Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1906)
- Article
- Von einem Platze an der Misrach-Wand
- Date
- 1906-10-01
- Page
- Seite 737 - 738 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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737 Mendele Mocher Sephorim: Von einem Platze an der Misrach-Wand. 738 Und allgemach sank alle Hoffnung dahin. Zwei Menschen hatten indes, wie sich später zeigte, ein Auge auf den Platz an der Misrachwand geworfen und strebten danach, ihn in Besitz zu bekommen — ein jeder auf seine Methode. Der eine war Reb Schmelke, der andere Chaikel Chajim — zwei ganz verschiedene Menschen. Wie schwarz und weiss, wie zwei Katzen in einem Sack. Reb Schmelke war eines jener Menscbenwesen, von denen man sagen könnte, dass sie unter uns Menschen das gleiche sind, was Gurken z. B. unter dem Gemüse. Frühmorgens zeigt sich im Garten, dort, wo man noch abends zuvor nichts bemerkt hatte, eine grosse, grüne Gurke. Plötzlich und unvermutet. Gurken — so sagt man — wachsen über Nacht, wenn kein Mensch es sieht. Und genau so Avachsen auch die grossen Männer! Irgend ein armseliger Jude, irgend ein Schmelke aus der niedrigsten Masse von Kabzansk, ist plötzlich — wer merkte was?, wer wusste Avas? — aus der Erde herausgekrochen. Und Heil Dir, Kabzansk! mit deiner Gurke und mit dem neu aufgeblühten Reb Schmelke! Sag Segenssprüche, AArie auf eine Erstlingsfrucht, auf Reb Schmelke! Schmelke ist heut der Kabzansker Pächter. Schmelke ist Faktor auf dem Gute, Schmelke der ganze Macher im Orte und hoch erhaben. Zwar im Hebräischen ist Schmelke nicht ganz sicher und kein Gelehrter von Geist uud Schärfe. Aber scharf und gross ist seine Frömmigkeit. So gläubig wie er, rindest du keinen zweiten auf der Welt. Was er nicht verstehen kann, glaubt er. An Gott und auch an den Teufel, glaubt an Träume und Wunder, an Zauberei und Besprechung. Und die gute Eigenschaft muss man ihm auch nachrühmen: so gross er sich Kleinen gegenüber tühlt, so klein hält er sich Grossen gegenüber. Und so leidenschaftlich er nach einem Stückchen Ehre im Städtchen strebt, so sehr verzichtet er im Gutshof auf Ehre. Mögen die Gutsleute ihn noch so grimmig verspotten, ihm machts nichts aus. Und so kühnlich er unter den Seinen die Zunge rührt, so erstickt ihm die Stimme und so erzittert er vor einem Blick des Gutsherrn. Seitdem Beb Schmelke eben Reb Schmelke ist, drängt es ihn gar stark, den Platz derLeibeles zu besitzen; denn er weiss doch sehr gut, dass dieser Platz seine Stellung sehr heben wird. Sobald er jenen Platz an der Misrachwand bekommt, dicht an der heiligen Lade, kann er seinen Gebetmantel schon mit einer Tresse von feinem Silber schmücken und er kann dann mit gutem Rechte nach allgemeiner Meinung als Sechster zur Tora aufgerufen werden — eine Ehrung! hm! hm! — und den Titel „Morenu" beanspruchen — ein Glück, ein grösseres und höheres findest du bei Juden nicht. — Nur wenn er daran dachte, dass der Gutsherr den Platz besasp, verging ihm wirklich ganz der- Mut, und er liess die Nase hängen. Und wenn die Gemeinde sprach: Gewalt, Reb Schmelke! Wann wird endlich unser heiliges Plätzchen befreit werden von den Händen der Christen? Dann pflegte Reb Schmelke mit frommen Seufzerchen zu antworten: Wartet, Brüderchen, bis der liebe Gott sich erbarmen und ein Wunder tun wird, und überstürzet es nicht! Ja, Reb Schmelke ist eine Gurke von jener Art, die am Ende des Sommers wächst, wenn auf Gottes Welt der Golus des Winters naht. Gelb ist die Gurke, krumm und verbogen, nicht so, wie eine Gurke sein soll, nein: hart, bitter, vertrocknet bis auf den letzten Tropfen Saft. Und solch eine Gurke war Reb Schmelke! Wenn aber Reb Schmelke eine gelbe, verkrümmte Gnrke ist, dann ist Chaikel-Chajim ein neuer frischer palästinensischer Ethrog. — Chaikel-Chajim wohnt in der neuen Stadt. So nämlich heisst jener kleine Teil von Kabzansk, der jenseits des Flüsschens über der Brücke liegt. Ein bischen freier ist dort schon die Luft und die Einwohner sind schon nicht mehr ... so . . . so . . . Dort lässt man auch schon ein bischen Irdischkeit gelten. Die Alt-Kabzansker rümpfen die Nase über sie. Jene scheinen ihnen etwas gröber zu sein, und mit der Jüdischkeit ist dort auch nicht alles in Ordnung. . . Der Glanz von der neuen Stadt — Neu- Kabzansk, wie man's nennt, — war Chaikel Chajim. Dort ward er geboren seinem Vater, — er ruhe in Frieden — der ein rechter Bürgersmann war und ein "Verwandter von den Leibeies. Dort war er aufgewachsen, dort hat er geheiratet, und dorten wohnte er bis zu dieser Zeit, und heute mag er 40 Jahre alt sein. Ungefähr. Chaikel- Chajim ist schon ein bischeu moderner, hat alle guten Eigenheiten moderner Bildung (wenn man davon sprechen kann) und weiss alles, was man nur wünscht. Wollt ihr Talmud lernen — er kann lernen, und wie? Mit den feinsten DrehungeD, scharfsinnig und tief; heut nennt mau das psychologisch, und er dringt mit allen Feinheiten tief in die Geheimnisse hinein. Wollt ihr Politik — er ist ein Politiker. Wollt ihr Philosophie — er ist ein Philosoph. Kurz — er ist ein ganz moderner Gehirnmensch, und deshalb hat sich auch Alt-Kabzansk mit ihm abgefunden. Ja, sogar es würde fast auf ihn schwören, weil er ein gutes Herz hatte, sich feiu benahm, selbst für den niedrigsten zugänglich war; aber geradezu lieb gewannen sie ihn, als er sich ganz zu ihnen schlug und von dem neuen Beth- Hamidrasch in Neu-Kabzansk zu ihnen ins alte übersiedelte. Warum er das eigentlich tat? Dafür gibts eine Menge Deutungen. Aber das tut doch schliesslich nichts zur Sache. Er hatte eben Alt-Kabzansk lieb; und Alt- Kabzansk hatte ihn lieb, und damit Punkt. Die Klaus nahm Chaikel-Chajim herzlich auf. Sein Platz war am Ofen. Andere bessere Stände waren jetzt nicht frei, aber der Platz am Ofen ist auch nicht schlecht. Er hat so seine besonderen Zauber, die die Menschen locken wie Magneten. Es ist ein stilles Plätzchen für die feineren Seelen unter den schlichten Leuten. Man kann sich dort wärmen, in ein Buch hineinblicken.