Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1906)
- Article
- Von einem Platze an der Misrach-Wand
- Date
- 1906-10-01
- Page
- Seite 743 - 744 (sequence 8)
- Language
- German
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743 Mendele Mocher Sephorim: Von einem Platze an der Misrach-Wand. 744 Gezücht; und wo Streit und Kampf ist, da kommen solche Leutchen auf — der Teufel weiss, wer sie sind, — die aus dem Streit ihre Nahrung ziehen, sehr bekannt werden und bei allen Narren Ansehen haben. Solche Leutchen — diese neue Sorte von G emeinde- Versorgern — kamen nun auch in Kabzansk an die Oberfläche, und wurden bei den grossen Wirren Rädelsführer, die das Feuer schürten und die Feindschaft steigerten. Die Leutchen, die z. B. begeisterte Anhänger Chaikel Chajims waren, suchten ihn an der Nase herumzuführen, damit er ihnen das sei, was der Tanzbär dem Zigeuner, der von Stadt zu Stadt fährt, den Bären tanzen und springen lässt und selbst die Kopeken einstreicht. — Kommt Leute (so riefen sie aus), kommt, wir wollen Kabzansk in unsere Hände nehmen. Und wilder rollte und kochte der Aufruhr in der Gemeinde, wie wenn der Sturmwind über das Meer hinrast. In beiden Lagern wuchsen Helden. Ein Kampf aller wars gegen alle — und bei der Vorstandswahl flogen in der Klaus schon die ersten kräftigen Ohrleigen. Und die Ohrfeigen flogen dann weiter und weiter; schrecklich! Das ist ein bitterer Scherz, wenn jüdischen Kindern das Blut in Wallung kommt. Um sie herum versinkt die Welt. Alle Ehrfurcht geht in die Brüche; Junge verachten die Alten, Kinder die Eltern, und der Narr masst sich an, dem Weisen Ratschläge zu erteilen. Ohrfeigen flogen und fliegen noch heute. Und die Kabzansker — ach und weh ist ihnen! — sehen nun aus wie Geohrfeigte. . . . Die eigentliche Ursache aber, aus der der Streit entstanden, kannte man kaum noch. Der Streit wurde Selbstzweck. Die einen wollen nur noch siegen, nur zeigen, wer der stärkere ist. Von Gerecht oder Ungerecht, von jüdischen Interessen oder nichtjüdischen Interessen, vom Können oder Nichtkönnen ist garnicht mehr die Rede. Die Hauptsache ist eben Recht behalten, zu zeigen, wer mehr gilt. Und die andern wieder wollen aut die Kosten kommen; sie laufen hierhin und dorthin, schreiben und tuscheln — und das ist ihr Geschäft. Ja, zulegen tut man nicht, wenn man sich ums jüdische Volk kümmert. Wirklich, man muss das Volk lieb haben. Die alten Lehrer in Israel — mögen sie im Himmel unsere guten Fürsprecher sein, — die haben auch das Volk Israel lieb gehabt und getrauert, dass der Abglanz Gottes mit seinem Volke im Golus ist. Aber die heutigen Kabzansker Gemeindeführer haben zwar das Volk lieb und klagen auch, aber auf eine neue Weise. Es sind keine verweinten Seelen mehr wie die alten. Heut;sind es kecke Leute; — mögen sie im Herzen wissen, wie bös es steht, sie machen ein fröhliches Gesicht und mit lächelnden Mienen versichern sie, dass ihre Partei gewachsen ist und mit Gottes Hilfe alles gut werden wird, mögen dieSchmelkenike.s zerbi^ochen werden! Ja, es ist ein Zerbrechen, ein Zersetzen! Beide Parteien wollen einander verbrennen. Und Kabzansk steht in Flammen. Indess der Aufruhr durch die Stadt braust, erhöht der Gutsherr den Mietszins für die Kabzansker Häuser um ein zehnfaches und gibt mit jenem garstigen Fluchwort den Bürgern kund und zu wissen: er werde durch eine Eingabe an die zuständige Stelle durchsetzen, dass alle, die nicht gutwillig den erhöhten Mietszins zahlen, aus all jenen Häusern vertrieben werden würden, die auf seinem Grunde stehen. Und mächtiger noch schwillt die Erregung an: das ist ja garnicht mehr auszuhalten, das geht über die Kraft. Natürlich eilt man auf den Gutshof zum Herrn und schreit, in die Knie sinkend: Edler Herr, lass Dein Erbarmen walten über uns! Aber der Graf antwortet nicht. Walten lässt er, seine Hunde lässt er ihres Amtes walten! Sie springen den Armen an die Waden, auf die Schultern, und — man entläuft. Nun! wenn Bitten nicht helfen, treten wir mutig dem Herrn entgegen. Was soll das heissen? tüftelt man, Zins ist Zins. Ein Preis für immer. Die Häuser sind unsere; unsere Väter haben sie uns vererbt. Will er nicht mit Gutem, dann müssen wir ihn verklagen. Noch gibt es Recht und Billigkeit auf der Welt. So hat Kabzansk — Gottlob — wieder ein neues Geschäft. Braucht man doch wieder die richtigen Macher, und dazu hat man doch jene Leutchen, jene tüchtigen Leutchen! Es versteht sich, dass man gerade sie aussucht, um sie an die Regierung zu schicken. Braucht man doch Spesen. Die Fahrt hin, die Fahrt zurück, essen und trinken auf der Reise kostet Geld. Und was wird aus den Weibern? Die Frauen, die daheim bleiben, müssen auch zum Leben haben. Und so kehrt man alle Kasten aus, und von dem Gelde, das man wegen der Viehweide gesammelt hat, nimmt man auch etwas. Kabzansk opfert sich aut. Und ganz Kabzansk wirft sich auf die Juristerei. Kind und Kegel schärft den Sinn, sucht alle Spitzfindigkeiten heraus wie ausstudierte Advokaten. Unter ihnen finden sich auch viel grosse und kleine Rabulisten — unberufen. Kabzansk liegt nichts mehr im Sinne als ihre Gerichtssache, und die Ungeduld spricht ihnen aus den Augen, mit der sie den Ausgang erwarten. Sie haben ihn — Gottlob — erlebt. Die Verhandlungen beginnen und — man verliert den Prozess. Und warum? Auf dem Gericht gibt man die Erklärung: den Zins darf der Gutsherr nach dem Gesetz in der Tat nicht erhöhen. Aber da der Kabzansker Graf früher einmal einigen Bürgern des Städtchens den Zins um einige Kopeken im Jahr erhöht hatte, ohne dass jemand dagegen protestiert hätte, so beweist das nur, dass die Kabzansker auf dem Boden des Grafen nicht wohnen auf Grund eines Zins Vertrages, sondern