Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1906)
- Article
- Die Israeliten in der asiatischen Türkei
- Date
- 1906-10-01
- Page
- Seite 765 - 766 (sequence 5)
- Language
- German
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765 Die Israeliten in der asiatischen Türkei. 766 jüngst begrabenen Leichen aus, schneidet ihnen den Kopf ab und wirft sie in den Fluss. Die Kurden wollen damit den Zorn des Himmels besänftigen und den Regen herbeirufen. Die Israeliten werden benachrichtigt, wenn dieser Frevel begangen wird. Sie wagen aber nicht, ihre Häuser des Nachts zu verlassen; die Uebeltäter sind alle bewaffnet. Man beschwert, sich beim Gouverneur. Aber wie den Schuldigen fassen? Wer wird ihn angeben? Während der 21 Stunden, die ich in Severek verbrachte, stellte mir der Kaimakam (Stellvertreter des Grosveders) zwei Polizisten zur Seite, um mich zu beschützen. „Ich habe kein Vertrauen zu der Bevölkerung, sagte er zu mir, ich werde erst ruhig sein, wenn Ihr aus der Stadt seid." Dieser junge Gouverneur stammte aus Konstantinopel und hatte tatsächlich Sympathie für die Israeliten. Aehnliche Gefühle des Wohlwollens für unsere Glaubensgenossen sind mir von dem Vali und dem M-itessarif von Mardine bezeugt worden. Aber wozu dienen alle diese Freundschaftsbezeigungen? Die Behörden selbst können unsere Glaubensgenossen nicht schützen. Was vermögen sie gegen die bestehenden Gesetze, gegen die drückende Last der Abgaben, gegen die Anarchie, in der sich das Land befindet, gegen die Vorurteile einer ganzen Bevölkerung! Die Israeliten von Severek haben auch ein dringlichst einen Leiter zur Schaffung einer Schule verlangt. Sie machen sich gar keine Vorstellung davon, was die Organisation einer Schule bedeutet. Sie haben mir nach Mossul einen Brief geschickt, durch den sie sich, trotz ihrer Armut, verpflichten, 25 bis 30 türk. Pfund jährlich zum Unterhalt dieser Schule zu geben. Sicher ist, dass bei Eröffnung einer Schule, sei es in Diarbekir oder in Orfa, alle Israeliten aus Severek dahin wandern werden, wo die Schule sein wird. Die dritte israelitische Gemeinde dieses Bezirkes ist in Tschermuk oder Tschernik, einer 76 km von Diarbekir gelegenen Stadt, neben den berühmten, sehr stark besuchten Thermalquellen im Sandschak von Arghana. Sie umfasst gegenwärtig 30 Familien mit fast 150 Seelen und eine Synagoge, die ihr Eigentum ist. Ehemals waren sie viel zahlreicher. Mehrere Familien sind in der Gegend zerstreut, einige sind während der armenischen Vorgänge nach Palästina gegangen. Einige Statistiker (u. a. Vital Cuinet) geben an, dass in Mardine 580 Israeliten sind, und Sie haben es in Ihrem Bericht von 1904 wiederholt. Aber nach den sehr genauen Informationen, die ich erhalten, gibt es nur noch einen einzigen Israeliten in dieser Stadt Er ist da als Wächter in der Synagoge des Ortes. Er ist bei der Bevölkerung gern gesehen und hat den Beruf eines Wahrsagers. Er beschwört das Schicksal, sieht die Zukunft voraus und sagt jedem seine Bestimmung. Früher war die Gemeiade sehr bedeutend. Die Israeliten lebten in Mardine sehr gut durch Handel, aber sie haben allmählich die Stadt verlassen müssen wegen der Intoleranz der Christen und Mohamedaner, ihrer Konkurrenten. Der letzte Schlag wurde ihnen versetzt, als der Midschlis idara (Ortworstand) den Markttag auf den Sonnabend verlegte. Die meisten Israeliten von Mardine sind nach Nissibine geflohen, einer Stadt 60 km weiter, 4:80 m hoch auf dem Berge Djaghdjagha. Man zählt dort jetzt 108 Familien mit einer Synagoge und einer Talmud Tora. Man hat mir versichert, dass die Lage der Israeliten in Nissibine die beste aller Gemeinden des Bezirkes von Diarbekir ist. Man trifft dort schon 1 bis 5 Familien mit einem Kapital von 20 bis 25000 Francs. Die andern leben ruhig und behaglich im Vergleich zu den Daseinsbedingungen im übrigen Kurdistan. Einige sollen sich dem Ackerbau widmen. Sie besitzen nicht selbst Grundstücke, aber sie pachten Boden, der reichen Muselmanen gehört. Unsere unglücklichsten und am meisten verfolgten Glaubensgenossen sind unzweifelhaft die von Djesireh. Ich war 21 Stunden in dieser Stadt. Sie liegt 170 km von Diarbekir, am rechten Ufer des Tigris, am Fusse des Dschudiberges, wo nach der Behauptung der Eingeborenen die Arche Nbas Halt machte. Von Diarbekir bis Djesireh fliesst der Tigris zwischen sehr malerischen Schluchten hin, von hier an tritt er in die fruchtbaren Ebenen Mesepotamiens ein. Die ganze Stadt ist aus schwarzen Steinen gebaut wie Severek und Diarbekir. Die Israeliten sind — 150 an der Zahl — fast alle Schuhflicker oder Hausierer. Sie leben im düstersten Elend, misshandelt, verachtet und geschlagen von der Bevölkerung. Die Demütigung zeichnet sich auf ihren Gesichtern. Sie wagen nicht erhobenen Hauptes auf die Strassen zu gehen, noch laut zu sprechen. Ihr Chacham Baschi, in Lumpen gekleidet und barfuss, wagte nicht mich aufzusuchen, da er fürchtete, von Matrosen und Soldaten misshandelt zu werden. Ich Hess ihn holen. Die Israeliten baten mich, gegen Abend in ihr Quartier zu kommen. Ihre Häuser liegen an einem einsamen Ort, fern von der Stadt. In der Mitte ist die Synagoge. Man gelangt durch ein sehr niedriges Türchen hinein. Man muss sich tief bücken, um hindurch zu gelangen. Man geht mehrere Stufen hinab und gelangt in einen Hof. Man könnte glauben, man kommt in eine Höhle. Auf diesem Hof geht, man noch einige Stufen hinab, um die Synagoge zu erreichen. Es ist eine wahrhaft düstere Grotte, in den Felsen eingeschnitten, mit Bogen und malerischen Säulen. Ein Loch in dem Felsen bildet das Hechal, wohin man die Sepharim stellt. Die Israeliten behaupten, dass diese Synagoge sehr alt ist, dass sie seit Esra existiert. Man könnte annehmen, dass dieser Tempel zur Zeit der Verfolgungen gebaut wurde in einem Augenblick, wo man sich verstecken musste, um die Religionsvorschriften zu beobachten. In den ersten zwei Jahrhunderten nach der Hedschra gestatteten die Muselmänner weder den Israeliten noch den Christen, ihre Gebetsstätten über dem Erdboden anzulegen. Alle mussten in einer gewissen