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Ost und West · 1906-10-01 · Heft 10-11 (Oktober-November 1906) · p. Seite 777 - 778

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 10-11 (Oktober-November 1906)
Article
Die Israeliten in Persien
Date
1906-10-01
Page
Seite 777 - 778 (sequence 4)
Language
German
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777 Die Israeliten in Persien. 778 Schoss des Menschengewimmels von Hamadan. Kein Unterschied zwischen Begräbnis und Hochzeit: Man ist traurig aus Pflichtgefühl, aus Pietät, denn keinen Augenblick darf ja die Klage ruhen um Hussein und Ali. Das verlangt aber die schiitische Religion nicht nur von ihren Adepten, sondern auch von all den Ungläubigen, die den heiligen Boden ihres Herdes — Persiens — entehren. Wehe dem Juden, der am Sabbat ein Freudenlied anzustimmen oder zur Hochzeit seines Sohnes oder seiner Tochter Musiker einzuladen wagte! Keine Folter bliebe ihm erspart 1 In Nehawend finden wir das grade Gegenteil. Die Bevölkerung ist ganz im Einklang mit der gütigen Natur — als hätte diese sie nach ihrem eigenen Bilde geformt: stets froh und heiter, wohlwollend und duldsam. Adel wie Geistlichkeit, Händler wie Handwerker, alle sind voll Lebensfreude; demgemäss lautet ihre Auslegung der schiitischen Religion, und predigen alle ihre Handlungen: keinerlei Hass gegen die Juden, mit denen sie vielmehr sehr herzliche Beziehungen unterhalten. Alle Grosspriester, die ich besuchte, sprachen von den Juden in freundlichster Weise und erklärten sich zur Unterstützung unsres zivilisatorischen Vorhabens bereit. Am meisten überraschte mich bei diesen Unterhaltungen der fröhliche Ton, den die Herren anschlugen, und die, toleranten Ansichten, die sie mit merkwürdigem Freimut äusserten, — sind doch die schiitischen Priester gehalten, sich stets traurig und intransigent zu gebärden. Es versteht sich von selbst, dass ein solches Milieu der Entwicklung des Proselytentums nicht günstig ist. Daher bildet diese Gemeinde eine Ausnahme unter allen jüdischen Gemeinden Persiens: Sie zählt nur 3 bis 4 Konvertiten, und diese haben nichts wider ihre früheren Glaubensgenossen. Die materielle Lage der Israeliten ist in Nehawend nicht so gut wie in Tussurkan. Dort zählen sie nur 3o"/0 bessergestellte Familien, hier 5o°/0. Oft verlassen reiche Familien die Kleinstadt, um sich an bedeutenderen Plätzen wie Hamadan, Kirmanschah in grösserem Massstab neu zu etablieren. Andererseils widmet sich der grössere Teil der Bevölkerung in ererbter Routine dem wenig einträglichen Hausierhandel. Der Mangel an leichten und schnellen Verkehrsverbindungen macht in Persien das Hausiergewerbe für den Produktionsaustausch zwischen Stadt und Land unentbehrlich. Leider steht der Nutzen, den es abwirft, mit seiner Nützlichkeit und mit seinen Mühen in gar keinem Verhältnis. Den Gewinn zieht der Grosskaufmann an sich, der dem Hausierer die Waren auf Frist zu übertriebenen Preisen verkauft. Dieser wird bei der herrschenden Unsicherheit häufig unterwegs ausgeplündert und wird dadurch bis an sein Lebensende Schuldner des Grosskaufmanns. So kommt es, dass die meisten Hausierer nach einem Leben von Entbehrungen und harter Arbeit im Regen und Schnee des Winters und in der brennenden Glut des Sommers ihren Kindern nichts hinterlassen als eine durch Zins übermässig angewachsene Schuldenlast und die bittere Notwendigkeit, dasselbe undankbare Gewerbe wieder aufzunehmen. Da die Mehrzahl der persischen Juden Hausierer sindj so gehören sie zur ärmsten Schicht des Reiches und bilden einen günstigen Boden für die Propagandaeder protestantischen Missionare, die das tönende Wort mit klingender Münze zu unterstützen wissen. Seit 30 Jahren hat eine amerikanische Missionsgesellschaft an den wichtigsten von Juden bewohnten Plätzen Persiens Schulen und Krankenhäuser gegründet. Der Erfolg dieser Missionare war mehr ihrem oifenen Beutel als der Ueberzeugungskraft ihrei Rede zuzuschreiben. Sie gewannen die Sympathie der armen Familien durch freigebige Geschenke und hatten besonderen Zuspruch unter den jungen persischen Medizinern, meist Juden, die um den Preis der Taufe zu den mit den Krankenhäusern verbunbundenen ärztlichen Kursen zugelassen werden. Das dauerte, bis die Aktion der Missionare durch die Gründung unserer Schulgruppen gehemmt wurde. In bestimmten Städten, namentlich in Hamadan und in Ispahan, hatten die Direktoren der Alüance am Anfang gegen die Quertreibereien der Missionare, die mit scheelem Auge unser Werk auf Kosten der ihrigen sich vergrössern sahen, hart zu kämpfen. Massenweise kamen die jüdischen Zöglinge jener Institute zu uns. Unter all den jungen Leuten, Söhnen peisischer Aerzte, die unsere Schulen absolviert haben, ist nur ein einziger, der augenblicklich den medizinischen Kursus bei den Missionären von Hamadan hört, die anderen haben, um Medizin zu studieren, Paris oder Beyrut aufgesucht. Angesichts ihrer Niederlage begannen die Missionare, ihr Augenmerk auf die Plätze zu richten, an denen die Alliance nicht vertreten ist, besonders dort, wo die jüdischen Gemeinden nur klein sind. So gründeten sie vor zwei Jahien eine kleine Schule in Nehawend, wo die Armut der Juden ihnen giossen Erfolg versprach. An die Spitze dieser S< hule stellten sie einen jungen Proselyten, ehemaligen Zögling ihrer Schule in Kirmanschah. Infolge seiner Kenntnis des Englischen erhielt der junge Mann den Unterricht der Kinder der vornehmsten Herren der Stadt, was ihm in den Augen unserer armen Glaubensgenossen einen be-ondejen Nimbus gab. Selbst persischer Jude, in der Wahl der Mittel weniger bedenklich als die Missionare amerikanis< hen Geblüts, terrorisierte dieser junge Mann buchstäblich die kleine jüdische Gemeinde in Nehawend. Einige reiche Israeliten schickten ihre Kinder zu ihm aus Furcht, er könne durch seinen wachsenden Einfluss auf die Vornehmen der Sladt ihren Interessen schaden, die Armen wurden durch Geschenke geködert, und so sah er sich nach Verlauf von zwei Jahren von einigen jungen Israeliten — darunter ein junger Mediziner — umgeben, die sich Protestanten nannten. Nur an 20 Kinder nahmen an den hebräischen und persischen Lein stunden in der Talmud-Tora teil, der Sie eine kleine Jahressubvention bewilligten. Als Sie nun mich mit der Enichtung einer kleinen Schule in Nehawend betrauten, und das Gerücht davon sich in der Stadt, verbreitete, machte sich der junge Missionslehrer

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