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Ost und West · 1906-12-01 · Heft 12 (Dezember 1906) · p. Seite 793 - 794

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 12 (Dezember 1906)
Article
Salomon Munk
Date
1906-12-01
Page
Seite 793 - 794 (sequence 5)
Language
German
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793 A. Benesra: Salomon Münk. 794 wie ich, wenn ich nur wollte, so lange er in seiner gegenwärtigen Lage bleibt, für nichts zu sorgen brauchte, und mich ruhig mit literarischen Arbeiten beschäftigen könnte. Du kennst, liebe Mutter, meine Ansichten darüber, und ich glaube, dass du sie mit mir teilst. Wie gross auch mein Vertrauen zu dem Edelmut und zu der Aufrichtigkeit des Herrn Beer sein mag, so hat doch das Bewusstsein, mir meinen Unterhalt durch eigene Tätigkeit zu erwerben, eine gewisse Beruhigung für mich, deren Verlust mir durch jene Sorglosigkeit nicht ersetzt wer den würde.'1 Einige Monate später schreibt er: „Freilich glaubt Herr Beer — obgleich alles, was er für mich getan und noch zu tun bereit ist, nur dem reinsten und uneigennützigsten Edelmut zuzuschreiben ist — dass ich, wenn ich bei ihm bin, ihm in manchen literarischen Beschäftigungen einigermassen nützlich sein kann, und wenn ich diese Ueberzeugung hätte, so würde die Pflicht der Dankbarkeit verlangen, da^s ich mich unter jeder Bedingung seinen Wünschen füge, aber die Erfahrung hat mich gelehrt, dass sowohl seine poetischen Arbeiten als seine ausgedehnten Verbindungen ihm nicht viel Zeit zu anderen Beschäftigungen übrig lassen, und dass unser Zusammensein nur mir, aber nicht ihm nützlich sein kann. Von dieser Seite betrachtet, wird dich meine Weigerung nicht mehr befremden." Im März desselben Jahres widerfuhr Münk ein grosses Glück: er war imstande, der in sehr bescheidenen Verhältnissen lebenden Mutter eine kleine Geldsumme zu seoden. Der diese Sendung begleitende Brief ist so lieblich und zart, dass er zitiert zu werden verdient: „Ich bitte dich, mir die Freude zu machen, beifolgende Kleinigkeit von meinen Ersparnissen zu deinem Gebrauche zu verwenden; ich hatte diesen Winter mehr Beschäftigung denn je in Paris, und wenn es so fortginge, möchte ich dich wohl bitten, von Zeit zu Zeit das Ueberflüssige anzunehmen, da dieses für einen jungen Menschen in Paris nichts taugt!!" Mittlerweile machte er alle erdenklichen Anstrengungen, eine feste, wenn auch noch so bescheidene Stellung zu erhalten. Allein vergebens. Einmal empfahl ihn ein Herr Anisson, ein Christ, in dessen Hause er Unterricht erteilte, dem Minister Duc de Broglie, als Uebersetzer für orientalische Sprachen. Der Minister beantwortete Münks diesbezügliches Gesuch zwar verneinend, da augenblicklich kein solcher Posten vakant war, aber in sehr höflichen, beinahe herzlichen Worten, und versprach, bei der nächsten Gelegenheit an den Petenten zu denken. Unwillkürlich gedachte Münk dabei jener Antwort, die er in der Heimat, bevor er sich ins Ausland begab, auf ein ähnliches Gesuch vom preussischen Kultusminister Altenstein erhielt. Das köstliche Schriftstück lautete: „Das Ministerium eröffnet Ihnen, dass es sich, so lange Sie sich zur mosaischen Religion bekennen, nicht veranlasst sehen kann, Ihnen zu Ihrer weiteren wissenschaftlichen Ausbildung eine Unterstützung zu gewähren." Was ihm bei der Erlangung einer öffentlichen Stellung in Prankreich hinderlich war, das war der Umstand, dass er nicht das französische Staatsbürgerrecht besass. Er zögerte lange, seine Heimatberechtiffung in Deutschland aufzugeben. „Ich kann es nicht mit Worten ausdrücken, wie sehr ich mich nach der Heimat, in den Kreis der Meinigen zurücksehne; gebe der Himmel, dass ich den Wunsch, mit dem ich so lange umgehe, ganz nach meinem Sinne realisieren könne. Wie heiter und zufrieden ich auch sein mag, der Gedanke an die Heimat und die Schwierigkeiten, die sich meiner Reise dorthin bis jetzt entgegengesetzt haben, verursachen mir manche trübe Stunde." Aber die Umstände waren stärker als er, und er musste sich endlich zur Naturalisation in Frankreich entschliessen. Bald darauf erhielt er auch in der Tat eine Anstellung bei der Bibliothek; es war ein kleines Aemtchen, das ihm nur neunhundert Franken ■jährlich brachte, aber es bot ihm immerhin eine Basis, und er konnte sich einen Hausstand gründen. Das war im Jahre 1838. Mittlerweile hatte er im Mai 1833 die Nachricht von dem plötzlichen Hinscheiden seines Freundes Michael Beer erhalten, und er verlieh dem Schmerz darüber in einem Briefe an die Mutter ergreifenden Ausdruck. Michael Beer verstarb in München und wurde dort beerdigt. An der Familiengruft der Beers auf dem jüdischen Friedhofe in der Schönhauser Allee zu Berlin ist eine Gedenktafel für ihn angebracht. Einige Künstlerstipendien an der Berliner Kunstakademie haben sein Andenken verewigt. Seinem Freund Münk vermachte Beer ein Legat von tausend Thalern, eine Summe, die für Münk angesichts seiner dürftigen Lage ein Vermögen ausmachte. Doch Münk verweigerte die Annahme desGeschenkes. Der Schwester gegenüber, die diese Weigerung als Beleidigung des Andenkens eines edlen Freundes tadelte, rechtfertigte sich Münk folgendermassen: „Obgleich die mir angebotene Summe mich jetzt in den Stand gesetzt hätte, meine sehnlichsten Wünsche zu befriedigen, so konnte ich mich doch nicht entschliessen, sie anzunehmen. Eben weil eine solche Summe mich für den Augenblick in mancher Beziehung glücklich machen könnte, wollte ich sie keinem Unglück verdanken. Es lag in diesem Gefühle etwas, worüber ich mich durchaus nicht hinAvegsetzen konnte. Durch die Entsagung, welche ich mir jetzt auferlege, hatte ich Gelegenheit, der Familie Beer einen sprechenden Beweis meiner wahren Gesinnung zu geben. Wer weiss übrigens, ob sich mir je wieder eine solche Gelegenheit darbietet, reichen Leuten den Wahn zu benehmen, als sei es in der Anhänglichkeit, welche ihnen Arme beweisen, am Ende doch auf ihr Geld abgesehen. Ihnen zu zeigen, dass man auch in wenig vorteilhafter Jj'agd Geld verachten kann und soll, das kann moraMsche Folgen haben, die ich weit höher schätze, als die mir angebotene Summe." Die ganze vornehme Denkweise Münks offenbart sich in diesen wenigen Zeilen.

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