Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1906)
- Article
- Die Israeliten in der asiatischen Türkei
- Date
- 1906-10-01
- Page
- Seite 767 - 768 (sequence 6)
- Language
- German
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767 Die Israeliten in der asiatischen Türkei. 768 Tiefe in der Erde liegen. Die Moschee allein mit ihrem Tuim sollte alles überragen.*) Die Israeliten von Djesireh sprechen in ihren Familien hebräisch, weil sie alle aus dem Bezirk von Mossul stammen. Die Männer auf dem Markte sprechen kurdisch, türkisch und arabisch. Trotz ihrer Armut helfen sie allen Glaubensgenossen, die durch ihre Stadt kommen. Sie verschaffen ihnen Wohnung und Nahrung, so lange die Gäste sich dort aufhalten. Wenn jemand im Gefängnis ist, so machen sie es sich zur Pfli< ht, ihm regelmässig zu essen zu schicken. Es ist rührend, diese Solidarität zu beobachten. Bagdad, den 20. Juli 1906. Die Gruppe der Israeliten aus dem Gebiet von Mossul ist sehr wichtig durch ihren Ursprung, die Zahl der Gemeinden, ihre Sitten und ihre Beschäftigung. Viele Schriftsteller behaupten, dass man in diesen Gemeinden die reinsten Abkömmlinge der zehn Stämme sehen muss, die von den assyrischen Königen in die Gefangensi haft geführt wurden. Viele von ihnen sollen sich zum Christentum bekehrt haben und in die chaldäische Kirche eingetreten sein; aber die, welche ihre Religion nicht aufgaben, sind vielleicht die vornehmsten unter allen Juden. Man trifft Gemeinden in den folgenden Städten: Mossul mit . . 3 300 Dehoc . . 200 Sakho . . 2 400 Sibar tr 200 Akra und Umgegend . 300 Kerkuk „ . . 2 400 Ürbil „ . . 1800 Köi Sandschak 200 Schaklava ,, 50 Amadie und Umgegend . 250 Sairdor . 800 Altun-Kupri „ 40 Revandus 120 Salihie-Kufri 300 Souleimanie . 1500 Gul-Ambar „ . 1000 zusammen 14 860 Seelen Die wichtigste Gemeinde ist die von Mossul. Nach einer vom Grossrabbiner entworfenen möglichst genauen Statistik gibt es in Mossul 3300 Personen, 15U0 Männer und 180U Frauen. Man hat drei Synagogen: die alte, die neue und die von Sasson Abdallah. Nach einer Inschrift an der Mauer besteht die erste seit 1264 Jahren. Sie Hegt unterhalb der Strasse. Man muss einige Stufen hinabsteigen wie in eine Höhle. Sie enthält mehr als 100 Sepharim *) Die Anlage des Gebetshauses unter dem Niveau der Strasse braucht nicht notwendig das Ergebnis einer intoleranten Vorschrift von seiten der herrschenden Kirche zu sein. Manche Synagoge ist so angelegt, urn das Psalmwort „Aus den Tiefen schreie ich zu dir" zu illustrieren. Anm der Red. in 5 Schränken. Das Gewölbe wird von Säulen und Bogen gestützt, alle aus inländischem Marmor. Die Synagoge enthält auch alte Teppi« he und einige wertvolle Gegenstände; diese sind kürzlich von Bösewichtern bei Nacht gestohlen worden. Die zweite Synagoge liegt neben der ersten. Sie haben eine gemeinsame, von Fenstern durchbrochene Zwischenmauer. Sie ist grösser, weiter, luftiger; sie liegt mit dem Erdboden in gleicher Höhe. Der Bau ist erst 32 Jahre alt. Die tünf Geber, die zum Bau beigetragen haben, haben ihre Namen auf den Mauern eingegraben. Die Mauern, die Säulen und der Fussboden sind aus Marmor. Die Synagoge besteht aus 3 Teilen: einem tiberdeckten Vorhof, einem Hofe für den Sommer und einem freien Feld. Die dritte Synagoge ist vor einigen Jahren von Sasson Abdallah aut einem der Gemeinde gehörigen Felde gebaut worden. Er soll dafür 800 Ptund ausgegeben haben. Es ist ein schöner Bau nach Art einer Moschee, mit einem Aussenhof, Säulen und Bogen aus Marmor. In allen drei Synagogen breitet man Matten am Fussboden aus, setzt sich auf die Erde wie in Moscheen, um das Gebet zu verrichten. Zum Unterricht der Kinder gibt es 4 Talmud- Toraschulen mit im ganzen 203 Kindern. Die erste ist auf dem Hofe, des Tempels Sasson Abdallah. Das ist die einzige saubere von den vieren. Zwei andere sind auf einem Hof neben der letztgenannten Synagoge untergebracht, den man Midrasch nennt und der der Gemeinde gehört. Ein kleiner Teil des Hofes ist bedeckt, alles übrige ist der Sonne ausgesetzt. In diesem Midrasch wohnen mit ihren Familien alle durchreisenden Armen, und es sind fast immer welche da. Unter diesen Familien empfangen die barfüssigen, zerlumpten, schmutzigen Kinder, bedeckt mit Hitzblattem, der glühenden Sonne ausgesetzt, einen Unterricht von drei Rabbinern, die ebenso schmutzig und ebenso zerlumpt sind. Neben dem Midrasch ist ein kleiner Hof, wo die Schüler ihre Bedürfnisse verrichten. Schädliche, unerträgliche Gerüche umgeben, daher den Midrasch und die Talmud-Tora und machen daraus einen ungesunden, infizierten Platz, der der öffentlichen Gesundheit gefährlich ist. Die vierte Talmund-Tora ist ein Sonderunternehmen eines Rabiners, der auf dem Hofe seines Harnes die wohlhabendsten Kinder versammelt, die ihm ein bestimmtes Schulgeld, 1 bis 5 Piaster monatlich (20 Centimes bis 1 Franc), bezahlen. Die anderen Rabbiner lassen sich auch von den Schülern bezahlen. Nur der Chacham Isaac, der einige Arme und Waisenkinder unter seiner Obhut hat (43), wird von der Gemeinde mit 2 Medschidje (8 Fjcs. 50) monatlich unterstützt. Nur 203 Kinder erhalten also einen schwachen Unterricht im Bibellesen und Uebersetzen. Alle andern ziehen ihre Strasse ohne jeden Unterricht. Sicherlich würde eine Schule in Mossul 450 Schüler vereinen. Gibt es in Mossul, im israelitischen Quartier, ein Lokal, das so viele Schüler fassen kann? Ich habe