Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1906)
- Article
- Die Israeliten in Persien
- Date
- 1906-10-01
- Page
- Seite 779 - 780 (sequence 5)
- Language
- German
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779 Die Israeliten in Persien 780 dafür stärk, dass er den neuzuernennenden Lehrer nach 3 Tagen gehen heissen würde. Und! wirklich war der Kampi zwischen den beiden jungen Leuten, Vertretern zweier entgegengesetzten Prinzipien, unvermeidlich, und er war um so erbitterter, als der Vertreter der Mission vor keinem Mittel, vor keiner Schmähung oder Intrigue zurückscheute, um unser Werk im Keim zu ersticken. Wenn unser junger Freund, Mirza Mussa, ehemaliger Zögling der Schule in Hamadan, in diesem Kampfe die Oberhand gewann, so ist es einesteils dem Umstand zu danken, dass ich seine Bemühungen fortgesetzt durch Uebersendung warmer Empfehlungsschreiben hochgestellier Persönlichkeiten zu unterstützen vermochte, andernteils seinem energischen und taktvollen Auftreten. In kurzem wusste Mirza Mussa das Vertrauen und die Wertschätzung der einflussreichen Leute zu gewinnen, denen er in dem Sinne empfohlen war, dass man ihn als wahren „Reiss" betrachte, der aus Europa Vollmacht mitbringe, den Juden in Nehawend die gleichen Dienste zu leisten, wie Ihre Direktoren in den grossen Centren des Landes den betreffenden Gemeinden. Je mehr Mirza Mussa's Einfluss stieg, je weniger also die Intrigen des Missionslehrers zu fürchten waren, desto mehr Kinder wurden von ihren Eltern der Missionsschule entzogen. Selbst die wenigen muhammedanischen Kinder, die diese Schule besucht hatten, kamen nun zu uns. Es blieben ihr nur zwei jüdische Waisen, die sich in äusserer Not befinden und vollständig von der Mission unterhalten werden. Zur Zeit meiner Ankunft in Nehawend war die Schule der Missionare geschlossen, ihr Lehrer, der mit seinen Plänen kläglich gescheitert war, hatte die Stadt verlassen. Da Nehawend keine christlichen Einwohner hat, auch keine Aussicht mehr besteht, israelitische Kinder anzulocken, so werden die Missionare wohl die Schule nicht wieder eröffnen. Der Erfolg Ihres Unternehmens in Nehawend ist in jeder Hinsicht vollkommen. Zu meiner angenehmen Uebjrraschung traf ich in der Schule auf 3 Klassen verteilt 65 Knaben an, davon 5 Muhammedaner, und 30 Mädchen. Im Voranschlag, den ich Ihnen im letzten Jahre übersandte, waren nur 2 Klassen mit 40 Schülern vorgesehen. Tadellos ist das Betragen der Kinder. Mirza Mussa hat sich von Anfang an befloissigt, sie an reinliche, hygienische Führung zu gewöhnen. Sie sind sehr sauber gekleidet, die reichsten haben sogar Gewand und Kopfbedeckung der Kinder der persischen Vornehmen angenommen. Die schmucke Kleidung der jüdischen Kinder hat zuerst das Missvergnügen einiger spärlicher muhammedanischer Fanatiker hervorgerufen, deren religiöse TJeberzeugungen verlangen, dass ein Jude in seiner Eigenschaft als unreines Wesen auch möglichst schmutzig herumlaufe. Die Aufgeregten beruhigten sich schnell, als sie auf Mirza M issa's Vorstellungen von dem Machthaber und den Spitzen der Geistlichkeit scharf zurechtgewiesen Wurden. Von nun an werden die Juden von Nehawend sich genau so sauber kleiden dürfen wie die glühendsten Bekenner des Islam. Weiter hat Mirza Mussa ©ine ärgerliche Angewohnheit mit Nachdruck bekämpft, die ohne Unterschied der Religion, des Geschlechts und des Alters in vielen Städten Persiens verbreitet ist: das übermässige Branntweintrinken. Man pflegt es allabendlich und lässt schon Kinder von 3 bis 4: Jahren daran teilnehmen! Eine wahrhaft barbarische Sittel Mirza Mussa sprach sich in der Synagoge mehrmals mit Unwillen darüber aus und verbot seinen Schülern, bei Strafe sofortiger Ausschliessung aus der Schule, Branntwein auch nur anzurühren. Wie die ganze Gemeinde bezeugt, halten sich die Kinder streng an die Weisungen ihres Lehrers. Mit Freuden werden auch Sie von diesen glücklichen Resultaten Kenntnis nehmen. Ihr Werk in Nehawend hat aber während der 7 Monate seines Bestehens noch andre gute Früchte getragen. Ueberraschend sind in Ansehung dieser geringen Zeitspanne die Fortschritte der Schüler im Hebräischen, im Persischen, im Rechnen und im Französischen. Man erkennt, dass Lehrer und Schüler fleissig gearbeitet haben, immer beseelt von der Begeisterung der ersten Stunde, immer angespornt durch den Reiz des Neuen, den die Scnule in ihrer Organisation und in ihrer Lehrmethode bietet. Die Leichtigkeit, mit der viele Krnder die Probleme der 3 ersten Rechenoperationen bewältigen, ihre erste französische Lesestücke lesen und erklären, Zeitwörter im Rahmen kleiner Sätze konjugieren und nach Diktat niederschreiben, Fragen imAnschuungsunterrichtbeantworten, — kontrastiert mit ihrer Unwissenheit vor 7 Monaten allzusehr, um nicht das bewundernde Staunen selbst der Inländer zu erregen. Diese interessieren sich für den Gang, den die Schule nimmt, mit Rücksicht auf ihre eigenen Kinder. Da unsere Schüler so gute Fortschritte michten, schickt der Gouverneur von Nehavend seit 2 Monaten seine Kinder in unsere Schule. Mehrere Honoratioren, auch Geistliche, baten mich, die Schule in ein Haus zwischen Juden, und Muhamedanerviertel zu verlegen, damit ihre Kinder sie besuchen könnten. Ich wäre froh, wenn ich ihr Verlangen zu erfüllen vermöchte, vor allem im Interesse unsrer Gaubensgenossen, für die die Teilnehmer muhamedanischer Kinder am Unterricht von grösser Bedeutung ist. Aus der Kameradschaft der Kinder entwickeln sich Beziehungen für die Zukunft, die den sozialen Stand der jüdischen Bevölkerung zu heben geeignet sind. Die zufriedenstellenden Erfolge der Kleinschulen in Tuss irkan und Nehawend rechtfertigen Ihren Plan, durch Abiturienten der Hamadaner Schule mit geringen Kosten auch den kleinen Gemeinden in Persien die Woltat Ihres Schulwerkes zuzuwenden. Ich denke, dass diese Erfolge Sie verpflichten, an den Plätzen, die in der Nähe der Zentren liegen, an denen Sie bereits bedeutendere Schulgruppen haben, solche neuen Schulen zu schaffen. Gewiss wird das Lehrziel dieser Kletnschulen weit hinter dem Ihrer übrigen persischen Elementarschulen zurückbleiben; aber ihre heilsame erzieherische Wirksamkeit wird darum für die unglücklichen kleinen Gemeinden, die im ganzem Reiche zerstreut und sovielen verderblichen Einflüssen aus-