Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1906-12-01 · Heft 12 (Dezember 1906) · p. Seite 791 - 792

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 12 (Dezember 1906)
Article
Salomon Munk
Date
1906-12-01
Page
Seite 791 - 792 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2583875-2583943-2583953-2594185--06647-2594246
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

791 A. Benesra: Salomon Münk. 792 Literatur und besonders das Judentum betreffenden Artikel für den Dictionnaire beauftragt worden. Dazu gehöre nun einmal auch die Kabbalah. Er habe sich dieser Arbeit um so lieber unterzogen, als man sie sonst vielleicht irgend einem Ignoranten anvertraut hätte, der dummes Zeug darüber geschwatzt und die Sache ins Lächerliche gezogen hätte Er, Münk, dagegen habe sich bemüht, darüber das zu sagen, was er wisse, und dabei die Lichtseiten der Kabbalah in den Vordergrund gerückt. In demselben Ton rechtfertigt er sich vor der Mutter wegen des Vorwurfes, den sie ihm auf Grund von hinterbrachten Aussagen Dritter machte, dass er sich in seinen Abhandlungen im Cahenschen Bibelwerke ketzerische Ansichten habe zuschulden kommen lassen. Er beruhigte das Gewissen der gläubigen Frau, indem er ihr versichert, dass er sich einzig und allein von der Absicht leiten lasse, „den hohen Sinn und die Vorzüge der mosaischen Lehre selbst denjenigen darzutun, die nicht an die Göttlichkeit der heiligen Schriften glauben, und das Judentum sowohl gegen gläubige, wie gegen ungläubige Christen in Schutz zu nehmen.'1 Um Gegner von so verschiedener Art zu bekämpfen, rnüsste er eine Sprache führen, die sich der reinen Vernunft am meisten nähere. Während die alte Mutter in ihrer natürlichen und schlichten Klugheit sich nicht im geringsten darum kümmerte, ob ihr Sohn einen Titel hatte oder nicht, konnte die Schwester sich nicht mit dem Gedanken versöhnen, dass ihr Bruder, der so begabt und fleissig war, ohne Doktorhut in der "Welt herumlief. Sie eiferte ihn deshalb an, nach Deutschland zu kommen, um das Doktorexamen zu machen. „Teuerste Schwester," antwortet ihr Münk, ,,ich will nur bemerken, dass ich deiner Meinung, den Doktortitel anzunehmen, in keinem Falle beigestimmt haben würde, nicht nur würde ich es mir zum Vorwurf machen, von andern eine Unterstützung hierzu anzunehmen, sondern ich würde auch, wenn ich im Ueberfluss lebte, das Geld lieber auf jede andere anständige Weise, als auf einen läppischen Titel verwenden, solange mich dieser Titel zu nichts führen kann. Welchen Wert hat übrigens ein Titel, welchen man an einigen deutschen Universitäten um ein par Louisd'or feilbietet, und mit dem sich so viele Ignoranten schmücken? .... Worauf mir mehr ankommt, das ist, in meinem Fache etwas Bedeutendes zu zu leisten, und das hoffe ich zuversichtlich, sobald nur meine Verhältnisse sich etwas vorteilhafter gestaltet haben." . . . Und in der Tat, sein ganzes Leben lang gehörte der arme Mann zu der dunklen Menge der Nichtdoktoren. Einstweilen quälte ihn jedoch die Unsicherheit seiner materiellen Lage, die ihn an der ruhigen wissenschaftlichen Arbeit hinderte. Eine Zeitlang trug er sich mit dem Gedauken, Medizin zu studieren, indem er sich mit der naiven Hoffnung täuschte, der ärztliche Beruf würde ihm ein genügendes Einkommen sichern und ihm zugleich erlauben, gleich den grossen jüdischen Aerzten des Mittelalters, seine philosophischen und philologischen Lieblingsstudien zu pflegen. Die Verwirklichung dieser Absicht hätte ihn unzweifelhaft gebrochen und seine wissenschaftliche Karriere vernichtet. Zum Glück stand dem der Mangel an Mitteln im Wege. Er könne von seinem Wohltäter, schreibt er, dessen Opferwilligkeit ihm die ersten Studien ermöglicht habe, keineswegs die Mittel annehmen, um aufs neue eine Akademie zu beziehen. Dieser Wohltäter war, wie wir wissen, Michael Beer. Das freundschaftliche Verhältnis zwischen diesen beiden Jünglingen, welches bis zum frühzeitigen Tod des letztgenannten anhielt, zeichnete sich durch grosse Herzlichkeit und Vornehmheit aus. Michael, ebenso wie seine Brüder, der grosse Komponist Giacomo und der Astronom Wilhelm, und deren Mutter waren, wie aus Münks intimen Aeusserungen in seinen Briefen hervorgeht, ausnehmlich zart gesinnte und edle Naturen. Michael Beer widmete sich philosophischen Studien und das verband ihn mit Münk und bot ihm einen bequemen Vorwand, dem Freund Unterstützungen zukommen zu lassen, ohne ihn zu demütigen, indem er ihn gewissermassen als Führer und Lehrer behandelte. „Seit einem Monat bin ich wieder in Paris," schreibt er am 22. November 1831 an die Schwester, „und wohne zusammen mit Herrn Beer in einem der schönsten Stadtteile. Dass dieses Zusammenwohnen viele Annehmlichkeiten für mich hat, kannst du dir leicht denken, und dies um so mehr, da meine Unabhängigkeit nicht im geringsten darunter leidet. Ich suche mich Herrn Beer in den Beschäftigungen, die wir gemeinsam mit einander haben, nützlich zu machen, und als derselbe mich aufforderte, bei ihm zu wohnen, tat er es keineswegs in dem Tone, als wollte er mir nützlich sein, sondern als wenn ich ihm dadurch eine grosse Gefälligkeit erweise. Herr Beer wie auch seine Mutter bezeugen mir fortwährend das lebhafteste Interesse, sie suchen mir durch Empfehlungen soviel als möglich nützlich zu sein. Auch Herrn Wilhelm Beer, der sich als Astronom bekannt gemacht hat, habe ich hier näher kennen gelernt, und sein Benehmen gegen mich hat mir viel Vertrauen zu diesem Manne eingeflösst. Gestern abends ist hier die neue Oper des Herrn Meyerbeer, Robert le Diable, im grossen Opernhause zum ersten Male aufgeführt worden. Ich habe der Vorstellung in Gesellschaft derBeerschen Familie beigewohnt; das Publikum zollte dem neuen Werke den unzweideutigsten Beifall." Ein Jahr darauf lud ihn Michael Beer zu einer gemeinsamen Reise nach Italien ein. Münk lehnte jedoch ab, obgleich eine solche Reise viel Verlockendes für ihn hatte. An die Mutter schreibt er darüber folgendes: „Herr Beer, der wohl weiss, dass ich darum nicht gern eine Reise mit ihm machen möchte, weil ich befürchte, dann wieder auf längere Zeit meine Zuflucht zu seiner Grossmut nehmen zu müssen, sucht mich im voraus darüber zu beruhigen, indem er mir zu verstehen gibt, wie wenig Aufopferung ihn das koste, und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.