Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1906)
- Article
- Von einem Platze an der Misrach-Wand
- Date
- 1906-10-01
- Page
- Seite 739 - 740 (sequence 4)
- Language
- German
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739 Mendele Mocher Sephorim: Vron einem Platze an der Misrach-Wand. 740 nicht gerade in die Geniore, in die man allen Scharfsinn hineinlegen muss, sondern in die Hagadah, iu die Midraschim, in denen von seltsamen Dingen gesprochen wird: Märchen und Wunder, die einem so warm ums Herz machen und die Seele so leicht. Ja, dort hinter dem , Ofen ists lieb und gut. Und jedes Wort hat dort einen besonderen Ton, eine besondere Stimmung. Und Chaikel-Chajim mit seiner feingeschliffenen Sprache, mit seiner Tüchtigkeit — ei! war er für sie ein edles Stück. Wie oft sassen sie um ihn und lauschten seinen frischen Worten, so frisch, wie man sie sich früher nicht mal zu träumen gewagt hätte. Seine Geschichten lehrten sie die Welt verstehen, entfachten . ihren Mut, und eine neue Seele kehrte bei ihnen ein. Der Kreis um ihn wuchs von Tag zu Tag. Es war eine Lust, ein kluges Wörtchen von ihm zu hören. Er hiess nicht umsonst Chaikel-Chajim. Denn eine neue Welt mit neuem Leben brachte er nach Alt-Kabzansk. Arme, vom Leide zerschlagene Kabzansker Leutchen, sie begannen nun erst zu fühlen, dass auch sie Menschen sind und dass auch ihre Seele nicht aus dem Staube der Gasse ward. Und von solchen Gefühlen der Menschenwürde durchbraust, wie bitter musste ihnen da zu Mute sein, hundert mal bitterer denn je, da sie sahen, dass das Eckchen heiliger Stätte, ihr einziger Trost im Leben, das einzige Winkelchen, ihr Heim, ihr Ein und ihr Alles, zu dem es einen mit Gewalt zog, wo man sein Herz ausschütten konnte vor dem Vater im Himmel, dass dieser heilige Platz — ihr ganzes Leben — nun in der Hand des Gutsherrn war als Spiel und Gespött. Er soll da tun können, was ihm die Laune sagt, er ist dort Herr, und sie, die Kabzansker, sind nur die Gäste. Wo kann es ein schlimmeres Elend geben? Andere mögen vielleicht die ganze Kabzansker Affaire mit höhnischem Lachen hinnehmen — als Narreteien, derentwegen man sich ganz unnötig erregt. Aber fühlten jene nur die Schmach der Kabzansker Gemeinde, und die Grösse ihres Jammers, verstünden sie ihre Not, fortan so ganz von eines Gutsherrn Laune abzuhängen, und könnten sie ahnen, welchen Wert der heilige Ort für solch einen Grafen hat — wahrlich, dann würden sie andere Worte sprechen. Chaikel Chajim aber begriff die böse Lage der Kabzansker Gemeinde. Schliesslich ist er ja auch nur ein Kabzansker, der, wie man so zu sagen pflegt, mit ihnen in der gleichen Tinte sitzt. Er empfand den Zustand als Schmach und Schande, und in Wehmut, so bös erniedrigt zu sein und sich wie ein Wurm zertreten zu lassen, vor dem Grafen zu kriechen, und zu seinem Gespött das Sabhatlied: „Ma jolifis" zu singen. — Nein. Das passte ihm nicht. Und der Gedanke wühlte sich ihm immer tiefer ein, die heilige Stätte zu befreien. Wenigstens dort, im eigenen Heim, sollte man sein bischen Ruhe haben. Einstmals, am Chanukkah, wenn im Juden der Mensch lebendig wird, und Stolz in ihre Herzen einzieht ob der Taten und Kriege ihrer Helden aus alten Zeiten. am Chanukkah, wenn sie das Lobgebet auf Gottes Wundertaten sagen: al hanissim, sie beim „Dredel"spielen erfüllt, dass sie noch einmal mit des Höchsten Wunderkraft die Welt umdrehen werden — damals gab Chaikel Chajim im Gespräch über das Chanukkah-Fest der Gemeinde zu verstehen, dass Wunder eigentlich gar keine Wunder sind, weil jeder Mensch nur seine Pflicht erfüllen muss, und dass das Wunder des Chanukkah sich nicht ereignet hätte, hätten die Makkabäer nicht den Kampf mit dem Feinde aufgenommen. Diesen Gedanken weiter ausspinnend, kam er auf die Kabzansker und den Platz an der Misrach-Wand, der nun in fremden Händen war, und spornte die Gemeinde zum Nachdenken an, wie sie Herren des Platzes werden könnten. „Was mich betrifft", fügte er hinzu, „so will ich keine Mühe scheuen und keine Zeit. Und wenn ihr wollt, wirds auch an Geld nicht fehlen". Die Süssigkeit dieser Worte drang ihnen tief zu Herzen. Mau fand Geschmack an diesem Vorschlag, den man nuu von allen Seiten her diskutierte, bis schliesslich ganz Kabzansk davon widerhallte. Eeb Schmelken traf die Geschichte bis in die siebente Rippe, bis tief ins Herz. Und warum das? Erstens: Weil er, Chaikel Chajim, den Urheber des Planes nicht ausstehen konnte, denn ein grober Mensch wie er, dazu noch ein ungebildeter Frömmler, kann eben zivilisierte Menschen nicht leiden. Zweitens wurmte es ihn, dass Chaikel Chajim allmählich den Platz der Leibeies sich aneignen könnte und dann die ganze Ehre für sich allein hätte. Drittens möchte er nicht mit dem Gutsherrn anbandeln, das könnte ihm sein Geschäft verderben. Und viertens, ein Mann wie Reb Schmelke muss immer dagegen sein. Sagt jener weiss, sagt er aus Trotz natürlich schwarz .... Und deswegen hielt sich Eeb Schmelke vorsichtig bei Seite und begnügte sich damit, hohnlächelnd Fragen zu stellen, wie etwa solche : Wollt ihr euch, meine Lieben, des Platzes bemächtigen, dann vergesst nicht, dass er dem Gutsherrn gehört! — Der Gutsherr hat doch nur den Platz einbehalten, wegen Gezel's Schulden. Lösen wir ihn aus! — Und Geld? Und Geld? meine lieben Brüder! Wer wird das Geld geben, vielleicht euer Chaikel Chajim? — Geduld, Reb Schmelke! G-eld wird schon da .sein, wenn Kabzansk nur will. — Kabzansk! Das ist ein Gelächter. Ich soll so leben. Zum Nehmen gibts in Kabzansk viele Liebhaber, aber zum Geben? Und was wird schliesslich für Kabzansk dabei herauskommen? Ganz Kabzansk wird doch nicht auf den Misrach-Platz hinauf kriechen. Wozu also die ganze Geschichte? — Still, lass Dir sagen, Reb Schmtlkele, fällt ihm einer aus der Masse in die Rede. Das geht nicht mehr an! Hat wieder ein Jude den Platz, dann gewinnt ganz Kabzansk. Denn das ganze Städtchen weiss dann, dass es wieder sein heiliges Plätzchen besitzt