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Ost und West · 1906-10-01 · Heft 10-11 (Oktober-November 1906) · p. Seite 745 - 746

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 10-11 (Oktober-November 1906)
Article
Von einem Platze an der Misrach-Wand
Date
1906-10-01
Page
Seite 745 - 746 (sequence 9)
Language
German
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745 Mendele Mocher Sephorim: Von einem Platze an der Misrach-Wand. 746 auf G-rund einer Pachtung. Und Pacht — sagt das Gesetz — kann dej\ Besitzer erhöhen, wann er will und soviel er will. Und nicht genug, dass die Kabzansker den Prozess verlieren, müssen die Kabzansker noch die Gerichtskosten zahlen — gar einen Haufen G-eld! Kabzansk ist von einer Not tief in eine andere Not geraten. Aber wie rettet man sich da heraus? In alter Zeit, wenn da Kabzansk einmal in der Klemme war, hätte man sich in der Tat keinen Rat geben können. Aber das Kabzansk von heut ist nicht das Kabzansk von einst. Heut ist das Volk ein anderes geworden. Die ewigen Wirren der letzten Zeit haben das Blut zum Sieden gebracht und aufgepeitscht zur Trotzigkeit. Der Kabzansker Jude ivon heut ist wie Feuer. Nur ein Wort, das ihm nicht passt, und gleich schiessen ihm wrie auf Schrauben, scharfe, stechende Antworten stürmisch von den Lippen. Die vielen Aufgaben in letzter Zeit haben aus den Kabzanskern grosse Schlauköpfe gemacht: Ratgeber, Sachverständige im Handel, in Rechtssachen, im Bank fach und m allen möglichen Geschäften. Diplomatie, Politik und gar Protokolle, Appellationen usw., die Worte führt jeder Chederjunge im Munde und tüftelt daran herum. Mit Ratschlägen war Kabzansk Gott sei Dank gut versorgt. Das Unglück nur ist: es gab der Ratschläge zu viele. Und so haben denn einige geraten, man solle zum Grafen einen ihm Nahestehenden [schicken und ihn um Erbarmen bitten lassen. Und sie dachten dabei an das Sprichwort: „Wenn man nicht drüber weg kann, so geht man unten durch." Andere sagten: Ja und nein. Hinschicken, ja! Aber direkt um Erbarmen bitten: nein! Man sollte die Sache politisch anfassen, z. B. ihm so im Gespräch folgende Frage vorlegen: Was kann Kabzansk für Euch für einen Wert haben ohne die Kabzansker? Aber eine 'andere Partei schrie: Auf Erbarmen könnt ihr lange warten, mit Anspielungen kommt ihr überhaupt nicht vom Fleck. Das Beste ist, an die oberste Instanz zu appellieren. Wenn eine G-emeinde nur will, wird sies auch erreichen . . . Kurz, die sagten so und jene sagten so — auf keinen Vorschlag einigte man sich und soviel Ratschläge, soviel Parteien. Kabzansk versank immer tiefer in den Strudel. . * * * Pesach-Zeit! Nach soviel Kopfzerbrechen, nach soviel Weh hatte man — gelobt sei Gott — den lieben Gast, (den Pesach, empfangen. Allüberall spürte man ihn. In der Klaus und daheim. Die Luft duftet nach Pesach, [nach seinen Knödeln und seinem Backwerk. Und er dringt jedem, Alt und Jung, Arm und Reich, tief in die Seele. Lustig wird sie und fröhlich. Kabzansk strahlt. Freilich, schöne Gewänder sah man nicht. Nur ein weisses Hemd und den langen, alten sabbathlichen Rock. Und doch strahlt Kabzansk. Truthähne ass man auch nicht, und Kompott und Wein sah man nirgend. Um das Gebot zu erfüllen, isst man ein Stückchen Fleisch mit frisch geriebenem Meerrettig und bäuerischem G-emüse; trinkt Laekritzenwasser, ein Gläschen Rosinenwein und ist doch fröhlich und erquickt :sich an der Auserwähltheit des Volkes Israel, wie sie 'die Gebete künden, an Festtagsliedern und Gesang. Es ist eine Erholung, eine Wiedergeburt, als ruhte auf der Gemeinde der Abglanz Gottes. Armes Kabzansk! Gejagtes Kabzansk! Nach soviel Leiden ein ganzes Jahr hindurch habt wenigstens am Feiertag eine ruhige Stunde! — — — — — — Letzter Tag des Pesachfestes, fröhlicher Tag. Da waren einst die Ahnen durchs Meer geschritten, und die nachjagenden Egypter ertranken darin. Kabzansk verlebte den Festtag in Hoffnung auf den lieben Gott, den Beschützer seines Volkes Israel in allen Zeiten. — Da plötzlich ein Tumult. — Des Gutsherrn Leute kommen in dichten Scharen, pfeifend und johlend, zertrümmern die Fenster, reissen Oefen nieder und werfen die .Betten auf die Strasse. Was ist? Der Gutsherr lässt die Juden, die „Diebe", die „Schwindler", die „Blutsauger", die sich in seine Häuser eingenistet hätten und die nun nicht den Pachtzins zahlen wollen, heraustreiben. Sollen die Kabzansker merken, wer Herr im Orte ist. Gewissenhaft gingen die Knechte zu Werke, wie ein [Rebbe, der erst einen Abschnitt lernt und dann weiter geht. So räumten sie erst eine Gasse aus, drinnen die richtigen „Blutsauger" wohnen, nämlich die Kabzansker Bettler ... Die anderen sollten später an die Reihe kommen. Und jüdische Familien, denen man eine gute Lektion gegeben, treiben sich nun nackend und jhuügrig umher und lagern auf der Gasse unter freiem Himmel. — Wehe, wehe! schreit Kabzansk, ein Blitz hat uns getroffen! Und was tun die jüdischen Familien? Sich auf der Gasse herumtreiben, führt zu nichts und jSchreien hat auch keinen Wert. So packen sie ihre] Sachen und verlassen den Ort. Ein Teil geht weit in die Welt hinaus und die andern suchen indessen Unterkunft in Neu-Kabzansk. Viele sinds, so dass sie den Neu-Kabzanskern in der Enge fast die Kehle zuschnüren. Und das weiss doch schon ein jedes Kind, dass jeder, dem ein Knochen im Halse stecken bleibt, husten muss. Man hustet und hustet, bis man deu Knochen herausbringt. Und so haben die Neu-Kabzansker unwillkürlich stark gehustet und mit aller Macht versucht, sich von jenen Bettlern zu befreien, deren Armut achtfach gedreht war wie gute Zizzith. Nun fingen auch die Neu- Kabzanskeran,sich ins Mittel zu legen und das Feuer inAlt- Kabzansk zu löschen, damit ihre Brüder ruhig daheim bleiben und sie selbst verschonen könnten. Mit dem Gutsherrn haben sie sich immer gut gestanden und niemals Zwist mit ihm gehabt. Und sich nun gar mit

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