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Ost und West · 1906-10-01 · Heft 10-11 (Oktober-November 1906) · p. Seite 761 - 762

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 10-11 (Oktober-November 1906)
Article
Die Israeliten in der asiatischen Türkei
Date
1906-10-01
Page
Seite 761 - 762 (sequence 3)
Language
German
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761 Die Israeliten in der asiatischen Türkei. 762 ersten drei habe ich gesehen, über die anderen genaue Erkundigungen eingezogen. Die Vilajets Mossul und Diarbekir bilden einen Teil von Kurdistan. Wenn man Kurdistan sagt, so sagt man: administrative Anarchie, EigenwiliigWeit, Unsicherheit. Der Kurde ist vorwiegend kriegerisch, streitlustig und liebt vor allem seine Freiheit und Unabhängigkeit. Das ganze Volk ist unter Waffen und in stetem Kampfe. Es ist in Stämme eingeteilt, die einander befehden. Ihren Oberhäuptern, den Agas, gehorchen sie blind. Diese ziehen alle Steuern ein und bilden die Vermittler zwischen der Regierung und den Ortsbewohnern. Jeder Stamm, jedes Dort hat seinen Aga. Oft befehligt ein Aga mehrere Stämme und Dörfer und ist mächtiger als die. andern. In diesen entfernten Gegenden gibt es noch keine Katasterämter, keine Besitztitel. Das Land gilt als den Agas gehörig, die es von den Bauern bestellen lassen. Die Regierung erhebt — wenn sie kann — eine Grundsteuer, für die es keinen festen Massstab gibt, die vielmehr zwischen den Behörden und den Agas freundschaftlich vereinbart wird. Die Einziehung bei den Bauern wird ausschliesslich von den Agas besorgt. Ausser den Grundsteuern gibt es den Zehnten vom Fruchtertrag und Abgabe vom Vieh. An die öffentliche Kasse führen die Agas ab, was ihnen zu geben beliebt, den grössten Teil der erhobenen Summen behalren sie für sich. Vor dreissig Jahren machte die Regierung unerhörte Anstrengungen, die wenig bequeme Revölkerung zu zwingen. Durch List und Ueberredung hatte sie die nicht unterworfenen Führer nach Konstantinopel kommen lassen. Aber seit den armenischen Vorgängen hat das Land sein ehemaliges Ausseben wieder angenommen : es ist um mehrere Jahre rückwärts gegangen. Um den armenischen Aufstand zu ersticken, erlaubte die Regierung allen Kurden, der ganzen ländlichen Bevölkerung, sich zu bewaffnen. Wenn die Christen übel zugerichtet werden, wenn die Chaldeer, trotz des Schutzes seitens Frankreichs und des päpstlichen Stuhles, zu leiden haben, wenn die Muselmanen selbst in Angst sind und sich über Raub und Plünderung zu beklagen haben, was sollen wir von nnsern Glaubensgenossen sagen? Sie spielen keine Rolle in Kurdistan, sie sind arm, geschmäht und verachtet. Die Kurden hegen dieselben Empfindungen für sie wie die Perser, denen sie in Sprache und Abstammung verwandt sind. Und man versichert mir vielfach, dass die Sicherheit der Strassen und die Lage der Israeliten in Persien weit besser sind als in Kurdistan. Die Israeliten vegetieren, leben kümmerlich in den Bezirken von Diarbekir und Mossul, sie wohnen abseits, elend und erniedrigt. Wenn jemand sich einmal eine kleine Barschaft gespart hat, muss er sie verstecken, und um Friede zu haben, muss er sich unter den Schutz eines Aga stellen. Der Hauptort des Bezirks ist Diarbekir. Das ist eine Stadt, 620 Meter hoch gelegen, am linken Ufer des Tigris. Von dieser Stadt an ist der Fluss für Barken schiffbar. Die Stadt liegt in einer schönen, ausserordentlich fruchtbaren Ebene vulkanischen Ursprungs. Der Erdboden ist dunkelrot, mit schwarzem Vulkangestein gemischt. Das ganze Land, Dorf und Stadt, bieret einen düsteren Anblick, alle Bausteine sind schwarz. Die Bewohner haben einen dunklen Teint. Sollte das düstere Aussehen der Gegend auch die finsteren Gefühle der Bevölkerung beeinflussen? Die israelitische Gemeinde Diarbekir besteht aus 122 Familien mit 505 Seelen, die sich folgendermassen verteilen: 91 Familien, die in das offizielle Register eingetragen sind....... 357 Seelen 6 Familien, nicht eingetragen ... 23 ,, 25 die aus Nissibin, Severek, Sakho, Djesireh stammen . . . . 125 ,, Summa 505 Seelen Sie sind alle arm und elend und leben in einem besonderen Viertel der Stadt am Tigris. Die reichsten, 4. an der Zahl, haben ein Kapital von 1000 bis 2000 Francs. Alle andern leben im traurigsten Elend. Einige besitzen kleine einzimmerige Häuschen, einen Hof und eine Terrasse im WeTte von 100 Francs. Das schönste Haus, das aus drei Teilen besteht, wird auf 800 Francs geschätzt. Die meisten Juden von Diarbekir waren früher Hausierer und treiben in den benachbarten Dörfern Handel; aber diese Tätigkeit schwindet mehr und mehr. Wegen der Unruhen, die dort herrschen, wagen sie sich nicht mehr auf das Land. Die Bauern selbst wagen keinen Ackerbau zu treiben. Die Israeliten treiben kein Handwerk. In ihren Häusern sprechen sie arabisch, doch verstehen die Mä::ner, die häufig den Markt besuchen, auch türkisch, kurdisch und armenisch. Die Frauen verhüllen ihr Gesicht und essen nicht in Gemeinschaft mit ihren Gatten; sie führen ein gänzlich zurückgezogenes Leben. Sie verlassen das Haus nur, um ins Bad zu gehen; sie gehen nie auf den Markt. Die Gemeinde besitzt eine steuerfreie Synagoge. Sie besteht aus drei Teilen, einem grossen geschlossenen Raum zum Beten — man sitzt auf Matten am Boden — einem Hof, wo man sich im allgemeinen im Sommer aufhält, und einem Raum, wo man die Kinder zur Talmud-Tora versammelt. Was man die Kinder lehrt, ist sehr wenig. Die meisten Israeliten von Diarbekir sind Analphabeten; sie können weder lesen noch schreiben. Sie begnügen sich damit, während der Gebete des Chasan Amen zu sagen und beständig den Körper hin und her zu bewegen. An der M*uer der Synagoge sind drei gravierte Steine. Zwei enthalten die Namen der beiden Verwalter (Gabbaim), die der Gemeinde Dienste geleistet haben, und auf dem dritten steht der Name Moses Montifiore, der 100 £ zur Wiederherstellung des Tempels geschickt habe. Man versammelt sich regelmässig morgens und abends im Tempel. Trotz aller Leiden und Verfolgungen sind sie wunderbar der Religion ergeben und beobachten alle ihre Vorschriften.

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