Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1906-12-01 · Heft 12 (Dezember 1906) · p. Seite 787 - 788

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 12 (Dezember 1906)
Article
Salomon Munk
Date
1906-12-01
Page
Seite 787 - 788 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2583943-2583953-2594185--06645-2594244
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

787 A. Benesra: Salomon Münk. 788 ihren Yerstand und Scharfsinn einen grossen, aufrichtigen Respekt hegte. Die Witwe widmete sich mit grosser Energie und Aufopferung der Erziehung ihrer Kinder und der Sorge um ihre Zukunft. Bis zu seinem 17. Lebensjahre „lernte" Salomon nach airhergebrachter Weise Bibel und Talmud unter Anleitung des G-logauer Rabbiners Oettinger, bei einem Privatlehrer aber nahm er Unterricht in den profanen Schulgegenständen. Als Oettinger 1820 nach Berlin als Rabbinatspräsident berufen wurde, folgte ihm Münk nach der preußischen Hauptstadt, wo damals eine sehr regsame geistige Bewegung herrschte, deren Mittelpunkt Zunz, Eduard Gans, Heinrich Heine und ihr Anhang bildeten. Aus Mangel an Mitteln legte Münk den weiten Weg von G-logau nach Berlin zu Fuss zurück. In Berlin ernährte er sich von Unterrichtsstunden im Hebräischen, eine Tätigkeit, die damals schon wenig einträglich sein mochte. Gans bereitete ihn für das Gymuasium vor, und im Jahr 1824 bestand er seine Reifeprüfung mit Auszeichnung. Er bezog die Universität, wo er bei den ersten Kapazitäten jener Zeit, Boeckh und Bopp, Vorlesungen über klassische Philologie und Sprachenkunde hörte; dabei pflegte er weiter das Studium des Talmud und der mittelalterlichen hebräischen Literatur. Wie — mit sehr wenigen Ausnahmen — fast alle hervorragenden-jüdischen Geister seiner Epoche, die bald darauf die moderne Wissenschaft des Judentums begründeten, fühlte auch Münk, trotz seiner auflichtigen religiösen Gesinnung, in sich nicht den Beruf, Rabbiner zu werden, Avas wohl der heimliche Traum seiner frommen Mutter gewesen sein mag. Dagegen fasste er eine tiefe Liebe für die orientalischen, insbesondere die semitischen Sprachen, deren Studium in Deutschland immer mein* an Ausbreitung gewann, in Frankreich aber bereits in hoher Blüte stand. In Berlin schloss Münk auch einen Freundschaf ts>bund mit 'Michael Beer (einem Bruder von Giacomo Meyerbeer), einem Jüngling von hoher Bildung und grosser poetischer Begabung. (Sein Drama „Struensee" wird heute noch geschätzt und zuweilen aufgeführt.) Trotz seiner grossen Erfolge in den Wissenschaften gelang es den Bemühungen Münks und seiner Freunde nicht, ihm irgendwelches öffentliche Stipendium oder ein noch so bescheidenes Aemtlein zu verschaffen, das ihm ermöglicht hätte, ohne Nahrungssorgen sich den Studien zu widmen. Münk beschloss daher, sich nach Paris zu Avenden, wo er eine Beschäftigung zu finden hoffte. Dorthin lockte ihn auch der Ruf der grossen Orientalisten de Sacy, Chezy und Quatremere, die an der Sorbonne und am College de France lehrten. Die Pariser Bibliothek besass schon damals unerschöpfliche Schätze an alten Handschriften und orientalischen Druckwerken.- Im Herbst 1827 machte sich Munt nach dem Westen auf. - Unterwegs hielt er sieh einen Sabbat über in Weimar auf, um Goethe zu sehen. An einen Verwandten schreibt er: Avas ihm diesen in Weimar verbrachten Tag ewig denkwürdig werde erscheinen lassen, das sei die Erinnerung an den Anblick des grossen Mannes, den das ganze Vaterland verehre, und dessen Grösse auch von fremden Nationen anerkannt werde. „Es war mir vergönnt, ihm meine Huldigung persönlich darzubringen. Eine geraume Zeit ging ich vor seinem Hause aut und ab, um ihn vielleicht am Fenster zu sehen. Da es aber nicht gelingen wollte, so liess ich mich nachmittags um 5 Uhr bei ihm melden, ihn einige Augenblicke sprechen zu dürfen. Ich hatte das seltene Glück, sogleich vorgelassen zu werden, und Goethe unterhielt sich eine lange Zeit mit mir über meine Studien, sprach mit vieler Freundlichkeit und Aufmunterung und entliess mich mit vielen Wünschen für den glücklichen Erfolg meiner Studien." Auf den Olympier scheint der junge Jude Eindruck gemacht zu haben, er findet nämlich in Goethes Tagebüchern unter obigem Datum eine freundliche Erwähnung. Diese ganze kleine Episode ist ungemein charakteristisch. Ein junger jüdischer Student, ein Talmudjünger Arerlässt sein Vaterland, um in der Fremde ein Stück Brot zu verdienen, das ihm ermöglichen soll, sich seinen geliebten wissenschaftlichen Studien zu widmen; in der Heimat ist es ihm unmöglich, dieses bescheidene Ziel zu erreichen. Aber bevor er den heimatlichen Boden verlässt, macht er eine geraume Weile Fensterpromenaden vor einem fremden Haus, in der Hoffnung, das Antlitz des Dichters des Goetz Aron Berlichingen zu erblicken. In demselben Brief, in dem er dem Verwandten diese Szene schildert, richtet er an diesen Glückwünsche zum Neuen Jahr. Das Avar nämlich der letzte Sabbath vor Rosch-Haschana. Und um Mitternacht erhob sich Münk — der sein Leben lang die religiösen Zeremonien des Judentums mit liebevoller Minutiosität beobachtete t— um Mitternacht also erhob sich Münk ganz gewiss zu Selichoth. Aber er betrachtet es als ungewöhnliches Glück, als eine beseligende Erinnerung fürs ganze Leben, dass er einige Augenblicke lang mit Goethe von Gesicht zu Gesicht sprechen durfte, dass . der grosse deutsche Dichter freundlich zu ihm war und ihm Glück und Erfolg in den Studien Avünschte. So würde ein Chassid nicht ruhig die heimatliche Gegend verlassen können, ohne sich zuvor von seinem Zaddik zu verabschieden und seinen Segen ^zu empfangen. All das wirft ein Licht auf die Stellang, die Goethe im Geiste seiner Zeitgenossen einnahm, aber auch auf die Gesinnungen, von denen der "beste Teil der damaligen jüdischen Jugend beherrscht war. In Bonn Arerblieb Münk den ganzen Winter über, und hörte die Vorträge Freytags (Verfassers des grossen arabisch-lateinischen Wörterbuches), wie auch Lassens und A. W. Schlegels, der Begründer der Sanskrit-Philologie in Deutschland. Die Mittel zur Reise nach Paris hatte ihm sein junger Freund Michael Beer,- der der Sohn reicher Eltern Avar,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.