Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1906)
- Article
- Von Max Jungmanns "Dornen"
- Date
- 1906-10-01
- Page
- Seite 731 - 732 (sequence 5)
- Language
- German
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731 Dr. Theodor Zlocisti, Berlin: Von Max Jungmanns Dornen1'. 732 Tritt mau dem zerklüfteten Problem des Judenvolkes auch von dieser Ecke her näher, so lichtet sich die Dichte der Nebel. Die Wunder, die sich dem rohen Blick entziehen, enthüllen ihre Schöpferkraft in der siegenden Seele des jüdischen Künstlers. Niedergang und Aufstieg, Zerrissenheit und Geschlossenheit — auch sie sind sichtbarer Ausdruck der inneren Verknüpfung des Schaffenden mit seiner Gemeinschaft : der Abschnürung wie des Verwachsenseins. Der Wille aber zur jüdischen Eigenart ist tieferen Seelen nur die Sehnsucht nach Ganzheit. Er gab eine Heimat im Geiste, er gab der Abwehr feindlicher Angriffe, die einst nur eine tote Geste und die verärgerte Miene des Gekränkten war, die Macht und die Leidenschaft des Kampfes. Er gab aber auch die Pflicht, schwärendes Uebel aufzudecken und die Schädlinge zu strafen — nicht mit der Gleichmut des Büttels, sondern mit der tiefen Ergriffenheit des Erziehers: der Satyriker konnte wieder zum Prediger werden. Nur so will Jungmanns Satyre verstanden sein. Mit fanatischer Offenheit rückt er den Feinden Israels auf den Leib. Er kämpft nicht mit „Psokim" — er schlägt mit dorniger Peitsche um sich. Seine Abwehr ist der Angriff. Er gibt keine „ethischen Belegstellen" — er reisst der heuchlerischen „Liebe" ihre schamlos-verlogene Maske vom Gesicht. Was nützen alle Theorieen: an ihren Früchten lehrt er jene „Liebe" werten, die nur ein — blutiger Witz der Weltgeschichte ist. Jungmann stellt uns die frommen Beterseelen in Unterhosen vor. Dann kommt ihr Heiligenschein erst zur rechten Wirkung. Wahrlich! Es sind keine Schemen, die er zitiert. In unsern Tagen laufen die leibhaften Gesellen in Eudeln umher. Es bedarf keiner Entdeckerfahrten, um sie zu finden. Ein Blick auf Kussland — und man hat die ganze Bescherung! Wie herrlich ist dort die Heilssaat der „Liebe" aufgeblüht. Sie liessen die Kindlein der Juden zu sich kommen und stachen ihnen die Augen aus. Und wie eifrig waren sie in Kischinew und Hornel und Bialystok bemüht, für Witwen und Waisen — zu sorgen! Und nun kommt ein Satyriker und schreit um Rache. Das ist die ethische Rückständigkeit der Juden! Wie ist da die Kultur des Westens so ungleich viel höher: Sie will ihren Segen spenden „den Nahen und den Fernen" — den Nahen mit dem Bajonett, den Fernen mit der Kanone. Diese Heiligen gedeihen auf deutscher Erde so gut wie in Oesterreich. Aber hier sind die Engelein gefirnisst. Doch Jungmann kratzt ihrer verlogenen Menschen- und Tierliebe den Firnis herunter, und das gibt eine köstliche, knisternde Melodie. Jeder Tag gibt neue Offenbarung. Man braucht die Augen nur zu öffnen und den Mut zum Sehen zu haben. So sind Jungmanns Satyren Zeitgedichte. Aber sie wachsen darüber hinaus. In dem Vergänglichen sucht er das Ewige; aus dem Bedingten schält er das Typische heraus, aus den Vorwänden die letzten treibenden Ursachen: die Barbarei des Hasses. Das ist eine schmerzhafte Erkenntnis. Aber sie gibt neue Ziele. Mit dem Hasse, der sich an uns drängt, gibt es keinen Frieden. Aus stumpfer Lethargie heraus zur Selbstwehr. Ein neues Geschlecht der Makkabäer reift heran, das sich nicht mehr widerstandslos hinschlachten lassen will. Und sinken sie, dann soll man sie preisen und nicht beklagen. Diesen Helden stellt Jungmann die Winsler und Kriecher und Um-die-Ecke-Schieler gegenüber. Er beklagt sie nicht — er klagt sie an. Er peitscht sie durch Dornenhecken, dass sie zerrissen werden. Und er — er blutet selbst aus tausend Wunden. . So hart sein Hieb auf unsere Feinde fällt, und so rüeksichtenlos sein Racheruf tönt, sein ätzender Spott gegen die „Kammerknechte" verätzt seine Seele am schwersten. Er flucht, weil er segnen möchte. Er führt uns lachend seinen Weg. Aber wir werden des Lachens nicht froh: es ist ein Lachen unter Tränen. Sein Spott ist ganz durchtränkt mit Wehmut. Alle Bitternis adelt der hoffende Blick zur Höhe — und jeder Blick zur Höhe ist umdüstert durch Bitternis: das ist die Tragik in der Seele des Spötters. Zugleich aber ethischer Feingehalt.*) Dieser ethisch - pädagogische Charakter in Jungmanns Dichtung drängt sich nie in plumper Behäbigkeit auf. Er offenbart sich in den dunkeln Untertönen, die in der prickelnden Melodie seiner Verse mitklingen. In wundersam abgestimmten Rythmen sprüht das Mousseux dieses satyrischen Geistes: bald in brausenden Fanfaren und dann wieder der hüpfende, tändelnde, tänzelnde Rythmus von possierlich nachempfundener Zierlichkeit und artiger Schmiegsamkeit. Die Tänze wechseln und die Spiele. Dem graziösen Menuett folgt ein Hopser, bei dem das arme Opfer im wilden Wirbel geschleudert wird, dass ihm das Gedärm unter der dicken Fettschicht schaukelt. Bald ist es ein fröhliches Boxen und die gar so dünnen Knöchlein krachen. Bald wieder die Lust des Knaben, der den Gefesselten mit dem Strohhalm in Ohr und Nase kitzelt. Es ist ein spitziges Spiel mit dem Feigen und dem Verräter. Jungmann schleicht nicht an seine Opfer heran, um dann von hinten her den niederschmetternden Hieb zu versetzen. Er maltraitiert sie langsam, gliederweis. Aber die Pointe des letzten wuchtigsten Schlages trifft — ihn selbst! . . . Diese Kunst der geflickten Herzen kann nie Selbstbefreiung sein. Wem ein Frühlingslied sich wandelt zu „einem Lied der Rache", wem die Lust am Lenze sich nicht erhebt zur Erneuung der Seele und zum Dankgebet für den Schöpfer aller Dinge, der sieht das regenerierte Judentum nur von der Ferne und Höhe des Neboberges. Und nur in der Freiheit wird der Sang der ganzen Herzen blühen.. . *) Das Werk, dein diese Betrachtung gilt, führt den Titel: Max Jungmann, „Dornen", und ist vom Verlage Leonhard Simion Nf. (Berlin 1906) geschmackvollschlicht ausgestattet worden.