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Ost und West · 1906-10-01 · Heft 10-11 (Oktober-November 1906) · p. Seite 695 - 696

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 10-11 (Oktober-November 1906)
Article
Orientalische Spagnolen
Date
1906-10-01
Page
Seite 695 - 696 (sequence 5)
Language
German
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695 Dr. Samuel Krauss: Orientalische Spagnolen. 696 ist, habe ich befremdender "Weise in den Händen eines christlichen Kunsthändlers gesehen; im Mittelpunkte der Plaquette sieht man die Bilder von Mose und Aron, an deren Rändern die Bilder der zwölf Kinder Israels, all^s in getriebener Arbeit, mit den entsprechenden hebräischen Inschriften. Eine arabische Aufschrift besagte ferner, dass das Werk aus der Bucharei stamme. In der Gasse der Goldarbeiter können wir unsere kairoaner Glaubensbrüder am besten studieren. Da gibt es schwerlich auch nur einen Laden, auch nur. ein Atelier, die nicht Juden gehöien würden. Da sitzen sie den ganzen Tag vor ihren Läden, bald eifrig arbeitend, bald mit den Nachbarn in freundlichem Gespräch. Da im Orient alles auf offener Strasse vor sich geht, so sagen wir nichts neues damit, dass diese Leute auch ihren Tmbiss auf der Strasse einnehmen, und nicht nur der schwarze Katfee, sondern auch die vielen Zuckertorten und sonstigen süssen Gebäcke hier verzehrt werden. Da sieht man hie und da auch hebräische Ladenschilder, aber keinesfalls so häufte, wie in grossen jüdischen Centren, etwa in Budapest, Wien, Warschau und New York. Auch die paar koscheren Gasthäuser, die man in der egyptiscb.en Hauptstadt findet, befinden sich in der Nähe dieser Judengasse, nur sind sie bezeichnender Weise nicht in sephardischen, sondern in aschkanasischen Händen, wie auch die Depots des zionistischen und des Rischon--!e- Zion-Weines. Das ist begreiflich, da ja Gasthäuser für Fremde da sind, und die Fremden sind zumeist europäische Zugereiste, also Aschkenasim. Ich selbst hatte meine Kost bei einem rumänischen Juden gehabt, mit dem sich ganz gut deutsch reden Hess. Die Tage von Pesach, als ich in Kairo war, gemahnen noch in anderer Weise, dass wir uns im Juden viertel befinden, denn viele Läden verkaufen Pesacli-Ware, darunter natürlich in erster Reihe Mazzoth. Die Mazzoth, wenigstens die ich in Kairo gesehen habe, sind dünne runde Fladen, ganz so wie in Deutschland, nicht aber dick, viereckig und netzartig durchlöchert, wie in Italien; wie kommt das? Sollte hier ein anderer sephardischer Ritus bestehen? Ich weiss es nicht. Wie man mir sagte, werden Mazzoth nur in Kairo gebacken, denn in anderen Städten de*1 Landes ist das Judentum weniger zahlreich, in Alexandria aber, wo die Juden wohl zahlreicher sind, habe die Regierung das Backen von Mazzoth verboten, weil die fanatischen Griechen, die in Alexandria zahlreich und mächtig sind, sonst die bekannte Beschuldigung gegen die Juden erheben würden. Natürlich befindet sich in dienen Rayon auch die gegenwärtig am stärksten besuchte Synagoge, das Gemeindehaus, die Kinderschule und das Rabbinat. Die Schule hat, wie mir Nachum Levi, einer der Lehrer, ein Mann, der viel gereist ist, und mich als Ungar, da er in Ungarn viel Gutes erfahren hat, freudig begrüsste, erzählte, sechs Lehrer, unter denen auch ein Kofte, also ein Christ, und zwei Moslims für die betreffenden Landessprachen; ausserdem haben sie einen französischen Professor, der die französische Sprache unterrichtet. In der Tat sprechen die meisten Juden, mit denen ich in Kairo sprach, ein korrektes Französisch. Unmittelbar vor Pesach, da man Ferien hält, konnte ich einen Unterricht leider nicht beiwohnen. Des. Rabbiners Amtslokal bietet ein wahres Bild . grossstädtischen Lebens. Die Klienten gehen aus und ein, Sekretäre und Diener haben mit ihnen vollauf zu tun. Was uns den Sitz eines Rabbiners sofort verrät, ist der