Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1906)
- Article
- Abraham in der bildenden Kunst
- Date
- 1906-10-01
- Page
- Seite 717 - 718 (sequence 9)
- Language
- German
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71? ü. Kutna: Abraham in der bildenden Kunst. 718 Moreau-Museum, Paris), auf der die beiden EngeL durch die weiten Lüfte herankommen, schweigend?, ernst den Schicksalsblick mit sich tragend. . Einem Kopf der Frau Lots voll Schrecknis und Starre hat Pierre Roche recht wirkungsvoll in einer Bleiskulptur geschaffen. Lot und seine Töchter wurden in der früheren Kunst wenig dargestellt; der naive Geist der Wiener Genesis fand keinen Anstoss daran, der späteren Zeit jedoch widerstrebt der Gegenstand oft. Das Malerbuch hat ihn nicht, an der Käthedrale von Laon ist das Medaillon für Lot und seine Töchter leer gelassen. Um so zahlreicher stellte die neuere Kunst die Szene dar, wogegen die moderne wieder nicht mehr unbefangen genug dazu ist. Von den Darstellungen stehen nicht viele auf der Höhe; die lüsterne Zierlichkeit, die sich bei vielen bemerkbar macht, verstimmt am meisten. Dies ist von Lucas Cranach (Venedig, Akademie) zu sagen; in den niedlich geputzten Dämchen und der senilen Lüsternheit Lots prägt sich ausgesuchte Schlüpfrigkeit aus. Ebenso unwahr wirkt das liebesselige Gebaren Lots gegenüber den kokottenhaft geschmückten Töchtern auf dem Bilde des Jan Matsys (Wien); Sittenanschauung primitiven Menschentums und orientalische Sehnsucht nach Mutterschaft erscheinen als raffiniertes Dirnentum. Blätter von Ph. Galle P. v. d. Borcht, Bilder von Adriaen van der Wer ff, Jos Heinz d.Ae. bieten weitere Beispiele dieser Art. Die Italiener wahren mehr Würde, ermangeln aber des Hauchs der Erotik und wirken übermässig kulturell: Guido Reni (London, danach ein als Spanische Schule bezeichnetes Bild in Cöln) ist akademisch und modell- A. VAN DE WERFF. DRESDEN, GEMAELDEG ALLERIE. Lot mit seinen Töchtern. J. HEINZ. DRESDEN, GEMAELDEGALLERiE. Lot mit seinen Töchtern. mässig, Guercino (Dresden) gibt eine geschmackvolle, aber nichtssagende Idylle. Ueppige Schwüle liegt auf dem Bilde von Jac. Palma d. j. (Amsterdam), der Vater ist trunken, die nackten Töchter tun ihm schön. Die Franzosen bevorzugen die Szene in der Graphik und der Emailmalerei und steigern die schlüpfrige Wirkung durch geglättete Behandlung, künstliche Naivität und moralisierenden Schein. Auf einer Emailschüssel von Pierre Reymond, (Paris, Musee Cluny) umfängt Lot eine Tochter, während ihm gegenüber unterhalb des Hügels seine Frau erstarrt steht und Menschen aus der brennenden Stadt fliehen. Eine Beischrift eines Blattes vo^ J. C. Chereau schliesst frommtuerisch frivol: „Par ce trait le livre divin — Nous donne un Exemple terrible, — Et fait voir que l'exces du vin — Peut prodüire un exces horrible." Grazie hilft hier nicht. Dem Gegenstand gerecht werden kann nur eine Darstellung naturwüchsigen Menschendaseins mit elementarer Physiognomie. Derartiges gibt Rubens. Ansprechend ist auch die Behandlung auf Blättern der deutschen Kleinmeister; alles scheint beziehungslos und ist rein szenisch gegeben. Derbes Liebesgebaren und trunkene Ungezwungenheit in einer Gruppe von lebhafter Silhouette, neutral in der Charakteristik, altdeutsch ornamental. Die lebensvolle Frische nimmt der Situation das Peinliche, das für modernes Empfinden den Eindruck beherrscht, und gibt Blättern wie denen von H. L. Schäufelein, C. W. E. Dietrich, G. Pencz u.a. eine einwandsfreie künstlerische Qualität. Von prächtigem Humor ist der singende alte Zecher auf einer Radierung nach Rembrandt von Jan Lievensz.