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Ost und West · 1906-10-01 · Heft 10-11 (Oktober-November 1906) · p. Seite 725 - 726

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 10-11 (Oktober-November 1906)
Article
Von Max Jungmanns "Dornen"
Date
1906-10-01
Page
Seite 725 - 726 (sequence 2)
Language
German
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725 Dr. Theodor Zlocisti, Berlin: Von Max juiigmanns „Dornen" 726 GOVERT FLINCK. Die Wirklichkeit verliert Härten und Kanten in der zarten Umarmung der Träume. Und die Träume gewinnen stützendes Gerüste im Leben der Wirklichkeit. Aber die Jahre nahen und treiben die JugeDd mit drohend geschwungenen Flammenschwertern hinaus aus dem stillen Paradies der Träume. Den Vielen türmen sich hohe Mauern, die für immer das windstille Traumland der Jugend trennen von der rauhen Luft irdischen Lebens, das nun ihr Teil ist. Aber die Wenigen, auf deren Seele wie eine schmerzlich-süsse Last der Abglanz Gottes ruht, werden durch ihr ganzes Leben die schmalen Pfade kennen, deren phantastische Gewundenheit zurückführen könnte zu einer Höhe, von der das alte Jugendland winkt. Das sind die Dichter. Und doch: auch ihnen ist es ein Land, zu dem nur ihre Sehnsucht fliegt; mit um so heisserer Gier, je kälter das Leben ist, das sie umspült. Jugendzeit: die Heimat des Dichters ist sie: und seine glühendsten Träume, seine reinsten Gedanken wird er um jene stillen Stunden ranken und die ganze Süsse seiner Melancholie: denn verblühte Jugendzeit ist das verlorene Paradies. Hat je ein jüdischer Golusdichter von goldener Jugendzeit gesungen? Ihre Wonnen hat er nie gespürt, und wenn er, geschüttelt vom Leben, vom Kampfe zermürbt, die Erinnerung, heimsendet zu den Kindheitsjahren — sie bringt keinen Trost und keinen Frieden und nicht das Lächeln weltvergessenden Glückes. Sie weckt nur alte Schmerzen. Die Fluchworte, die wie vergiftete Pfeile in die Kindesseele einst drangen, werden wieder lebendig. Dunkle Schatten steigen aus den Tiefen der Zeiten auf Und die neue Kraft bringen sollte, die Erinnerung, gibt nur neue Qualen. So kommt die Zerrissenheit in die Seele des jung-jüdischen Dichters. Durch sein Lied wird es immer klingen wie ein leises ohnmächtiges Stöhnen. Die grauen Dämmer des Abends werden sich über seine Gesichte weiten. Aber die Finsternisse der Nacht werden sie ganz verhüllen, wenn die Traumbilder der Jugend aufsteigen, und das Lied wird zur Nenie. Hier aber scheiden sich die Dichterindividualitäten. Wird der sentimentalische Lyriker versinken in den vererbten Traum der Seele, wird Verstossung der Hagar. BERLIN, GALLER1E. eine qualvolle Jugendzeit, die keine Macht mehr zu einer freudigen wandeln kann, seinen Reichtum begraben — so wird die trotzigere Künstlernatur zunächst die dunklen Jugenderinnerungen von sich schütteln. Der erste Schritt in die Höhe geht auf den Grabhügel, unter dem die böse Jugendzeit liegt. „Ich haV meine Jugend begraben, Begraben zur Ewigkeit, Die Nachtigallen gaben Der Toten das letzte Geleit. Iis klang wie Weinen und Klagen Erschütternd durch die Luft, Doch ich — ich stand mit Behagen, Vergnügt vor der schwarzen Gruft. Und lächelnd hob ich die Hände Und rief der stürzenden zu: Nun bist du glücklich am Ende, Nun haben wir beide "Ruh! Nie werd ich den Hymnus singen Für deine Seligkeit, Dich möge die Hölle verschlingen, Verdammte Jugendzeit. Nicht aus dem Brunnen seiner dahingegangenen .lugend, aus fernen, lichten Zukunftsidealen kann er Genesung schöpfen. Darum gab dem jüdischen Dichter unserer Tage der zionistische Traum die Kräfte, die Heinrich Heine aus dem Traum von Menschenfreiheit und Menschengleichheit gewann. Freilich konnten die Zukunftsmelodien niemals den Hall der Hep-Heprnfe aus der Jugend übertönen. 4

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