Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1906)
- Article
- Die Israeliten in der asiatischen Türkei
- Date
- 1906-10-01
- Page
- Seite 769 - 770 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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769 Die Israeliten in der asiatischen Türkei. 770 fast das ganze Quartier besucht. Die Bewohner wohnen in einem erschreckenden Durcheinander. Ihre Häuser sind eng, ungesund und schlecht gelüftet. Sie bestehen aus einem kleinen Hof. einem kleinen, fensterlosen, dunklen Zimmer, und einer Terrasse über dem Zimmer. Ich sah Höfe und Zimmer von 9 qm Fläche, und in einem dieser Zimmer wohnte eine alte Frau mit ihren verheirateien Söhnen und Enkeln, im ganzen 3 Haubhaltungen mit 12 Personen. Das schönste Haus des israelitischen Quartiers enthät nur 5 Zimmer und kann einen Wert von 10000 Frcs. haben. Das israelitische Quartier ist im ganzen nicht schlecht gelegen. Es liegt aui einer Höhe, fern von den Ufern des Tigris, an einer Stelle, wo beständig der Wind von der Ebene weht. Aber die Häuser sind so schlecht gebaut und so eins aufs andere gehäuft, die Strassen sind so schmutzig, so eng und so krumm, dass man die ganze Wohltat verliert, die die natürliche Lage bietet. Früher war der Serail neben dem israelitischen Quartier, oder vielmehr die Israeliten suchten sich neben den Behörden anzusiedeln, um sich in ihren Schutz zu begeben vor den Verfolgungen der übrigen Bevölkerung. Doch der Sitz der Behörden wurde anderswohin verlegt, und das israelitische Quartier ist am Ende der Stadt isoliert geblieben. Ich traf glücklicherweise in Mossul einen aufgeklärten, klugen, aufrichtigen und energischen Chacham Baschi. Er heisst Elijahu Sayegh; er ist offiziell in Mossul angestellt, von der Regierung anerkannt und mit dem kaiserlichen Bestallungsbrief ausgestattet. In seinen Ideen, seiner Lebensweise, seinen Kenntnissen ist er um mehrere Generationen seinen Untergebenen voraus. Er ist gut, tolerant und dem Fortschritt geneigt. Er selbst stammt aus Mossul. Sein Vater war der reichste Kaufmann der Stadt, der gegen Ende seines Lebens sein ganzes Vermögen verlor. Da verliess der Sohn das Land und begab sich aul Reisen. Er ging nach Smyrna, Konstantinopel, Saloniki, Monastir, Jaffa, Jerusalem, Marseille, Lyon usw. Er lebte vom Stundengtben (hebräisch und türkisch). Er war Lehrer des Türkischen an der Schule der Alliance in Monastir. Später gab er Privatstunden in Jerusalem. Er versteht ein wenig Französisch, aber schreibt und spricht sehr gut hebiäi-ch, arabisch, tüikisch und spanisch. Seine Frau stammt aus Monastir. Nach 22 jähriger Abwesenheit kehrte er als Chacham Baschi in sein Land zurück, berufen von seinen Landsleuten. Sobald er nach Mossul gegekommen war, schickte er sich an, die Gemeinde zu organisieren, und nahm sich vor, nicht zu ruhen und nicht zu rasten, bis eine Schule eröffnet wäre; denn, sagte er, die Schule ist der Anfang allen Fortschritts und aller moralischen Hebung. Er ist davon überzeugt und will diese Ueberzeugung dem Geiste seiner Gemeindekinder einflössen. Die Israeliten haben sich verpflichtet, ihm jährlich ein Gehalt von 120 türk. Pfund zu geben, von denen 50 in Mossul und 70 in den anderen Gemeinden des Bezirks erhoben werden sollen; aber seit seiner Ernennung vor 2 Jahren hat man ihm nichts gegeben. Glücklicherweise hat der Chacham Baschi ein Haus, das ihm gehört (Erbe seines Vaters); anderes liegendes Gut hat er verkauft, um in der Erwartung leben zu können, dass die Gemeinden ihr Versprechen halten. Er verzagt nicht, lebt sehr einfach, sucht seinen Glaubensgenossen zu nützen. Er hat weder Kavassen, noch Sehamas« h, noch Sekretär, noch Bediente. Er verfasst' und schreibt selbst die Petitionen auf türkisch und geht zu Fuss zum Serail bei der grössten Hitze, um persönlich alle Papiere dem Vali zu übergeben. Er ist der eifrigste und ireueste Diener der Gemeinde. Er steht zwischen zwei Feuern. Er ermüdet nicht, er eitiägt alles mit staunenswerter Ergebung. Ich glaube, dass der Direktor, den Sie nach Mossul schicken werden, in ihm den si«hersten Freund finden wird, die gewissenhafteste Hilfe für das Gelingen seiner Sendung. Denn die Bevölkerung ist weder umgänglich noch nachgiebig; Ihr Vertreter wird sicherlich seine La>t mit ihr haben. Unsere Glaubensgenossen in dieser Stadt sind sehr zurück, sehr arm, sehr geizig und sehr unwissend. Sie üben folgende Gewerbe aus: das der Goldschmiede, Krämer, Hausierer, Kleiderhändler, Schuhmacher, Schuhflicker, Geldwechsler, Tagelöhner und Schuhputzer. Die Frauen leben vollständig getrennt von den Männern, in grosser Unwissenheit, Abgeschiedenheit und Aberglauben, wie man es Ihnen früher von Bagdad und Persien berichtet hat. Sie tragen Oben- und Nasenringe, Ann- und Fussbänder. Sie gehen selten aus. Wenn sie ausgehen, bedecken sie sich mit einem schwarzen Stoff und verhüllen das Gesicht mit einem dichten Schleier aus Kameel- oder Pferdehaar. Ihre Kopfbedeckung ist ein Käppchen aus Holz, überzogen mit Metall (Kupfer, Silber oder Gold) und eingefasst von einer dicken schwarzen B nde in mehreren Falten, ges< hmückt mit mehreren gleichfalls schwarzen Quasten. Diese schwere und dicke Koptbedeckung ist sehr wenig anmutig; die Frauen entledigen sich ihrer niemals, weder im Sommer noch im Winter, nicht bei Tage und nicht in der Nacht. Sie nehmen es nicht vor dem Schlaf ab. Sie sind schlank und dünn; haben ein abgemagertes, müdes Gesicht, wie Pflanzen, die an einer wasser- und lichtarmen S eile wachsen. Ihre Augen und Haare sind im allgemeinen schwarz; der Teint ihrer Haut ist ein wenig sonnverbrannt wie der der Fellahs in Aegypten. Indessen sind ihie Züge regelmässig. Würden Licht, Freiheit und Wohlsein unter ihnen strahlen, sie würden wahre Typen jüdischer Schönheit werden. Die Männer sind gross und kräftig, trotz der schlechten Lebensweise, der sie sich unterwerfen. Sie haben schwarze, struppige Bärte und auf dem Kopf den tütkischen Hut mit einem dicken, mehrere Male verknoteten Turban, um sich selbst gedreht wie ein Agal. Die wichtigsten Gemeinden des Bezirks nach Mossul sind die von Sakho, Kerkuk, Erbil, Suleimanie und Gul-Ambar. Diese Aufzählung zeigt, wie sehr die Israeliten im Gebiet von Mossul zerstreut sind. Früher spielten sie in dem Bezirk eine gewisse Rolle, sie waren be-