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Ost und West · 1906-12-01 · Heft 12 (Dezember 1906) · p. Seite 789 - 790

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 12 (Dezember 1906)
Article
Salomon Munk
Date
1906-12-01
Page
Seite 789 - 790 (sequence 3)
Language
German
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789 A. Benesra: Salomon Münk. 790 gewährt. Yon der vornehmen und rücksichtsvollen Freigebigkeit dieses edlen Freundes machte Münk nach Möglichkeit mässigen Gebrauch. Er weigerte sich sogar, das Doktorexamen zu machen, da die Prüfung nur unnötige Kosten nach sich ziehen musste, und in Frankreich auf diesen Titel gar kein Gewicht gelegt wurde. In Frankreich herrschte damals ein wahrhaft liberaler Geist, der über alle nationale und konfessionelle Engherzigkeit erhaben war. Paris betrachtete sich als geistige Hauptstadt der ganzen zivilisierten "Welt. Gelehrte aller Nationen zogen denn auch nach Paris, nicht nur um zulernen, sondern auch um zu lehren. In noch viel späterer Zeit war Julius von Mohl, Bruder eines badischen Ministers und Onkel der Frau von Helmholtz, Professor in Paris. Auch die konfessionellen Unterschiede waren dort, wie es schien, für alle Zeiten ausgelöscht. Im Frühling 1828 langte Münk in Paris an, wo er sein ganzes Leben zubringen, seine grossen wissenschaftlichen Triumphe feiern und die höchsten Ehren erreichen sollte, die einem Gelehrten zugänglich waren: eine Professur am College de France und die Mitgliedschaff des Institut de France. Vorderhand aber wünschte er nichts, als sich in seiner Wissenschaft zu vervollkommnen und schliesslich selbständig arbeiten zu können. Seinen Unterhalt erwarb er mit dem Erteilen von Unterrichtsstunden, ausserdem fiel ihm dann und wann eine angenehmere und einträglichere Beschäftigung zu, indem er von auswärtigen Gelehrten, die nicht nach Paris kommen konnten, Aufträge erhielt, wissenschaftliches Material zu sammeln und in den dortigen Bibliotheken Kopien von Handschriften anzufertigen. Zunächst aber nahmen ihn seine eigenen wissenschaftlichen Studien vollauf in Anspruch, die sowohl durch seine grossen Lehrer, als auch durch den unschätzbaren Reichtum der Pariser Bibliothek, besonders an alten Denkmälern der jüdisch-arabischen Philosophie und Literatur, angeregt wurden. Mit dem ganzen Eifer und der stillen Energie^ die ein Hauptmerkmal seines Wesens bildeten, widmete er sich dem Studium des Arabischen, des Sanskrit und des Persischen. Bald eröffnete sich ihm ein weiteres Gebiet für dankbare und nützliche literarische Tätigkeit. Er wurde nämlich zum Mitarbeiter des Dictionnaire des seiences philosophiques und der Encyclopedie des gens du Monde ernannt, wo man ihm die Bearbeitung aller Artikel übertrug, die sich auf die Wissenschaft des Judentums und die mittelalterliche Philosophie bezogen. Ausserdem wurde er Mitarbeiter an der sogenannten Cahen'schen Bibel, einem Monumental werk, das eine französische Uebersetzung der heiligen Schrift mitsamt einem eingehenden Kommentar und ausführlichen Abhandlungen über die althebräische Archäologie, Geographie und Ethnologie umfasste. Hier veröffentlichte Münk eine Abhandlung über den althebräischen Kultus, die die wissenschaftliche Welt in Paris und auch im Ausland in hohem Grade interessierte. Sein Name wurde in der wissenschaftlichen Welt mit immer grösserer Achtung genannt, während er ein ausserordentlich bescheidenes Dasein führte, Privatunterricht erteilte, des Sommers auf dem Lande als Hauslehrer lebte, Abschriften und Notizen ge<ren mässiges Honorar anfertigte. Gleichwohl findet man in seinen Briefen an die Familie nicht ein Wort der Klage über seine materielle Lage. Im Gegenteil, in den Briefen an die Mutter bemüht er sich, sein Leben in rosigstem Lichte darzustellen. Er lässt sie gleichsam an seinen Arbeiten teilnehmen, setzt ihr mit rührender Geduld und Sanftmut den Inhalt und die Bedeutung der von ihm publizierten Arbeiten auseinander, schildert ihr genau seine Lebensweise und seine Beschäftigungen, und zeigt das lebhafteste Interesse für die mindeste Kleinigkeit, die ihre Person anbetrifft. Diese Briefe, an deren Veröffentlichung der Schreiber nicht einen Augenblick dachte, eröffnen uns einen Einblick in einen Charakter von edler, schlichter Grösse und Tiefe. Einmal beruhigt er die Mutter, die sich ob der drohenden Kriegsnachrichten (1831) seinetwegen sorgte, mit folgenden Worten: „Sollte es zum Kriege kommen, so bin ich nicht Deiner Ansicht, dass es für mich besser wäre, in Paris zu bleiben. Wäre auch meine Lage hier noch so glänzend, so würde ich doch gewiss keinen Augenblick Bedenken tragen, sie aufzugeben, wenn ich gezwungen wäre, auf unbestimmte Zeit der schriftlichen Unterhaltung mit Dir zu entsagen. Sollte dies die unerlässliche Bedingung meines Hierbleibens sein, so ist meine Abreise fest beschlossen!" Begibt er sich als Hauslehrer aufs Land, so verfehlt er nicht, die besorgte Mutter, in deren Phantasie diese kleine Veränderung erschreckende Dimensionen annimmt, durch eine ausführliche Schilderung seines neuen Aufenthaltes zu beruhigen. Einmal gelangte eine Nummer des Journal des Debats nach Glogau, und eine darin enthaltene, Münk betreffende Notiz wurde seiner Mutter übersetzt. Sie erfuhr daraus, dass ihr Sohn im neuesten Hefte des Dictionnaire des sciences philosophiques eine Abhandlung über die Kabbalah veröffentlicht hatte. Die Rezension war für den Verfasser sehr schmeichelhaft. (Un travail plein d'erudition et de profondeur sur la cabbale par Mr. Münk, un des plus savants Israelites de Tepoque.) Der Ruhm des Sohnes imponierte der alten Frau nicht im geringsten, dagegen erschrak sie wohl darüber, dass der junge Mann sich an solche erhabene und geheiligte Dinge, wie die Kabbalah, heranwagte, und sie scheint ihm deswegen einen kräftigen Ausputzer gegeben zu haben. Darauf verteidigt sich Münk mit ergreifender kindlicher Demut, indem er die Sache in einen Scherz zu wenden sucht. Die Mutter werde doch wohl nicht glauben, [er wäre etwa Baal-Schern geworden, oder hätte sich erdreistet, als Profaner in die vermeintlich geheiligten Hallen dieser hehren Weisheit einzudringen. Er sei nur mit der Abfassung mehrerer, die orientalische

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