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Ost und West · 1906-10-01 · Heft 10-11 (Oktober-November 1906) · p. Seite 741 - 742

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 10-11 (Oktober-November 1906)
Article
Von einem Platze an der Misrach-Wand
Date
1906-10-01
Page
Seite 741 - 742 (sequence 5)
Language
German
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741 Mendele Moclier Sephorim: Von einem Platze an der Misrach-Wand. 742 Und das wird ihm gesunde Kraft und Frische geben und ihren Mut stärken. Und was man so Leben nennt, wird wirklich ein Leben sein. Ei, ruft da Reb Schmelze mit höhnisch verzogener Miene aus, ei, wird das ein Leben sein! Ei, wird man dann wissen, was es heisst, den Gutsherrn erzürnen! Mehr hat Reb Schmelke nicht gesprochen. Aber dass er mehr getan als gesprochen, ergab sich später. Und damals fing es an, bitter, bitter zu werden '* * *. Es war im Sommer. Früh am Morgen. Mi* Tallis- und Tefillimbeutel kehrte die Gemeinde aus dem Bethaus heim, die Röcke aufgeknöpft, die Brust frei der Sonne entgegen — ganz der Lust ihrer kosenden Wärme hingegeben. Und vor sich sahen sie Gottes schöne Welt liegen: Bäume und Blumen und Sträucher (und im stillen überlegten sie dabei, wieviel alles wohl wert wäre). Die Ernte ist gut geraten, Zwiebel, Rettig, Kartoffeln (gelobt sei der Herr) wirds dieses Jahr in Fülle geben. So gingen sie hin, Jubel im Herzen. — Da plötzlich wachsen vom Ende der Gasse her mächtige Staubsäulen in die Höhe, und wilder Lärm tönt zu ihnen herüber. Meckernd und muhend läuft die ganze Herde Viehzeug hungrig vom Feld zurück, .letzt? warum schon jetzt? Sie fragen und reden mit wild geschwungenen Händen; aber bald bekommen sie die bittere Antwort. Wehe! Der Gutsherr will die Kühe nicht mehr wie früher auf seinem Felde weiden lassen. Bitter, sehr bitter! Man läuft natürlich auf das Gut zum Herrn, weinend, bittend, flehend. Aber der Gutsherr lässt sich überhaupt nicht sprechen. Nicht mal die Schwelle dürfen sie betreten. So fleht man den Inspektor an: Herziger, guter Mann! — Nein, Nüdelchen. Schreien sie: 0 gute Seele, Liebling, warum das? Antwortet er: Der Gutshen* ist böse. Ihr, Jüdchen, wollt ihm — so hat er gehört — seinen Platz in der Schul nehmen. Stecken sie ihm, wie es so Brauch ist, ein Geschenk in die Hand. Nimm, guter Vater, Seelchen, nimm. (Soll er wenigstens heimlich das jüdische Vieh irgendwo weiden lassen und die Augen schliessen). Die Bestechung nimmt er wirklich — denn er ist von Natur kein schlechter Mensch. Aber er will mehr. Ach, es ist eine Qual, dass einem übel werden kann. Und wer steckte hinter der ganzen Geschichte? lieb Schmelke. Das war Reb Sehmelkes Werk. Und damals flammte es wie Feuer in der Gemeinde auf: Zorn, Wut und Hass. Kabzansk teilte sich in zwei Parteien. Auf Messer! Die Leute von Chaikel Chajims Partei — die Mechalkel-Chajimnikes, wie man sie nennt, halten sich nicht ruhig. Sie sprühen Feuer. Und jene von Reb Sehmelkes Parte' — die Sehmelkenikes genannt — praktische Leute, die von der Pachtung leben, schweigen auch nicht. Auch sie sprühen Feuer. Und zwischen den beiden Feuern standen zuerst die Kühe von Kabzansk. und nachher — es ist zum Erbarmen — der Rebbe und die Lehrer. Freilich, Vieh ist Vieh. Kühe sind stille Geschöpfe, die Ehrfurcht im Leibe haben. Haben sie nichts zu fressen, so rekeln sie sich im Stall; und es ist noch auszuhalten. Aber die Ziegen, die Strassenbuben! Gehen sie nicht ins Cheder, — ich meine natürlich aufs Feld — dann drehen sie die Welt um und stecken überall, wo sie nicht stecken sollen. In allen Winkeln. Und in Kabzansk gibts gar viele Ziegen. Wenn die nicht den Bauch voll haben, machen sie wilde Geschichten. In den Gärten und Gemüsefeldern springen sie umher und fressen den Bauersfrauen das Grünzeug aus den Mulden. Die ganze Stadt brachten sie in Aufruhr. Die Hunde und die Menschen. Wo nur ein Hund war, da kläffte sein Bellen durch die Gassen. Es war einfach nicht mehr auszuhalten. So gehts nicht weiter. Das sah jeder ein. Alles muss versucht werden, um das Unglück los zu werden. Das erkannten alle. — Und da fing die Geschichte mit dem Gelde an, die Geschichte des öffentlichen Geldsammelns. An Sammlern fehlte es Gott sei Dank nicht, Ach wäre nur soviel Geld da, wie Sammler! Der sammelt Geld für den Inspektor, jener für die Diener auf dem Gut. Man muss doch wenigstens eine Minute Ruhe haben vor den hungrigen Tieren. Andere wieder sammeln Geld, um den Platz vom Gutsherrn abzukaufen und andere sammeln ganz einfach Geld — für die Spesen. — Juden, gebt Geld! (so schreit man) für jedes Tier so und so viel! . . . Schlimmer aber als den Tieren ging es dem Rebben, dem Chasan, dem Schächter und den Dienern im Beth Hamidrasch. Bitter und finster wars für sie rechts und links. Wandten sie sich zu einer Partei, so hatten sies mit der anderen zu tun. Und beide Parteien sind Trotzköpfe und möchten einander vergiften. Ach, die armen Rebben! Die wussten kaum mehr, in welcher Welt sie waren. Mit allen wollten sie gut sein. Dort eine Prise, hier eine Prise. Hier ein Gruss, dort ein Gruss. Ein Sprung nach rechts und ein Sprung nach links und wieder einen Sprung zurück; nicht nach rechts und nicht nach links. Alles haben sie versucht, zu allem „Ja" und „Amen" gesagt. Und sind dabei umgekommen. Wie Leichen schlichen sie umher. Kabzansk steht in Flammen und der Streit wächst und wächst. So gehts nun mal in der Welt. Es gibt keine Sache, die nicht bestimmten Geschöpfen die Möglichkeit zum Leben gibt. Im Sumpf wohnen die Teufel und im Pfuhl die Frösche, im Schmutz wimmelt es von allerlei

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