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Ost und West · 1906-10-01 · Heft 10-11 (Oktober-November 1906) · p. Seite 775 - 776

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 10-11 (Oktober-November 1906)
Article
Die Israeliten in Persien
Date
1906-10-01
Page
Seite 775 - 776 (sequence 3)
Language
German
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775 Die Israeliten in Persien. 776 aus Tussurkan nach andern persischen Centren aus, wo sie den Verfolgungen ihrer abtrünnigen Angehörigen zu entgehen hoffen. Die schon durch die Bekehrungen um die Hälfte verminderte Gemeinde sah sich damit von etlichen wohlhabenden Familien verlassen, die bis dahin die Lasten des Kultus zum grossen Teil getragen hatten; sie musste die bereits früher drückenden Steuerquoten noch weiter erhöhen. Man begreift, mit welchen ausserordentlichen Schwierigkeiten eine Gemeinde von 30 Familien, unter denen nur 15 ein leichteres Auskommen haben, zu kämpfen hat, um all die zahlreichen Gemeindeauf lagen zu bestreiten, wie Gehalt eines Rabbiners, Veiwaltung eines Gotteshauses und eines Bades und die besondere Steuer, die von allen jüdischen und christlichen Gemeinden Persiens, ohne Rücksicht auf die Vermehrung oder Verminderung der Mitglieder, eingetrieben wird. Die Israeliten Tussurkans waren von alledem vollständig entmutigt, und ohne Zweifel wären Bekehrungen und Auswanderungen noch merklich angeschwollen, wenn wir nicht vor etlichen Monaten in dem Städtchen eine kleine Schule eingerichtet hätten, in der unsre armen Glaubensgenossen ihre einzige Rettung erblickten. Da die Allianre ihre Subvention für Tussurkan seit einigen Jahren erhöht hat, so war ich in der Lage, einen Abiturienten unsrer Schule in Hamadan mit der Begründung und Leitung dieser kleinen Schule zu beauftragen; sie wird sicheilich eine doppelt heilsame Rolle spielen, einmal hinsichtlich des Schutzes, sodann hinsichlich der Erziehung der Juden in Tussurkan. Die beständige Anwesenheit eines „Mirza", Vertreters des „Reiss" von Hamadan, i>t ein Trost für die Verlassenen und Unterdrückten, ein Schreck - bild für ihre Bedränger. Er handelt in meinem Namen, tritt vor die Behörden als Repräsentant der abendländischen Judenheit, stark durch den Beistand Frankreichs; seine Schritte zu gunsten der Is-aeliten werden ebenso gewürdigt wie die Ihrer Vertreter in den grossen Städten. Um Ihnen von unserm Einfluss in diesen kleinen Städten eine Vorstellung zu yeben, führe ich den folgenden Vorfall an: Ein reicher muhammedanischer Kaufmann in Tussurkan hatte mit einem jüdischen Kaufmann abzurechnen und gedachte ihn hierbei um 2000 Francs zu prellen. Die blosse Drohung, den ,,Rei*s" von Hamadan anzurufen, genügte, um ihn zur Vernunft zu bringen. Die Juden von Tussurkan haben also am Platze selbst einen Beschützer, was in Persien recht wesentlich ist, wo an die Stelle der Gesetze der Schutz für mächtig geltender Persönlichkeiten getreten ist. Während die Wohltat des Schutzes unmittelbar zu Tage tritt, erfordert die der Schule geduldiges Abwarten. Durch ihre "Wirksamkeit wandelt sich nur langsam Geist und Herz der Kinder. Aber zweifellos wird unsere Erziehung ihre Treue gegenüber dem Jidentum und ihre humanen Gefühle kräftigen. Wenn ich nach den Ergebnissen Ihrer seit einigen Jahren in Persien wirkenden Schulen schliessen darf, so wird kein Schüler, der die S. hule in Tussurkan durchgemacht hat, der hässlichen Handlung fähig sein, sich zu bekehren, um die Seinigen zu berauben. Jedermann ist sich hier der Tatsache bewusst: In allen persischen Städten, in denen Ihre Schulen an der Arbeit sind, haben die Uebertritte zum Islam fast gänzlich aufgehört. Das liegt einesteils an dem Schutz, der diesen jüdischen Bevölkerungsteilen, dank der Wachsamkeit, dem Takt und der Gewandheit Ihrer Direktion zu teil wird, andernteils an der erziehlichen Ausbildung durch Ihre Schulen, die den Geist entwickelt, das Gemüt veredelt, die Selbstachtuug hebt und von der Schule aus allmählich auch die Familien auf ein höheres Niveau bringt. Noch ist die Zeit nicht gekommen, um von den Resultaten der Schule zu Tussurkan zu sprechen. Da zu Anfang keiner unserer guten Abiturienten dort den Lehrerposten übernehmen wollte, so erlitt die Eröffnung der Schule eine Verzögerung. Sie ist erst kurze Zeit im Gange. Ich fand sie besucht von 40 Schülern, die, auf 2 Klassen verteilt, abwechselnd von dem Rabbiner und unserm „Mirza", der im Persischen, Französischen, Rechnen unterrichtet, beschäftigt werden. Klima, Bewässerung, Anbau sind so trefflich, dass alle Kinder vorzüglich aussehen und sogar frische Farbe zeigen, während sie in den meisten persischen Städten blass, blutleer und rachitisch sind. Sie sind verhältnismässig hübsch. Die älteren können Hebräisch und Persisch ziemlich gut und zeigen den besten Willen, um sich Französisch-Lesen und -Schreiben wie auch das Rechnen anzueignen. Angesichts ihrer guten Gesundheit, ihrer Lebhaftigkeit und ihres Fleisses, hoffe ich Ihnen bei meinem nächstjährigen Inspektionsbesuch über die Fortschritte dieser Kinder viel Erfreuliches berichten zu können. Nehawend. — Diese alte Stadt von 2000 Einwohnern — davon 450 Juden — liegt in einem anderen Tale, das von denselben Ketten des Elwend wie Tussurkan umgeben wird. Das Tal wird reichlit h bewässert von einem aus zahlreichen Quellen gespeisten Flüsschen. Es ist eins der fruchtbarsten Täler Persiens. Man kultiviert Opium und Tabak in grosser Menge. Aber die Baumzucht hat den Vorrang. Von ferne nimmt es sich wie ein riesiger Garten aus, in dem die besten Fruchtbaumarten reich vertreten sind. Der üppigen Natur entspricht der robuste, heitere Bevölkerungsschlag. An wenigen Orten in Persien fällt der wohltätige Einfluss der Natur auf den Menschen so ins Auge wie in Nehawend. In Hamadan z. B. wird der Fremde betroffen von dem übermässigen Gegensalz zwischen der lebhaften Fröhlichkeit der Natur und der grämlichen Laune der Einwohner. Sieben Monate im Jahr prangt der Boden in entzückendem, buntem Blumenflor; doch die Menge schreitet stets einher in schwarzen Mänteln und Kapuzen, düster, von blutigem Hass erfüllt. Dem Geplätscher der Quellen, dem Gesang der Myriaden von Vögeln antworten die Seufzer und Trauerlitaneien von Tausenden Derwischen, eine überraschende Dissonanz. Heiterkeit, Poesie, Gesang, sind verbannt aus dem

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