Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1906)
- Article
- Die Israeliten in der asiatischen Türkei
- Date
- 1906-10-01
- Page
- Seite 763 - 764 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2583875-2583943-2583952-2593984--06626-2594117- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Aleppo 1× ep/1047811
OCR text
763 Die Israeliten in der asiatischen Türkei. 704 IJnsere Glaubensgenossen beklagen sich besonders über die Abgaben, die sie der Regierung zu zahlen haben. Zunächst den Bddelat Ask^rie, ein halbes türk. Pfund für die männliche Person vom eisten Lebensjahre an, den Yol parasse, von 12'A Piaster jährlich, die neue Abgabe Chahsie, von 38 Piaster für die Männer von 20 bis 70 Jahren, und schliesslich den Temetre, d. i. eine Gewerbesteuer von 15 bis 50' Piaster, nach der Bedeutung des Handels, so dass der" Vater, der 4: Söhne hat, 70 bis 80 Francs zu bezahlen hat. Das ist eine ungeheure Summe für einen armen Teufel, der seinen Lebensunterhalt schwer verdient. ,,Wir würden gern bezahlen, sagte man mir,: wenn unsere Mittel es nur eilaubten, aber unsere Hilfsquellen weiden von Tag zu Tag geringer". Die Gemeinde kann nicht jede-s Jahr ihre Abgaben bezahlen. Sie schuldet der Regierung viele Rückstände. "Wenn das Central-Comitee sich entschliesst, in dieser Stadt' eine' Schule zu schaffen, darf es auf mehr als 80 Schüler nicht rechnen. "Wenn man eine gemischte Schule einrichten will, so wird man 150 Knaben und Mädchen haben können. Da aber die Gemeinde ausserordentlich arm ist, müssen alle Kosten der Alliance zur Last fallen. Die Gemeinde ist dermassen arm, dass sie ihren diensttuenden Beamten nicht voll bezahlen kann, der zugleich Lehrer und mit 120 Francs engagiert ist. Zur Eröffnung einer Schule wird man in dem israelitischen Quartier nicht einmal ein geeignetes Lokal finden. Man müsste sich entschliessen, zu bauen. Die Gemeinde besitzt mitten in ihrem Quartier ein grosses Grundstück mit einem Brunnen, wo man bauen könnte. Nach den Schätzungen, die ich an Ort und Stelle vorgenommen, würde der Bau eines Schulgebäudes mit 5 Zimmern auf i bis 5000 Frs. kommen. Ich weiss nicht, ob die Bewohner von Diarbekir einer Schule solchen Wert beilegen wie einem whksamen Schutze. Sie werden in dem Leiter der Schule einen Vertreter der Alliance sehen, einen Beschützer, einen Wortführer, der im Notfalle ihre Sache vor dem Konsul und den Behörden veitritt. Mehrere Familien hätten schon lange die Gegend verlassen, wenn sie es könnten. Man gibt ihnen nicht leicht Pässe. Um einen Pass zu erhalten, muss man der Regierung alle Rückstände bezahlen, und das ist unmöglich. Ausser einer Schule erbitten die Israeliten von Diarbekir gleichermassen eine Unterstützung von etwa 1000 Francs zum Ankauf eines Grundstückes für einen Friedhof. Sie haben keinen Raum mehr auf ihrem gegenwärtigen Begräbnisplatz. Ich habe es selbst festgestellt und mich bei diesen armen Leuten verpflichtet, ihre Sache beim Central-Comitee zu vertreten. Von Diarbekir nach Severek sind 85 km. Diese Stadt liegt auf dem "Wege von Orfa nach Diarbekir; sie ist ganz aus Lavasteinen gebaut; noch eine Stadt mit schwarzen Steinen und schwarzen Herzen. Die israelitische Gemeinde von Severek besteht aus 26 Familien mit mehr als 100 Seelen. Sie stammen zum grössten Teil aus Aleppo, Bagdad und Anah. Ehemals war die Gemeinde weit bedeutender, bestand aus mehr als 70 Familien; aber während der armenischen Verfolgung sind mehrere von ihnen fortgezogen, hauptsächlich nach Palästina, haben siih in Jaffa und Jerusalem eingerichtet, und ich erinnere mich, einige von ihnen in Mikweh-Israel unter dem Namen Familie aus Orfa angetroffen zu haben. Vor 18 Jahren hat die Gemeinde ein Lokal für Synagoge und Talmud -Toia erworben; aber unsere Glaubensgenossen haben alle Mühe, sich in dieser Stadt zu erhalten, deren Einwohner fanatisch, intolerant und hart sind. "Während die Israeliten in der Synagoge sind, um zu beten, versammeln sich die Kinder auf der Strasse und werfen Steine auf sie. Der Nachbar der Synagoge hat seinen Abtritt an der Grenzmauer angebracht und hat in diese Mauer ein Loch geschlagen, damit alleUnreinlichkeiten in den Synagogenhof abfliessen. Die Israeliten haben vergebens dagegen protestieit Die Hausierer können nicht mehr in die umliegenden Dörfer gehen, weil die Gegend zu unruhig ist; und dann ist dieses Hausiergewerbe so peinlich, schwierig und so gefährlichl Der Handel ist eine Art Tausch. Der Hausierer bringt den Bauern Stoffe und Esswaren, der Bauer liefert dafür Korn, Gerste, Hirse, Butter und "Wolle. Der Hausierer transportiert die "Waren auf seinen Esel oder auf der Schulter. Oft wird er unterwegs ausgeplündert, riskiert sogar sein Leben. "Wenn der Bauer ihm im Augenblick nichts geben kann, muss er bis Ende des Jahres warten, bis zur Erntezeit, wo alle Produkte auf dem Hofe vereint sind. Dann vergisst der Bauer oft seine Schuld, der Hausierer muss sich an den Agha wenden, muss ihm ein Geschenk machen, dass er ihm hilft, seine Forderungen einzutreiben. In zwei aufeinanderfolgenden Jahren sind zwei Hausierer in Severek und Tschermuk getötet worden. Sicherlich ist die Lage schwierig, unerträglich, — aber, was kann man dabei tun? Sind es nur die Israeliten, die unter diesem Zustande zu leiden haben? Die anderen Konfessionen leiden ebenso. "Wie viele Christen hat man nicht getötetl "Wie viele armenische Dörfer hat man nicht in Brand gesteckt! "Wie viel Muselmannen sind nicht geplündert oder niedergemetzelt worden 1 Da die Israeliten sich nicht mehr in die Dörfer begeben können, ergeben sie sich darein, alle in der Stadt zu leben; Hausierer mit dem Sack auf dem Rücken, Materialwarenhändler oder kleine Krämer. Oft kommt man in ihren l aden, nimmt etwas und bezahlt nichts. Wenn die Unglücklu hen den Kunden Kredit geben, so vergessen diese, ihre Schulden zu bezahlen. Ein Kunde schuldete einem Israeliten 4 Medjedrds; da er sah, dass man ihn oft mahnte, hielt er eines Tages seinen Gläubiger auf dem Markte an, bezahlte ihm 2 Medjtdre und versetzte ihm zwei Ohrfeigen mit den "Worten: Ich habe dir alles bezahlt. In Kurdistan existiert eine abscheuliche Sitte, die ich belichten muss: "Wenn der Regen im Frühling oder zu Beginn des "Winters nicht rechtzeitig eintritt, geht man auf den jüdischen Friedhof, gräbt die