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Ost und West · 1906-10-01 · Heft 10-11 (Oktober-November 1906) · p. Seite 715 - 716

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 10-11 (Oktober-November 1906)
Article
Abraham in der bildenden Kunst
Date
1906-10-01
Page
Seite 715 - 716 (sequence 8)
Language
German
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715 G. Kutna: Abraham in der bildenden Kunst. 716 GUIDO RENI; LONDON, NATION AL-GALLERIE. Lot mit seinen Töchtern. Bei der Rettung Lots verhalten sich die Darstellungen der frühen Zeit sachlich illustrativ. In der Wiener Genesis flieht Lot mit vier Töchtern, vom Engel zur Eile angetrieben, aus der Stadt. Sie bedecken Mund und Nase, um den Schwefel nicht einzuatmen; Lots Weib steht rückgewandt, halb versteinert. Weiter sitzt er auf einem Hügel, lässt sich die Schale mit Wein füllen und ruht dann mit einer Tochter in enger Umarmung auf einem Polster, während zwei Frauengestalten vor ihnen stehen und mit Fingern auf sie weisen. Alles ist höchst naiv und kindlich, die willkürliche Fassung und die unbeholfene Form. Dem Ashburnham-Pentateuch fehlt dieses fabulierende Element; er schildert nüchterner und roher. In die mauerumschlossenen Städte regnet's Pech; Menschenköpfe verbildlichen die getötete Einwohnerschaft, aus der Stadt Zoar zieht Lot ins Gebirge. Aehnliches findet sich in Monreale und im Malerbuch vom Berge Athos. Dem späteren Mittelalter ist die Rettung Lots ein Paralleltypus zur Rettung Israels und der Errettung der Menschheit. Im einzelnen abweichend, bieten solche Symbolik ein oberrheinisches Glasgemälde der Stephanskirche in Mühlhausen, die Wandbilder der Kirche in Lichtenhain bei Jena und der Heilsspiegel. Das ändert sich im 15. Jahrhundert. Benozzo Gozzoli erzählt ein grauenvolles Ereignis in gruseligem Märchenstil: kriegerische Engelsgestalten schleudern Feuer vom Himmel, Gebäude stürzen ein, Balken brennen, durch Tore, Fenster und Gassen lohen die Flammen; Menschen klammern sich an das stürzende Gemäuer und von der berstenden Erde schiessen neue Flammen empor. Lot geht eilenden Fusses hinweg, die Töchter mit Habe hinter ihm, die Frau wendet sich mit erschreckter Geste um; kleine Hündchen laufen nebenher und beleben die geflissentliche Charakteristik mit genrehaftem Ohngefähr. Die Flucht Lots in der Bibel Rafaels hat klare Komposition und plastische Raumwirkung; die artistische Absicht überwiegt jedoch zu sehr und so wirkt die Motivbehandlung zufällig und spielerisch. (Was in seiner klassizistisch gesinnten Zeit J. W. Schirmer nicht abhielt, die figurale Komposition für seine Landschaft zu entlehnen.) Von feiner Bildwirkung, anmutsvoll und' malerisch ist das Bild Paul Veronese's im Louvre. Rubens' Darstellungen zeigen die schwellenden Rhythmen und die leuchtende Lebensfülle seiner Kunst. Wallende Gestalten ziehen aus dem Stadttor (Louvre), schöne Frauenleiber und grossschimmernde Augen füllen den prangenden Raum, und Teufelsungetüme durchjagen glühend die Luft, verderbenbringend der Stadt zu. In späteren Darstellungen zeigt sich wenig Eigenheit und viel Theatialik, was für die Graphiker wie Ph. Galle, Meister A. J., Peter van der Borcht u. a. wie auch später für S chn or r gilt. Bei G. D or e flieht Lot angstvoll durchschauert, mit brausender Gestik hinweg* auf das starre Antlitz des riickblickenden Weibes fällt das Licht der brennenden Stadt. Die Wirkung ist nicht rein, die Tragik ist durch stilistische Glätte neutralisiert. Von poetischer Eigenart ist die Skizze von Gustave Moreau (Gustave JAN LEVENSZ nach REMBRANDT. Lot mit seinen Töchtern. (Kupferstich-Kabinet, Berlin.)

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