Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1906)
- Article
- Die Israeliten in Persien
- Date
- 1906-10-01
- Page
- Seite 773 - 774 (sequence 2)
- Language
- German
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773 Die Israeliten in Persien. 774 seiner Schuld und zu einer Entschädigung gegenüber seinem jüdischen Gläubiger verurteilt. Nun aber brüteten die Armenier, in ihrem Stolz verletzt, Rache. |Auf einer Zusammenkunft beim armenischen Archimandriten wurden die erlorderlichen Massregeln erörtert Der Archimandrit schrieb im Namen der armenischen Gemeinde an den Untergouverneur, er möge den jüdischen Hausierern den Eintritt in Dschulfa verbieten. Das wäre deren Ruin, denn ihre Guthaben sind verhältnissmässig nicht unbeträchtlich. Daher legte Herr Halfon beim Gouverneur Protest ein. Se. kais. Hoheit Zil Essultan befahl den Armeniern sich ruhig zu verhalten: „Dschulfa wie alle andern zu Ispahan gehörenden Ortschaften war und soll auch in Zukunft jedermann ohne Unterschied des Bekenntnisses zugänglich sein; sollte auch nur ein Armenier sich irgend welcher Gewalttätigkeit gegen einen Juden schuldig machen, so wird kein Armenier in Ispahan selbst einen Laden öffnen dürfen." Mit dieser Verordnung war die gewöhnliche Ordnung der Dinge in Dschulfa wiederhergestellt. * * # Bericht aus Hamadan an den Präsidenten der A. I. U. (vom 19. September 1906.) Herr Präsident! Bei der Gründung der beiden kleinen Schulen in Nehawend und Tussurkan wurde ich beauftragt, ein Mal alljährlich die jüdischen Gemeinden der beiden Ortschaften zu besuchen. Ich benutzte für diese Reise die Ferien, die hier am 25. August begannen. Die warme Aufnahme, die ich an beiden Plätzen fand, glich aufs Haar der, die den Repräsentanten der Alliance stets von den Juden Persiens geboten weiden und die schon oft mit allen möglichen Einzelheiten beschrieben wurde. Diese Empfänge zeigen das Gepräge aufrichtiger Freude und bezeugen, welch grosse Hoffnungen diese unterdrückte Bevölkerungsschicht auf uns setzt. Das Erscheinen eines Ihrer Vertreter in der Mitte dieser Gemeinden erhöht deren Würde in ihren eignen Augen und denen der Muhammedaner. Sie fühlen sich am anderen Tage sicherer, sie tragen den Kopf für einen Augenblick mit mehr Zuversit ht und belehren mit aufrechtem Nacken ihren Unterdrücker, dass sie nicht ganz verlassen sind, dass auch sie ihre Beschützer haben, wenn Leib und Habe bedroht sind. Tussurkan. — Eine K einstadt mit 10000 Einwohnern, darunter nur 200 Juden. Sie liegt inmitten eines ziemlich geräumigen, von einigen Bergketten des Elwend umschlossenen Tales. Die Talebene wird durch zahlreiche Quellen bewässert und trägt reiche, mannigfaltige Frucht. Ausser Getreide und Obst wird viel upium ausgeführt. Wie die muhammedanischen Kautieute, so finden auch die Juden hier für ihre Handelsbefahigung ein weites Feld. Ihre materielle Lage wäre blühend, wenn sie nicht alltäglich unter den Quälereien, Willkürakten und Räubereien der Behörden, der Priester und der eigenen „ehemaligen Glaubensgenossen" zu leiden hätten. Das Proselytentuin ist die Geissei der persischen Judenschaft. Die durch Zwang oder aus freiem Willen zum Islam übergetretenen Juden dienen zumeist, kraft ihrer genauen Kenntnis der Vermögensverhältnisse und aller Vorgänge in den Judenvierteln, den Behörden und den Priestern bei ihren unverschämten, straflosen Angriffen auf die armen Juden als unschätzbare Werkzeuge. Nirgends jedoch ist die Grausamkeit und Dreistigkeit der Konvertiten so gross wie in Tussurkan. Sie nutzen ihre bevorrechtete Stellung weidlich aus zum Schaden ihrer eigenen Väter, Mütter, Brüder und Schwestern. Sie machen reichliche Anwendung von dem Gesetz des Korans, wonach ein Bekehrter der einzige Erbe seiner jüdischen Verwandschaft ist, sofern die Bekehrung vor deren Tode ei folgt ist. Und die Priester in Tussurkan erläutern das Gesetz mit Wohlwollen für die Konvertiten und für die eigenen Taschen. Alle Erbschaften von Vater, Mutter oder den entferntesten Verwandten fallen unversehrt an die Neumuhammedaner, ohne dass auch nur die vom Koran selbst vorgesehenen Einschränkungen berücksichtigt werden. Priester und Behördennehmen, wohlverstanden, ihren Anteil. Die wahren Erben, die Waisen, werden nach dem Tode der Eltern aufs Pflaster geworfen und mögen ihr ganzes Leben am Hungertuch nagen. Ein solches Vorgehen ist eine Prämie auf die Bekehrung. Es nimmt daher nicht wunder, wenn alle Tage in Tussurkan junge Leute übertreten, nur um ihre nahen oder entfernten Verwandten auszuplündern; es ist nichts Erstaunliches daran, dass jede der 30 Familien dieser Stadt 2 oder 3 Konvertiten aufweist, die auf den Tod der Familienhäup'er lauern, und dass viele wohlhabende Familien wider Erwarten ins äusserste Elend geraten. Wahrhaft wunderbar ist nur, dass dieses Handvoll jüdischer Familien, isoliert in einer kleinen Stadt im Innern eines wilden, anarchischen Landes, den überlieferten Ueberzeugungen noch immer treu geblieben ist. Vor wenigen Jahren suchten die Juden von Tussurkan der Alternative, Massenüberfritt oder völlige Veraimung, mittels einer Gesandschaft nach Teheran zu begegnen. Die Abgesandten erlangten nach vielen Mühen und Kosten einen Erlass des Schahs, worin den Behörden untersagt wird, die Interessen der Juden hinsichtlich der Erbschaften zum Vorteil der Konvertiten zu verletzen. Unglücklicherweise finden in diesem ewig unruhigen Lande kaiserliche Befehle nicht immer Nachachtung, zumal wenn sie den Juden günstig sind, die keinen starken Rückhalt in Teheran haben und infolgedessen jede Unbill ungerächt über sich ergehen lassen müssen. Bei dieser Lage der Dinge wanderte im vergangenen Jahre eine beträchtliche Zahl von Israeliten