grosse Büchersaal, in welchem in schmucken Kästen eine solche Menge von rahbinischen Büchern aufgestellt ist, die selbst einer öffentlichen Bibliothek zur Ehre gereichen würde. Seit Jahrhunderten wird sich der ganze jüdische Bücherschatz von Egypten in diesen Räumen aufgehäuft haben; dabei versicherte mir der Chacham Baschi, dass er in seiner Privatwohnung noch mehr Bücher habe. An eine öffentliche Einrichtung erinnert auch der Umstand, dass die Schränke mit passenden hebräischen Aufschriften und der ganze Saal mit hebräischen Sinnsprüchen versehen ist. Der Chacham Baschi, Rabbi Raphael Aron, ist ein Mann in den besten Jahren und eine stattliche Erscheinung. Er spricht lebhaft, wobei er eine sehr klangvolle Stimme entwickelt. Das Hebräische spricht er elegant und geläufig, ebenso das Französische, und gleichwohl ist nur das Arabische seine Muttersprache. Seinen Worten entnahm ich, dass er sich seines hehren Berufes als erster jüdischer Seelsorger des Landes vollauf bewusst ist, und dass sein ganzes Bestreben dahin geht, das Los des Judentums im Lande glücklich zu gestalten. „Die Regierung — sagte er — kennt nur uns Sephardim; die wenigen Aschkenasim verlieren sich ganz." Auf meine Frage, ob sich die Aschkenasim nicht vordrängten oder gar Streit mit den Spagnolen suchten, sagte erj dass hierzu absolut keine Gelegenheit sei. Sie leben in Frieden, sowohl nach innen, als nach aussen. Er sucht das Ansehen des Judentums zu heben, indem er jeden Unfug, jedes Unrecht im Familien- und geschäftlichen Leb-n zu hindern versteht. Das frühe Heiraten, besonders der Mädchen, wie es ehedem üblich war, hat ganz aufgehört, die Mädchen heiraten in dem „europäischen" Alter von 20 — 23 Jahren. Für die Erziehung der Mädchen ist besonders gesorgt; alle sprechen sie auch französisch, und die meisten stehen an Bildung mindestens auf der Höhe der in Kairo ansässigen europäischen Kolonien. Ein Uebel ist es, das er nicht genug beklagen kann, und das eben aus Europa, und zwar aus ashkenazischen Kreisen eingedrungen ist: die Prostitution, an der das jüdische weibliche Geschlecht sehr beteiligt ist. Dass gegen diese Schmach in Europa eine Bewegung im Zuge sei, davon wusste der Chachan Baschi nicht. Ich schied von dem Manne mit dem Gefühle der Befriedigung; er ist ein rechter Mann auf den rechten Posten. Die Sache der Geniza von Kairo, die in literarischen Kreisen so viel Sensation macht, lässt den Mann augenscheinlich kalt. Er riet mir ab, die tiefe Grube, in der die literarischen Schätze von S. Schechter und neuerdings von R. Gottheil aufgesucht werden (diese Namen nenne ich, nicht der Chacham Baschi), durchforschen zu wollen; ich hätte es dennoch getan, wenn ich die zu dem Orte nötigen Schlüssel hätte erlangen können; aber die Parnasim (Vorsteher) waren gerade verreist, und ohne diese liess sich nichts machen. Erwartungsvoll ging ich nach Alt- Kairo oder Fostat, dem Orte, der durch das Wirken Meimonides' auf ewige Zeiten Bedeutung für das Judentum hat. Dieses „dunkelste" Kairo ist von Juden noch immer stark besetzt; es waren jedoch mehr Knaben und Mädchen, nicht erwachsene Personen, die sich, sobald sie des Fremden ansichtig wurden, um mich her zusammenrotteten. Die elektrische Bahn durchschneidet vergebens diesen Stadtteil; er ist alt und mittelalterlich geblieben. So sind es auch enge schmutzige Gassen, durch die man zu den Behausungen der Juden gelangt, denen man aber den jüdischen Charakter nicht anmerkt. Erst in der alten oder Esra-Synagoge befinden wir uns auf speziell jüdischem Boden, der, wenn man auch den vielen darauf bezüglichen Legenden nicht traut, gewiss viele Geschehnisse jüdischer Geschichte sich abspielen sah. Es ist ein länglich quadratischer Bau, mit einer Seiten-Kammer, die, mit rotem Teppich ganz überzogen und mit Lampen versehen, ein gany,

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