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Ost und West · 1906-10-01 · Heft 10-11 (Oktober-November 1906) · p. Seite 735 - 736

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 10-11 (Oktober-November 1906)
Article
Von einem Platze an der Misrach-Wand
Date
1906-10-01
Page
Seite 735 - 736 (sequence 2)
Language
German
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735 Mendeie Moeher Sephorim: Von einem Platze an der Misrach-Wand. 736 dein Monats Vorsteher, der adligsten Familie.in der ganzen Gemeinde, auf die Kabzansk nicht wenig stolz war. Jenen Platz an der Misrach-Wand vererbte der Ahne auf den Sohn, und so gings wreiter bis auf Reb Eljokim Gezel, der auch ein braver Mann war, sehr einfiussreich und die rechte Hand des Graten, des Herrn von Kabzansk und anderer grosser,.. Majorate. Reb Eljakim Gezel hatte Kabzansk vom Grafen gepachtet; und er war ein reicher Mann. Man schätzte ihn auf 3 bis 4 Säcke Gold. Sein Erbe — eine grosse vornehme Ausspannung in guter Bürgerlichkeit und mit einem Boden voll Heu, das — sehlecht gerechnet — schöne, gute etliche hundert Rubel wert seih mochte. Ja, es ist sogar die Möglichkeit, dass es noch ein bischen mehr wert war. Sein Reichtum, seine Grösse gingen fast über die Grenzen der natürlichen Möglichkeit. "Was heisst Grösse! Gross, nicht nur deswegen, weil jüdische Kinder vor ihm wie Espenlaub zitterten, ja mit Ehrfurcht in sein lichtiges, königliches Antlitz schauten und sich labten an seiner breiten Behäbigkeit, mit der er z. B. auf seinem Misrach-Platze sass. Den greisgrauen Bart zerflossen, den Talles mit den glitzernden Tressen über dem Kopte, sich hin- und herschaukelnd — es war eine Pracht! — Nein, das war noch gar nichts! Dass Juden ihn schätzten, wem kann das imponieren? Sondern was denn? Sogar Christen neigten sich vor ihm und nannten ihn nur: Unser Alakum! (Gezel konnten sie nicht aussprechen, das war ihnen zu schwer). Der Oekonom des Gutes und manchmal auch direkt des Graten Kammerdiener in seiner betressten Uniform und den messingnen Knöpfen pflegten Sabbat und Pesttag zu kommen, um bei ihm Fisch zu essen. Vor Pesach pflegte Gezel vom Gute Weizen zuMazzoth zubekommen und ein paar Truthähne — als wäre es eine feste Yeveinbarung. Als er sein jüngstes Töchterchen verheiratete, war die Braut morgens nach der Hochzeit, begleitet von den Eltern und Schwiegereltern und den Hochzeitsmusikern, zum Grafen aufs Gut gegangen und hatte mit eigener Hand dem Grafen ein Tablett voller Süssigkeiten vom Hochzeitsschmaus gebracht: Lebkuchen und Eingemachtes, Strudel und Königskuchen. Der Graf hatte die Geschenke mit merkwürdig süssem Lächeln angenommen und auf das Tablett einen güldenen Imperial gelegt als Hochzeitsgeschenk und in einer zermischten Rede, die einem den Kopf wirr machen konnte, alle seine hebräischen Brocken einzuflicken sich bemüht. Vom Chosen sprach er, vom Pekele, vom Zizzele, Chussid und Talmud — der Teufel weiss, was er damit gemeint hat (vielleicht ist das bei Graten so die Sitte). Und dann hat er der Braut in die Wange geknifien, sie gestreichelt und „holdes Mädchen" genannt, sie wieder gekniffen, wieder gestreichelt und dann Eljakim gnädige Worte zugerufen. Was ist da „Ehrung'*, was ist da „Grösse"? Wie armselig sind doch diese Worte! Aber der Herr sitzt droben im Himmel. Was vermögen wir gegen ihn? Er sitzt und dreht das Weltenrad, grad so wie es in dem Gebete heisst: wer erhöht wird und wer sinkt. Und so drehte sich bald das Ead und — Eljakim Gezel sank herab. Und blieb ein Bettler! Ach, Bettler wäre schliesslich noch nicht gar so schlimm. Denn Bettler sind doch alle Kabzansker Juden. Mir nicht, dir nicht — ja, deswegen lebt man doch Gott sei Dank. Mal nicht satt essen, mal nicht satt trinken; was macht das schliesslich aus? Man soll sich nicht versündigen. Man schleppt sein bischen Leben hin und stirbt, so wie die feinen Leut'. Die sterben auch. Aber Gezel wurde nicht ein gewöhnlicher Bettler, sondern ein doppelt geschlagener, tief verschuldete]-. Wurde ist eigentlich falsch. Denn im Grunde war er nie der reiche Mann, als den man ihn geschätzt hatte. Kabzansk hatte ihn einfach zum reichen Mann gestempelt, ihn in die Höhe gedrückt. Und in die Höhe gedrückt, musste er, wie's nun mal so geht, sich oben halten. Kabzansk war direkt gezwungen, ihn für einen Reichen auszugeben — um von ihm recht reichlich Almosen herauszudrücken. Und er — so sehr ihm ach und wehe war — musste eben geben. So geht's nun mal bei uns Juden. Und das Ende vom Liede war wie gewöhnlich — leergebrannt. An Barem war kein Groschen da. Schulden bis über die Ohren. Zum Ertrinken! Die Pachtrate hatte er schon eine Zeit lang nicht bezahlt. Für den Branntwein hatte der Gutsherr auch noch viel zu bekommen. Die Gläubiger kommen und kommen, bestürmen ihn mit Mahnungen und Forderungen, und die Antwort war — wie's gewöhnlich bei Kaufleuten ist — der Bankrott. Doch Reb Eljakim Gezel, der Mann mit dem guten Herzen, konnte das Leid nicht überwinden und härmte sich in den Tod. Der Gutsherr nahm ihm das Haus, legte Arrest auf die Wertsachen und — auf den Platz an der Misrachwand in der Klaus. Das Hausgesinde Reb Eljakim Gezel's verstreute sich in alle Winde. Mit den Leibeies wars zu Ende. Der Pld-tz an der Misrach-Wand steht leer und sieht aus wie eine arme Witwe. Lieb ist die Stelle so manchem, dem Herzen lieb und wert. Aber was fängt man nur mit dem Gutsherrn an? Er ist — wie jeder Magnat — launisch, wie jeder Herr -— ein bischen wunderlich. Und so muss er — ausgerechnet! — einen Stand am heiligen Ort der Juden haben. Wie muss es jüdische Seelen schmerzen, wenn der Ort, wo früher ein Geschlecht wie die Leibeies gesessen, und so ein Reb Eljakim Gezel, auf dem sichtbar der Abglanz Gottes geruht, nun dem christlichen Gutsherrn gehörte. Und wie, wenn es dem Herrn einmal einfallen sollte, sich in die Vorstandswahl zu mischen und sich darum zu reissen, am Simchas Thorah die liebe heilige Thora um die Schul zu tragen! Ach es ist ein schweres Leid. Allein, sich von dieser Golus-Last zu befreien und mit dem Misrach-Platz zugleich die heilige Schul aus der Hand des Fremdlings zu befreien — dazu fühlte sich die Kabzansker Gemeinde zu schwach und zu arm

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