Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1906)
- Article
- Von Max Jungmanns "Dornen"
- Date
- 1906-10-01
- Page
- Seite 729 - 730 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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729 Dr. Theodor Zlocisti, Berlin: Von Max Jungmanns ..Dornen" 730 E. K. LISKA. HAGAR IN DER WUESTE. Waffe geschliffen. Und die Verletzungen mit so geschärften Eapieren können darum auch heilsam wirken wie die Wunden, die das Skalpell des Arztes setzt. Hier aber liegt, die Grenzlinie, welche die grossen nationalen Satyriker von den Jongleuren des Witzes trennt. Adelt sich jenen die Verbitterung der eigenen Seele zur Erhebung der anderen, so wird diesem die eigene Erhebung zur Verbitterung der anderen. Fühlt sich der nationale Satyriber im Innern immer nur als ein zertretener Wurnv so steht der Akrobat des Spottes oben auf dem Schaugerüste. Und von dieser „hohen Warte", wo er sein eigenes Ich nicht mehr im Spiegel seiner Mitbürger wiedersieht, blickt er auf das Treiben spöttisch hernieder. — Seine geschärften Sinne spüren die immanente Torheit auf, die in allem Menschentum liegt — liegen muss, weil unser menschlicher Grössenwahn keine Distanz zum Kosmos finden kann. . Kein Gebiet der Kunst trägt so reichlich Keime der Entartung in sich wie die Satyre. Droht jedem Künstler die Gefahr durch die sich immer mehr weitende Herrschaft über die Form zum Könner und Macher herabzusinken, so - wird der Satyriker zum Akrobaten, der nur eine neue ..Nummer" aufzieht: er kann von den tragischen Antrieben seiner Kunst, die im Gemüte liegen, um so leichter abgeschnürt werden, weil sein Werk ein Feuerwerk des Geistes ist, und Fortschritt nicht durch den wachsenden. Reichtum seines Gemüts - lebens, sondern durch die : Höherentwicklung seines die Dinge schärfer beobachtenden und seltsam verknüpfenden Verstandes bedingt ist. Er spottet des Spottes willen. Sein Hohn ist Schadenfreude. Sadistische Lust an den Wunden ist sein Hieb — ein herzloser Künstler. Ist es ein Zufall, dass gerade aus jüdischem Stamme dieser kalten Satyriker so viele sprossen? Denen die Masse eine Zeit lang zujubelt, weil, ja immer die — andern gemeint sind. Aber sie blühen am Morgen: und am Abend sind sie verdorrt — Spassmacher ohne heiligen Ernst, ohne die Kraft und ohne den Willen zu sittlicher Erhebung! Die Tragödie des Judentums, das grausame Geschick verzwungener Heimatlosigkeit hatte ihre Seelen verbittert. Allein, indem sie sich ablösen von dem nährenden Wurzelboden und sein vergessen, verlor ihr Intellektualismus, den ein jahrtausendlanges Martyrium aufgezüchtet hatte, sein ethisches Ziel und wurde das Instrument scharfer Satyre voller Geist und ohne Plan. Ganz gleich, ob sie ihre giftigen Pfeile schleudern gegen die Sitten Anderer oder die ehrwürdige Tra dition ihres Stammes — ihr Wurfspiel wird zum süffisanten Selbstzweck. Und dass die Satyre einst ihren Ausgang nahm von der — Predigt, vom warnenden Prophetenworte, ist selbst unter schärfster Lupe nicht mehr zu erkennen. 4*