Geistesgeschichte sichert. Wir meinen die Herausgabe des arabischen Originals von des Maimonides „Moreh Nebuchim". Schon im Jahr 1833 hatte er zwei Abschnitte des arabischen Textes dieses Buches nach einer in der Pariser Bibliothek aufgefundenen Handschrift publiziert. Aber damals konnte er kaum hoffen, jemals seinen Traum voll zu verwirklichen, denn die Pariser Bibliothek besass nur unvollständige Handschriften des zweiten und dritten Teils des „Moreh". Um aber ein komplettes Exemplar zu erlangen und den authentischen Text auf zuverlässige Weise zu rekonstruieren, mussten mühselige und andauernde Untersuchungen in anderen Bibliotheken unternommen werden, wobei es immer noch nicht sicher war, dass ein günstiges Resultat erzielt würde, und nicht die ganze Arbeit fruchtlos bliebe. Mittlerweile hatte Münk schwer um das tägliche Brot zu kämpfen, vollends von grösseren Ausgaben für wissenschaftliche Zwecke konnte er nicht einmal träumen. Er besass nicht

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