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Ost und West · 1906-10-01 · Heft 10-11 (Oktober-November 1906) · p. Seite 727 - 728

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 10-11 (Oktober-November 1906)
Article
Von Max Jungmanns "Dornen"
Date
1906-10-01
Page
Seite 727 - 728 (sequence 3)
Language
German
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727 Dr. Theodor Zlocisti, Berlin: Von Max Jungmanns „Dornen' 728 Denn laut war das Hep-Hep, selbst wenn es nur die — Augen unserer christlichen G-enossen schrieen. Und alle an Zukunftsträumen gewachsene Ganzheit war nie wie aus einem Guss. Sie ist mosaikartig zusammengesetzt, und das feinere Auge sieht noch die Fugen zwischen den einzelnen Sternchen. Dieses Gefühl des Doch-nicht-Ganzen, das jede jüdische Künstlerseele niederbeugt und das gleichstarke heimat- und jugendlose Individualitäten unseres Stammes weit von den wurzelfesten bodenständigen Dichtern scheidet, hat Jungmann in seiner kraftvollen Pointiertheit festgehalten. Mir haben die Sorgen ein grosses Loch Ins Herz hineingefressen, Da hat meine Mutter den langen Tag An der Nähmaschine gesessen Und hat es mit Fäden von Hanf geflickt, — Nun pocht es wieder und tickt es. Nun hao ich wieder ein ganzes Herz, Aber freilich nur ein geflicktes. Die Gedichte „Meine Jugend" und „Mein Herz'' sind Glieder einer Liederkette, die Jungmann seiner Sammlung angefügt hat. Fast wie einen Anhang. Schliessen sie auch den Reigen, so sind sie es doch, die das psychologische Verständnis für Jungmanns Kunst ermöglichen. Jungmann fügt sie t GERBRANDT VAN DEN EECKHOUT. MUENCHEN, PINAKOTHEK. Die Verstossung der Hagar. aneinander unter dem gemeinsamen Namen: Sinnen und Sehnen. Es klingt so weich und fast sentimentalisch, und wer hinter der herben und massiven Form den Weg zur Zartheit der dichterischen Stimmung und der tiefen Innigkeit nicht finden kann; möchte versucht sein, im „Sinnen und Sehnen" nur die abgenutzten Aushängeschilder lyrischer Dutzendmännlein zu sehen. Dem ist aber nicht so. In Jungmanns Kunst muss man. die seelischen Antriebe streng von den Ausdrucksformen scheiden Der tiefe Judenschmerz will sich nicht in seiner Nacktheit offenbaren. Durchwühlt von der ganzen Tragik Israels, vermeidet er es mit einem gewissen Stolz, die tausend blutenden Risse und die kaum verharschten Wunden seiner Seele aufzudecken und die heimlichsten Gefühle wirr-treibender Hoffnung und die erzwungenen Resignationen in ihrer Artung blosszulegen und ihre letzten Ursachen klagend zu analysieren. Er hat die heilige Scheu, dass nicht ein fremdes Auge in die lauschigen Winkel seines Seelengeländes blicke, und türmt kantige Quadern wie eine Mauer um das Sanctissimum seines Lebens: Ach, dass ich armer, armer Knabe Kein Tränlein in den Augen habe! Oft ist mirs wie ein lüsternes Verlangen Nach diesem Trost in Stunden banger Trauer! Doch meine Wimpern stehn wie eine Mauer Und halten streng die Tränen mir gefangen. Gewaltsam wird der Sturm des Innenlebens niedergehalten. Und die Kraft, die aus den harten Tönen springt, wächst nicht aus der einheitlichen, ungebrochenen Seele des Giganten. Sie ist der Trotz, der die flatternden Unruhen, die qualvollen Aengste verbirgt und sich nur in den wuchtigen Akkorden einer elementaren Leidenschaft äussern mag. Was in Jungmanns Versen oft wie hartes Gestein erscheint, ist doch nur erstarrte Lava; eh sie an die Oberfläche geschleudert ward, in der Lohe der Seele — ein Strom von Gluten. Nur aus dieser Psychogenese heraus finden wir den Weg zu dem eigenartigen Charakter in Jungmanns Satyre. Die ganz persönliche Note ergiebt sich daraus, dass ihm die seelischen Antriebe seines künstlerischen Geisseischwingens bewusst sind — wenn er sie auch versteckt. Die Dornen, mit denen er den Feind unserer Gemeinschaft und die schwammigen Schwächlinge im eigenen Lager peitscht, zerreissen seine eigene Seele und die Hand. Man fühlt, dass es dem Dichter ernst ist um seine Scherze. Aller Satyre letzter Quell ist gewiss die Verbitterung. Fliegende Ideale müssen im Staub gelandet sein. Das Leben muss junges Hoffen zerbrochen und stolze Träume herniedergerissen haben, wie Laub, das der erste Sommer wind gemäht. Satyre ist die Rache, die an den Menschen genommen wird für die Wunden, die — das Schicksal, geschlagen. Die Waffe des Satyrikers ist der Humor. Aber an der Tragik wird diese

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