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Ost und West · 1906-10-01 · Heft 10-11 (Oktober-November 1906) · p. Seite 759 - 760

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 10-11 (Oktober-November 1906)
Article
Die Israeliten in der asiatischen Türkei
Date
1906-10-01
Page
Seite 759 - 760 (sequence 2)
Language
German
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759 Die Israeliten in der asiatischen Türkei. 760 Karpfen in den Becken sind unantastbar. Niemand beunruhigt, jedermann füttert sie mitBrod; sie wachsen und mehren sich. Etwas weiter entfernt, aber immer noch am Fuss des Top-Dag, steht eine zweite Moschee aui dem Boden, auf dem Abraham geboren sein soll. Im Innern der Moschee sprudelt in einer Grotte eine Quelle mit ungewöhnlich frischem und klarem Wasser. Von der Decke herab hängt die angebliche Wiege des Erzvaters, mit einem grünen Mantel bedeckt, wie er in den Moscheen die Gräber der Heiligen umhüllt. Vordem wurde weder Jude noch Christ hier zugelassen. Seit dem Tode des letzten Moliah aber waltet ein Scheich, der moderner und praktischer ist. Er gewährt Personen, die ihm empfohlen sind, Eintritt gegen Entgelt. Als ich ihn aufmerksam machte, dass bei der grossen Feuchtigkeit der Grotte das Holz der Wiege nicht lange der Fäulnis entgehen könne, antwortete er einfach: „Wir erneuern von Zeit zu Zeit die Wiege, bringen sie aber immer wieder an dieselbe Stelle." Von der Geburt Abrahams erzählte der Scheich: „In Orfa herrschte zu jener Zeit ein götzendienerischer und grausamer König Namens Nimrod. Man hatte ihm prophezeit, dass ein aus Haran stammendes Kind in Orfa zur Welt kommen und Nimrods ganze Macht zerstören würde. Nimrod befahl, alle Neugeborenen umzubringen, deren Eltern aus Haran gekommen waren. Die Frau des Terach verbarg sich, um der Verfolgung zu entgehen, in einer Grotte und gebar dort den Abraham. Als ihr die Milch versiegte, stieg alltäglich durch einen Spalt, den man heute noch sieht, eine wunderbare Gazelle in die Grotte hinab und säugte das Kind. Als Abraham herangewachsen war, predigte er die Einzigkeit Gottes, Gastlichkeit, Enthaltsamkeit, und untergrub den Einfluss des götzendienerischen Königs Nimrod. Die Tochter des Königs zeigte sich den Lehren Abrahams geneigt. Der König beschloss, beide in einen feurigen Ofen zu werfen. Er Hess ein grosses Feuer am Fuss des Hügels anzünden und seine Tochter mit Abraham von der Höhe der Festungstürme hinabstürzen: Als die beiden Körper eben die Flammen berührten, erlosch das Feuer, und an seiner Stelle erschienen die beiden Becken klaren Wassers, die wir noch heute sehen, mit Fischen angefüllt und von grünenden Bäumen eingefasst." Die israelitische Gemeinde in Orfa zählt 191 Familien, von denen 108 seit langem in Orfa ansässig sind, 56 aus Aleppo, Severek, Tschermtik, Mardtn und Mossul stammen, 12 in der Gouvernementsliste nicht eingetragen sind, und 15 unter persischem Schutz stehen. Fast alle Israeliten von Orfa sind arm, fast alle treiben in den umliegenden Ortschaften Kleinhandel mit Stoffen und Gewürzen. Seit einiger Zeit ist dieser Handel recht gefährlich und wenig einträglich geworden. Die Sicherheit auf dem flachen Lande hat abgenommen, unsere Glaubensgenossen wagen sich nicht mehr so leicht wie früher aus dem Schutz der Städte hinaus. In der ganzen Gemeinde gibt es nur zwei wohlhabende Familien, die aus Aleppo stammen. Einer sagt man den Besitz von 200000 Francs nach, was hier ein stattliches Vermögen darstellt. Diese Familie benutzt den von ihr erlangten Einfluss zu Gunsten der unglücklichen Glaubensgenossen, die arm, sehr arm sind, aber nicht belästigt werden. Die Gemeinde besitzt eine hübsch ausgestattete Synagoge, die aus drei aneinander stossenden Räumen besteht. Der bedeckte mittlere Raum dient für die Gebetsversammlungen im Winter, zur Linken befindet sich ein grosser Hof mit einem Rasenplatz für den Sommer, zur Rechten ist ein zweiter Hof mit zwei gesonderten Zimmern für die Talmud-Tora Schule. Solcher Schulen gibt es in Oifa drei mit zusammen etwa hundert Zöglingen. Zwei Schulen sind Privatveranstaltungen, nur eine wird von der Gemeinde unterstützt. Der Unterricht beschränkt sich für die jüngeren Kinder auf Bibellesen, die grösseren lesen den En Jacob. Nur ganz wenige Kinder lernen hebräisch schreiben. Das ist alles. Keine Ortssprache, keine fremde Sprache, weder türkisch noch arabisch, weder Geschichte noih Rechnen wird gelehrt, noch irgend ein allgemeiner Untenicht erteilt. Die 191 Familien von Orfa haben gewiss 1000 Kinder, von denen 200 im Schulalter; aber nur 100 besu« hen die Talmud-Tora. Die 100 Mädchen nämlich wachsen ohne jeden Unterricht auf, können weder lesen noch schreiben. Als die Gemeindevorsteher meine Ankunft erfahren hatten, suchten sie mich auf, setzten mir ihre Lage auseinander und baten mit h, ihr Fürsprech bei Ihnen zu sein, dass Sie in dieser interessanten Stadt eine Schule einrichten möchten. Die Gemeinde Orfa scheint mir zukunftsreicher als alle anderen Gemeinden von Kurdistan. Sie liegt an der Grenze zweier Sprachgebiete, zwischen dem arabischen und dem lüikisch-kurdischen, inmitten einer schönen, reichen und fruchtbaren Ebene- Die Bagdadbahn führt dicht an ihr vorbei. Die jüdische Bevölkerung in allen diesen Gebieten ist sehr beweglich und wechselt leicht den Aufenthalt. Es kann als sicher gelten, dass die israelitische Gemeinde Orfa durch die Flüchtlinge von Severek, Tscheimuk, Diarbekir und Nissibin sich vergrössern wird. Die Einrn htung einer kleinen Schule würde allen Israeliten der Gegend ungemeinen Nutzen bringen. Unsere Glaubensgenossen treiben hier ausschliesslich Kleinhandel. D is Handwerk ist ihnen unbekannt. Ihre Sitten sind rückständig, die Stellung der Frau ist untergeordnet. Wer Aleppo zum ersten Male sieht, glaubt, es könne eine rückständigere Stadt nicht geben. Dingt man aber in das Innere des Landes ein, so merkt man, dass Aleppo vergleichsweise ein Paradies ist. Die Hcuptnahrungsmittel von Orfa sind: Weizenkörner, zusammengestossen mit rohem zerhackten Fleisch, gemischt mit rotem Pfeffer, Petersilie und Zwiebel. Man knetet das Ganze mit der Hand und bildet Kugeln daraus, die man roh geniesst. Die Speise heisst türkisch Tschik-köft£, arabisch wird sie Kube"-nei genannt. Bagdad, den 17. Juli 1906. In der Provinz Diarbekir gibt es an folgenden Orten israelitische Gemeinden: Diarbekir, Severek, Dschesireh, Tschermuk, Mardin und Nissibin. Die

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